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Hausberge und Dachterrassen Im Himmel über Barcelona

Dachterrasse des Grand Hotel Central.
Zu den Füßen der Metropole: Pool auf der Dachterrasse des Grand Hotel Central.
© Gunnar Knechtel
In den Gassen von Barcelona herrscht stets Gewimmel. Wem es zu laut und zu eng wird, weicht aus in Richtung Himmel: auf die Hausberge der Stadt oder auf einer der Dachterrasse immer mit klarer Luft und weitem Blick.

Es ist noch dunkel, als Carlos Gella nach draußen tritt und die klare Morgenluft einatmet. Gleich wird die Sonne die Sicht über die Stadt anknipsen. Im Frühjahr geht sie über dem Meer auf, als hätte sie nachts kurz ein Bad genommen. Zu dieser Jahreszeit ist Gella, 48, noch ein bisschen lieber hier als sonst, auf seinem "Balkon", wie er diesen Ort nennt, der streng genommen ein Plateau auf dem Hausberg Tibidabo ist. Am frühen Morgen hat Gella es für sich allein. Der Ausblick zählt zu den schönsten der Stadt: Barcelona liegt wie ein Teppich vor ihm. In der Mitte ist das Schachbrettmuster des modernistischen Viertels Eixample eingefräst, rechts vorn das Fußballstadion Camp Nou, links hinten die Zwillingstürme am Meer.

Seit seiner Kindheit kommt Gella hierher, erst mit seinen Eltern, dann mit seiner Familie, immer wenn ihm die katalanische Metropole zu eng, zu laut, zu stickig wird. Und weil er mit diesem Bedürfnis nicht allein ist, hat er seine Passion zum Beruf gemacht. Mit einem Freund organisiert er Touren und Spaziergänge in der Umgebung. "Die meisten Touristen wissen nicht, dass Barcelona diese grüne Lunge hat", sagt Gella. "Viele Einheimische übrigens auch nicht, obwohl der Tibidabo unübersehbar ist." Oben, auf gut 500 Metern, thront die Kirche Sagrat Cor, davor der dreieckige Fernsehturm von Norman Foster und der 116 Jahre alte Vergnügungspark Parc d'Atracions Tibidabo.

Der Berg gehört zur Serra de Collserola, die die Stadt im Nordwesten begrenzt. "Viele Katalanen hatten in dem Gebirge ihre Gärten und bauten hier Obst und Gemüse an", erzählt Gella, während ein älterer Mann mit einem Bündel wildem grünem Spargel vorbeiläuft. Den gibt es hier zuhauf. Auch Feigen- und Pflaumenbäume wachsen zwischen den Pinien. Die Wege am Berg eignen sich gut zum Wandern und Mountainbiken, hin und wieder geben die Bäume den Blick auf die Stadt frei.

Barcelona, die beengte Metropole

Laut der Statistik ist Barcelona seit den 70er Jahren kaum gewachsen – vorn das Meer, hinten die Berge, viel Platz zum Ausbreiten bleibt nicht. Die Touristenzahlen aber haben sich seit 1990 verfünffacht. Längst herrscht in der Stadt, die schönes Wetter, berühmte Architektur und gutes Essen verspricht, durchgehend Betrieb. Auch der Stadtstrand ist bei gutem Wetter überlaufen, Grünflächen sind rar. Ursprünglich sah der Entwurf des Eixample vor, dass jeder Wohnblock seinen eigenen kleinen Park im Innenhof haben sollte Doch dann entschied man sich gegen die Parks – die Flächen wurden einfach zubetoniert.

Weil es auf dem Boden eng wird, weicht die Stadt in die Höhe aus. Immer mehr Flachdächer werden als Gemeinschafts- oder Privatterrassen genutzt, fast jedes Hotel, das etwas auf sich hält, hat eine Terrasse mit Rooftop-Bar, in der nicht nur Hotelgäste den "Vermut" am Abend genießen können. Der Infinity-Pool auf dem Dach des Grand Hotel Central scheint auf die rosa Dächer des angrenzenden Viertels El Born zu schwappen. Die Stadt liegt zu Füßen. Man muss nur den Aufzug finden.

Mit der Seilbahn über den Hafen

Ebenfalls mit dem Lift geht es hinauf zum Torre Sant Sebastià, der alten Gondelstation am Strand von Barceloneta. Zur Weltausstellung 1929 sollte die Bahn in Betrieb gehen und Gäste auf den Montjuïc, Barcelonas zweiten Hausberg, befördern. Doch damals liefen noch Schiffe mit hohen Masten in den angrenzenden Industriehafen ein, die Seile der Seilbahn waren zu niedrig geplant, und ihre drei Türme mussten aufgestockt werden. Erst zwei Jahre später wurden sie fertiggestellt. Bei der Mittelstation verläuft die Bahn nun bis zu 100 Meter hoch.

Eine alte Seilbahn verbindet den Montjuïc mit dem Strand von Barceloneta
Eine alte Seilbahn verbindet den Montjuïc mit dem Strand von Barceloneta
© Gunnar Knechtel

Eine Fahrt in den alten, roten Gondeln verschlägt den Atem. Beruhigend, dass jedes jedes Mal eine Begleitperson, ein "Cabiñero", mit einsteigt. An diesem Morgen hat Hugo Inostroza, 47, Dienst. Tausende Male ist er hier in den vergangenen zwölf Jahren hin- und hergegondelt. "Ich weiß blind, wo wir gerade sind", sagt er. "Wenn die meisten ‚Ohs' und ‚Ahs' einsetzen, haben die Leute die Rambla entdeckt." Bis zu 20 Passagiere dürfen in der Kabine mitfahren. Als erste warten um Punkt neun Uhr die Asiaten, im Sommer stehen die Touristen manchmal zwei Stunden Schlange. Aber schneller als knapp 15 Stundenkilometer kann die Seilbahn nicht fahren, "das ist schon doppelt so schnell wie in ihren Anfängen", sagt Inostroza. "Die Technik wurde modernisiert, ausgefallen ist die Gondel noch nie."

Bis zu Olympia 1992 führte der Montjuïc eher ein Schattendasein. Oben stand zwar schon seit dem 17. Jahrhundert das Castell, wo später Diktator Franco Gefangene einkerkern ließ und heute am Wochenende im Burggraben Bogenschützen trainieren. Doch erst als die Stadt fast alle Sportstätten der Olympischen Spiele auf dem Montjuïc baute, wurde der Hausberg richtig angenommen. Unvergessen die Bilder der Turmspringer, wie sie in die Kulisse der Stadt einzutauchen schienen.

Zum Picknicken auf dem Montjuïc

Heute strömen am Wochenende Eltern mit ihren Kindern zum Picknicken auf den Montjuïc, in sein Labyrinth aus Parks und Gärten. Oder sie gehen ins Martínez. Das Restaurant mit eigenwilliger Konstruktion aus Stahl, Glas und schwarzrotem Schiffscontainer ist für seine Paella bekannt, vor allem aber für seine spektakuläre Aussicht – und die gelegentlichen Besuche der Stars vom FC Barcelona. Auf der Klippe oberhalb eines Palmenhains stand früher eine Grillhähnchenbude, erzählt Marta Romaguera, 30, die hier "erst als Kellnerin, jetzt als Restaurantchefin, Clown, Feuerwehr und Seelsorge" fungiert. Seit vier Jahren steigt Romaguera morgens zu Fuß 20 Minuten den Hügel hinauf. Dann setzt sie sich erst einmal hin, trinkt Kaffee und schaut auf die Stadt, die allmählich aus ihrem Dämmern erwacht – und auf den längst munteren Hafen.

"Wer den Ausblick nicht zu würdigen weiß, hat hier nichts verloren", sagt Romaguera. Am liebsten hat sie die Regentage, dann sei die Atmosphäre hier oben fast mystisch, auch wenn es draußen auf der großen Terrasse mit den bunten Lichterketten lange Zeit in die Paella tropfte. Kürzlich wurde ein ausfahrbares Verdeck angebracht. Jetzt gibt es endgültig keinen Grund mehr, den einmal ergatterten Tisch vorzeitig zu verlassen.


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