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Besucherschwund: Tote Hose auf Mallorca

Dramatischer Rückgang bei Reisen nach Mallorca: 22 Prozent weniger Urlauber landeten im März in Palma. Die Wirtschaftskrise und ein verregneter Saisonstart machen den Hoteliers der Insel zu schaffen, die Touristen jetzt mit Preisnachlässen ködern. Wie Urlauber von der Krise profitieren.

Von Till Bartels

Die Wettervorhersagen für das lange Himmelfahrts-Wochenende auf Mallorca sind sonnig. Doch dunkle Wolken ziehen auf, wenn sich Hoteldirektoren zur Buchungslage äußern. Die Aussichten auf die Hochsaison im Sommer sind trübe.

"Wir erleben schwierige Zeiten", sagt Miquel Nadal, der Tourismusminister der Balearen. Wie stark die Einbrüche sind, belegen Zahlen des Touristik-Amtes von Mallorca, die stern.de vorliegen: So reisten im März im Durchschnitt 22 Prozent weniger Gäste mit dem Flugzeug nach Mallorca. 405.000 Urlauber flogen noch auf die Feriensinsel. Mit einem Minus von 13,4 Prozent auf knapp 204.000 Touristen halten die Deutschen ihrem "17. Bundesland" noch eher die Treue als andere Gäste. Schlimm sieht es vor allem mit dem innerspanischen Tourismus aus. Im Vergleich zum Vorjahr blieb mehr als ein Viertel der Spanier vom Festland aus. Bei den Briten blieb in diesem Jahr jeder dritte Mallorca-Urlauber zu Haus oder reiste woanders hin. Die Deutschen stellen auf der Insel mit Abstand die größte Besuchergruppe, gefolgt von den Spaniern und mit einigem Rückstand auf Rang drei den Briten.

Nach Angaben der mallorquinischen Hoteliervereinigung FEHM war während der Osterferien über die Hälfte der Hotels geschlossen. Dabei lagen in diesem Jahr die Osterfeiertage im Monat April, der einen späteren Saisonstart eher begünstigt. Erst im Laufe des Mai öffnen die meisten Ferienhotels auf der Insel. Aber einige Häuser werden 2009 keinen Gast empfangen. Angesichts der schwachen Buchungslage verknappen Kettenhotels, die über mehrere Häuser an einem Ort verfügen, ihre Bettenkapazität und verteilen ihre Gäste auf andere Unterkünfte. Das senkt die Fixkosten angesichts des Horrorszenarios für Hoteliers: sommerliche Temperaturen, leere Betten, aber kein Urlauber in Sicht.

2009 wird ein Jahr der Schnäppchen

Beängstigt ruhig wirken in diesen Tagen die Ferienhochburgen Mallorcas. Mitte Mai bleiben in der Fußgängerzone von Cala Millor die Tische der Straßencafés unbesetzt. In Cala Ratjada kann sich niemand über krakeelende Urlauber beschweren. Gespenstisch aufgeräumt sieht Magalluf an der Westküste aus, wo sich sonst die Briten tummeln. An der kilometerlangen Strandmeile Platja de Palma locken improvisierte Zettel in den Fenstern kleiner Hotels mit Zimmerpreisen für 20 Euro die Nacht.

"Bis auf die Hersteller von Toilettenpapier sind alle Wirtschaftszweige von Talfahrt betroffen", sagt Marcus Reed. Dem aus London stammenden Hotelier macht nicht nur die Finanzkrise in seiner Heimat zu schaffen, sondern die Abwertung des britischen Pfunds. Damit verteuert sich der Mallorca-Urlaub für seine Landsleute um 20 Prozent. Reed, der mit seiner Familie ein feines Landhotel führt, sah sich daher gezwungen, die Preise zu senken. "Die Leute achten in diesem Jahr auf ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis."

Auch die großen Ferienhotels müssen Zugeständnisse beim Preis machen. Die großen Reiseveranstalter haben nachverhandelt und die Frist ihrer Frühbucherrabatte mehrmals verlängert. Jetzt schlägt für spät entschlossene Urlauber die Stunde des Sparens. Lokale Platzhirsche wie die Viva Hotels räumen in mehreren Häusern ihren Gästen 30 Prozent ein und legen ein VIP-Paket mit "Begrüßungsgetränk, einer Flasche Sekt und Früchte im Zimmer" oben drauf. Bei den Protour Hotels sollen ähnlich hohe Sonderrabatte die Urlauber anlocken. Mit dem Monat Mai hat die Schnäppchenjagd auf Mallorca begonnen.

Schuld ist das Wetter

Bei der Ursachenforschung für die Rückgänge führen die Spanier als erstes das Wetter an. Im Gegensatz zu den Temperaturrekorden in unseren Breitengraden fiel der April auf Mallorca ins Wasser. Durch heftige Regenfälle mieden kurzfristig buchende Urlauber die Insel. Jetzt zeigt sich die Insel üppig begrünt wie seit Jahren nicht mehr.

Die Talfahrt des Tourismus auf Mallorca ist auch hausgemacht. Spanien gehört zu den EU-Ländern, die von der Finanzkrise am härtesten getroffen werden. Bei einem zusammenbrechenden Immobilienmarkt und einer Arbeitslosenquote von 17,36 Prozent verzichtet die Bevölkerung zwangsläufig auf Urlaub. Für den Dienstleistungssektor auf Mallorca lässt sich die hohe Erwerbslosigkeit auch positiv interpretieren. "Wir können uns vor Bewerbungen kaum retten", so die Verkaufschefin eines Hotels an der Ostküste. "In dieser Saison können wir mit so gutem Personal wie schon lange nicht mehr starten." Das hat einen weiteren Vorteil für Urlauber aus dem Norden. Das häufig kritisierte Service-Niveau auf der Insel dürfte sich verbessern.

Die Krise hat auch ein Segment erwischt, das bisher nur Wachstumsraten kannte. Nicht nur die Drei-Sterne-Hotels in den Touristenzentren an der Küste sind betroffen, sondern auch die Luxushotellerie. Im Künstlerort Deià an der Nordwestküste laufen die Buchungen für den Sommer nur schleppend ein. "Die Leute kommen immer kürzer", beobachtet Louise Davis vom Hotel la Residencia. In diesem Jahr hat die Edel-Finca zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Mindestaufenthalt von fünf Tagen in der Hochsaison gestrichen. Zum Erliegen gekommen ist auch der profitable Incentive-Markt. Firmen fliegen ihre Führungskräfte zur Aufsichtsratssitzung mit ausgiebigem Golfspiel nicht mehr nach Mallorca. "Auch wenn das Geld noch vorhanden ist, es wird nicht ausgegeben", so Davis. Weil in Krisenzeiten der Spesen-Tourismus im Fünf-Sterne-Hotel als nicht mehr zeitgemäß erscheint.

Ultra-kurzfristiges Buchen

Noch bitterer sieht es auf der Schwesterinsel Menorca aus. Um fast die Hälfte schrumpfte der Zahl der Touristen vom spanischen Festland und Großbritannien im Frühjahr. Für die Sommermonate haben bereits Airlines ihre Flüge ins benachbarte Mahón reduziert. Für Mallorca bleiben die Verbindungen dagegen optimal. Zur Freude der spontanen Bucher. Denn kein anderer europäischer Ort wird von fast allen deutschen Flughäfen so oft nonstop angesteuert wie Palma de Mallorca.

Die Zeichen der Zeit sprechen für eine Renaissance der Last-Minute-Reisen. "In den letzten drei Monaten konnten wir bei Mallorca-Reisen ein Ticket-Plus von rund 15 Prozent gegenüber Vorjahr verzeichnen", sagt die Sprecherin von L'Tur, dem Marktführer von Last-Minute-Reisen. Dem Argument, das Veranstalter die Kapazitäten auf der Insel bewusst knapp halten, setzt sie entgegen: "Das Angebot ist so groß wie noch nie."

Sie suchen ein Hotel auf Mallorca?

Die stern.de-Redaktion hat Ferienhotels auf Mallorca unter die Lupe genommen und beurteilt die Häuser anhand von vier Kriterien: Wo Sie in der ersten Reihe Urlaub machen.

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