Heliskiing am Monte Rosa Engel kommen von oben


Wo sich am Heliskiing niemand stört: Auf der italienischen Seite der Walliser Alpen werden Skifahrer in 4000 Meter Höhe abgesetzt. Logiert wird in preiswerten Unterkünften mit köstlicher Küche.
Von Gernot Kramper

Halsbrecherische Aktionen wie im Aktionfilm "Triple-X" sind trotz Hubschrauber nicht angesagt, sondern Vorsicht und Konzentration. "Ihr macht, was ich sage. Das ist keine planierte Piste und kein Schnupperhang mit Pulverschnee." Zack. Befehlsempfang auf dem Gletscher. Frank, der Guide, blickt streng.

So majestätisch wie er daliegt, auf einem endlosen Plateau, so trügerisch ist der Gletscher. Unter dem Schnee laufen Risse, Spalten. Tiefe Schlünde für einen kalten, ewigen Schlaf. Für Laien sind sie nicht zu erkennen, für den Führer schon. "Wenn ich sage, ihr fahrt jetzt hinter mir her, dann heißt das ein Meter links oder ein Meter rechts von meiner Spur. Aber nicht zwei Meter." Immer wieder soll es zu Unglücken kommen, wenn Fahrer sich überschätzen. "Anfänger sind nicht das Problem. Irgendwie bringen wir hier jeden runter", sagt Frank. "Aber wenn die Leute gut sind, auch Tiefschneeabfahrten beherrschen, wird es schwierig. Sie kennen die Gefahr am Gletscher nicht, glauben aber, dass sie sich nicht vom Führer ausbremsen lassen müssen. Und dann passiert es."

Von diesen Gefahren ist in der Gruppe wenig zu spüren. Die "Guten" fahren locker ihre Schwünge, die weniger "Guten" leiden unter der Höhenluft. Selbst einfache Passagen strengen bei 4000 Metern an. Immer wollen die Schwünge berichtigt werden, um nicht den magischen Abstand zur Leitspur zu verfehlen. Für uns verengt sich die eben noch so endlose Weite des Weißes zu einem schmalen Korridor von wenigen Metern, entsprechend konzentriert wird gefahren. Über uns liegen die Walliser Berggipfel, auch die Dufourspitze, der höchste Berg der Schweiz, ist zu sehen. Rund herum schieben sich die Gletscherzungen in endlosem Weiß über das Plateau. Die Eismassen schmiegen sich um Felsen herum und gleiten hinab ins Tal wie ein königlicher Mantel.

Hubschrauber statt Skilift

Vorhin ging es in weniger majestätischer Haltung in den Hubschrauber hinein. Schnell, schnell ist die Devise. Zeit ist Geld. Der Flug mit dem Hubschrauber wird nach Minuten bezahlt. Dafür ist die Aussicht unbezahlbar. Die Maschine schwenkt und schmiegt sich scheinbar an die Berge an. Ein grandioses Gefühl der Schwerelosigkeit, für das allein sich der Ausflug lohnt. Nach der Landung muss man in die Knie, sich wegducken im Wirbel der Rotorblätter. Ohrenbetäubend der Lärm, doch nur wenige Sekunden nach dem Abflug bleibt man auf der riesigen Gletscherplatte allein zurück. Nur der Schnee knirscht unter den Stiefeln.

Der Berg zwingt bestimmte Routen auf. Am Ende des menschenleeren Plateaus kommen Tourengeher auf Fellen entgegen. Sie wählen die sportliche, ehrenhafte Art des Aufstiegs. Schritt für Schritt arbeiten sie sich in eine Höhe vor, in die wir mit Lift und Luftweg gelangten. "Tourengeher gibt es bei uns jede Menge", weiß Frank. Er gehört zur Bergwacht. In der letzen Nacht ist ein Fahrer aus einer anderen Tourengruppe im Wald gestürzt. Ein erfahrener Mann. Es ist spät geworden. Für den Rettungshubschrauber war das Wetter zu schlecht. Noch beim Abendessen sind die Retter aufgebrochen. Sie haben den Verletzten geborgen und ins Tal heruntergeschafft. Um vier Uhr morgens ist der Guide dann ins Bett gekommen, Treffpunkt mit uns war um acht in der Früh.

Auf der Südseite der Walliser Alpen

Trotzdem sieht man Frank die Anstrengung nicht an, uns schon. Hier oben erkennt man, warum das Gebiet an der Südseite der Walliser Alpen unter Tiefschneespezialisten so berühmt ist. Das italienische Gressoney ist ein Seitenarm des Aostatales. In Deutschland ist das Gebiet wenig bekannt, obwohl es vom Flughafen Mailand leicht zu erreichen ist. Nirgendwo sonst in Europa kann man so hoch hinaus und so viele Plätze mit dem Hubschrauber anfliegen wie im italienischen Monte Rosa. Hier konnten sich die "Heliguides" ihre Routen bewahren. Ein Grund ist, dass sich niemand vom Lärm der Hubschrauber gestört fühlt. Ein zweiter, dass die Helifahrer aus den ganz normalen Skigästen, aus Abfahrfahrern und Tourengehern bestehen und kein elitärer Jet-Set-Zirkel über die Köpfe der anderen Gäste hinweg kutschiert wird.

Gressoney, ein langgestrecktes Tal, wurde einst von den Waldensern besiedelt. Die alten Bauernhäuser zeigen heute noch die typische Form. Viele Dächer sind mit Granitplatten gedeckt. In manchen Gaststätten sprechen die alten Wirtsleute das alemannische Deutsch. Vor allem wurde die gute und kräftige Küche des Aostatals bewahrt. Honig und Würste, Grappa und Gemsenfleisch.

Auch im Hotel "Dufour". Der Speisesaal italienisch, sachlich kühl ausgeleuchtet, aber das Essen! Grandiose, typische, norditalienische Gerichte. Für ein Drei-Sterne-Haus eine Sensation, zumal das Hotel direkt am Lift liegt. Wen es noch weiter nach oben zieht, der kann auf einer der Hütten direkt im Skigebiet übernachten. Carlo, Leiter der Skischule am Monte Rosa, klagt, dass bei diesem Teil der Alpen viele gar nicht an Italien dächten. "Ihr Deutschen glaubt doch auch: In Italien gibt es Südtirol und dann kommt schon die Adria."

Ganz unrecht hat Carlo nicht. Das präparierte Skigebiet erstreckt sich über drei Täler ohne die zweifelhafte Kirmesstimmung der französischen Skischaukeln. Für Freerider und Tourengeher sind die Möglichkeiten unendlich. Dabei muss das Gebiet um den Monte Rosa keinen Vergleich scheuen. Und schon gar nicht, wenn man bereit ist, die Preise mit dem berühmteren, schweizerischen Nachbarn zu vergleichen, denn Orte wie Zermatt lassen sich die Lage unterm Matterhorn von den Touristen vergolden. Carlo und seine Kollegen sind dagegen sehr maßvoll.

Aber natürlich kostet Heliskiing Geld, für den Führer, für den Hubschrauber, der mit 90 Euro pro Person und Flug zu Buche schlägt. Wenn man es krachen lässt, mit mehreren Flügen am Tag, kommt am Ende der Woche schon eine Summe zusammen. "Wir haben hier oben eine unglaubliche Vielfalt. Da gibt es extrem schwierige Routen und auch Skifahrer, die so etwas suchen", sagt Carlo. Zerklüftete Gletscher mit anspruchvollen Spaltenzonen, schwierige Eishänge - Touren, die nur von erfahrenen und sehr disziplinierten Skifahrern bewältigt werden können. "Das ist dann kein Spaß, das ist ein ernsthafter Sport. Aber so gut muss nicht jeder nicht sein", so Carlo, wissend, dass auch wir nicht zu den Cracks gehören. "Man kann ganz normal auf der Piste fahren oder eine Abfahrt mit Hubschrauber und Guide auswählen, um einmal das Skierlebnis in großer Höhe zu erleben. Aber dann kommt man vielleicht nie wieder davon los."


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