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Reisetipp: Dublin ist voller Musik – in den Pubs und auf den Straßen

In Dublin ist Musik an jeder Ecke zu hören. Auf den Straßen und in den Pubs der irischen Hauptstadt spielen Musiker allabendlich Konzerte. Die Besucher können sich von Session zu Session treiben lassen.

Von Fiona Weber-Steinhaus

Dublin ist voller Musik – in den Pubs und auf den Straßen

Der Bürgersteig als Bühne: Straßenmusiker und Nachtschwärmer in der Altstadt von Dublin

Frances Kennedy, eine kugelrunde Frau mit Dauerwelle und Tüllschal, wartet auf ihren Einsatz im Cobblestone Pub in Dublin. Als sie ihren Barhocker zurechtrückt, wird es ruhig im Raum. Kennedy ist in Irland als Sängerin und Geschichtenerzählerin bekannt, ihr Ryanair-Song auf Youtube wurde tausendfach geklickt. Kennedy atmet tief durch, dann erklingt ihre glockenklare Stimme. Sie singt ein irisches Lied, das alle berührt. Diese zwei Minuten in der Kneipe gehören ihr. Die Menge jubelt.

Frances Kennedy und ihr Mann Patsy, beide um die 60, sind aus der Grafschaft Kerry für ein Wochenende nach Dublin gereist, um so viele Sessions mitzunehmen wie möglich. Deswegen sind sie ins Cobblestone gekommen, das kulturelle Zentrum der traditionell-irischen Musik. Die Stühle und Tische abgewetzt, an der langen Holztheke werden Bier und Chips serviert. In der Ecke zeugt ein Schild von dem, was hier wichtig ist: "Bitte respektiert die Musiker", steht dort. Gäste, die zu laut reden, werden zurechtgewiesen.

In der irischen Identität ist Musik fest verankert

Sessions im Cobblestone Pub sind lockere Zusammentreffen von Musikern, die traditionelle Melodien mit hübschen Namen wie Slip Jig oder Hornpipe spielen – und improvisieren. Es gibt keine Notenblätter, manche Lieder entwickeln ihren Zauber aus dem Moment. So beginnt eine Geigerin, andere Musiker stimmen mit Akkordeon, den Tin Whistles, dem irischen Dudelsack und der Handtrommel ein. Wer sich traut, singt mit.

Starker Auftritt: das Zentrum mit der O'Connell-Brücke über den Fluss Liffey

Starker Auftritt: das Zentrum mit der O'Connell-Brücke über den Fluss Liffey

"Früher waren bei Sessions eher knorrige Typen mit Schiebermütze, jetzt kommen Studenten aus aller Welt", sagt Tom Mulligan. Der 65-jährige Besitzer des Cobblestone gilt als gütiger Patriarch der Szene. Seit fünf Generationen wird die Liebe zur irischen Musik in seiner Familie weitergegeben. Mulligans Bruder Neil ist einer der bekanntesten Dudelsackspieler Irlands. Den Pub kaufte Mulligan vor 30 Jahren, als er bei einer Versicherungsfirma rausgeschmissen wurde. Damals war Smithfield keine gute Gegend, erzählt er, Schlägereien waren an der Tagesordnung. Mit der Musik hat sich das grundlegend geändert. Anfang der Neunziger organisierte Mulligan die erste Session, inzwischen laufen sie mehrmals täglich.

In der irischen Identität ist Musik fest verankert, sie ist kultureller Teil des Kampfes um die Unabhängigkeit von Großbritannien. Längst gilt irische Musik als beliebtester Exportartikel nach Guinness und Kerrygold-Butter. Das liegt auch am Erfolg von Bands wie den Dubliners und den Fureys, vor allem aber an Riverdance. Die Tanz- und Musikshow um den Tänzer Michael Flatley entwickelte sich nach einem Auftritt beim Eurovision Song Contest 1994 zum internationalen Erfolg.

"Riverdance hat es als Arbeitgeber möglich gemacht, dass viele von der traditionellen Musik leben können", sagt Brian Doyle, Mitarbeiter des Irish Traditional Music Archive. Balladensänger, erzählt der 53-Jährige, waren im 19. Jahrhundert so etwas wie akustische Lokalzeitungen. Für ein paar Münzen trugen sie vor, was auf dem Dorf gerade passierte, wer in Wirtshausschlägereien verwickelt oder wer im Pub gar erstochen worden war. Danach drückten sie den Käufern das Papier mit den zuvor gesungenen Zeilen in die Hand.

Musiker treffen sich zu einer Session im Cobblestone Pub

Musiker treffen sich zu einer Session im Cobblestone Pub

Wenn heute Menschen die sogenannten "ballad sheets" im Nachlass von Verwandten finden, bringen sie diese ins Archiv. Andere kommen mit einer Bitte. "Gestern rief ein Mann an und suchte ein Lied, das seine Oma gesungen hatte; irgendwas mit einem Hufeisen und einer Tür", erzählt Doyle. Er erkannte es sofort. Die Ballade heißt "The Cottage with the Horseshoe over the Door", geschrieben in den 30er Jahren.

Die Dubliners traten früher gern im O'Donoghue's auf

In Dublin ist Livemusik allgegenwärtig. Die Einkaufsstraße Grafton Street gilt als Wallfahrtsort der "busker", der Straßenmusiker. Hier begann die Karriere von U2. Vor Heiligabend singen Bono, Damien Rice und Glen Hansard oft Weihnachtslieder mit Passanten. Hier beginnt auch der Film "Once", in dem sich ein Straßenmusiker in eine Fremde verliebt. In vielen Pubs spielen die Bands nicht auf einer Bühne, sondern sitzen am Tisch, wie alle anderen Gäste auch. Die Dubliners traten früher gern im O'Donoghue's auf, einem gemütlichen Altherrenpub um die Ecke des Musikarchivs. Im Teacher's Club trifft sich freitags oft der Sängerklub "An Góilín", während im Viertel Temple Bar junge Songwriter gegen grölende Sauftouristen ansingen.

Die Temple Bar heißt wie das Touristenviertel

Die Temple Bar heißt wie das Touristenviertel

Einheimische sind hier kaum zu finden, die gehen lieber ins Celt. Am Samstagabend ist es in dem Pub brechend voll, die Luft biergeschwängert. Drei Musiker mischen Hits von Robbie Williams oder Ed Sheeran mit traditionell-irischen Songs wie "Waila, the Woman from the Woods". Es klingt wie ein heiteres Schunkellied und wurde früher auf Schulhöfen gesungen, handelt aber von einer Frau, die ihren Säugling ersticht und gehängt wird.

"Typisch irischer Humor", sagt Besitzer Noel Tynan. Der 58-Jährige ist überzeugter Republikaner. Im Raum hängen irische Flaggen und Zeitungsausschnitte, einer berichtet von den ersten Drillingen, die in der neu gegründeten Republik Irland geboren wurden. Viele Fotos zeigen Anthony Kearns, der früher als Barkeeper im Celt arbeitete. Später wurde er als Mitglied des Trios The Irish Tenors bekannt und sang für Papst Franziskus und Barack Obama.

In der Nähe der Musiker versucht ein Mann, den traditionellen irischen Steptanz zu imitieren. Er hopst und trippelt von einem Bein aufs andere. Kurz darauf fangen Frauen an zu tanzen, sie strecken ihren Arm nach oben und balancieren ihr Bierglas über dem Kopf. "I will wait for you", singt ein Musiker, einen Gassenhauer der Band Mumford & Sons. Da greift ein offenbar betrunkener Gast den Barmann an und würgt ihn, einen Meter vor den Musikern. Zwei andere Barmänner werfen den Randalierer raus. Die Stimmung ist ungetrübt. Die Musiker spielen unbeeindruckt weiter, die Menge tanzt.

Ein Hase sitzt am Dublin Airport im Schnee
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