Italien Zum Wohl! Mit guten Weinen baden gehen

Im Wein liegt nicht nur Wahrheit, sondern auch Schönheit: Bei der Vinotherapie werden Trauben und Kerne zu Massagen, Peelings und Bädern verwendet. Wir haben drei Schönheitstempel in Italien besucht.
Von Daniela Horvath

Bei Carla in Cogne ist die Weinkur eine ganz romantische Sache. Sanftes Blubbern empfängt den Körper in der Badewanne aus massiver Bronze. Zarter Duft nach Wein, Zimt und Honig steigt vom Wasser auf und erfüllt den kleinen Raum. Im Kerzenschein sind die Umrisse eines antiken Holz-Chalets zu erkennen, an den Balken reiche Schnitzereien: das Königswappen der Savoyer, das Christenkreuz, das Symbol der Region Valle d'Aosta. Von irgendwoher plätschern jazzige Saxofontöne ans Ohr und mit ihnen die Gewissheit: Man liegt hier nicht wirklich im sagenumwobenen "Valheureusa", dem "Tal der Glücklichen", das vor gut 1500 Jahren nahe des Gran Paradiso existiert haben soll. Aber seine Kuschel-Kopie, die als "La Valheureusa - Spa de Montagne" im schönsten Hotel von Cogne auferstanden ist, macht so wohlig und friedlich, dass wenig fehlt zur Seligkeit.

Viel Anteil daran haben Carlas Hände - sie ist die Masseurin im "Bellevue" - und eine Wellness-Variante, die in Frankreich und Italien immer mehr Anhänger findet: die Vinotherapie. Süffisante Kommentare wie "Betreibst du die nicht täglich?" oder "Nennt man Süffelreisen neuerdings Therapie?" sollte man überhören. Denn was in den Trauben steckt, hält die Wissenschaft inzwischen für eine veritable "Anti Aging"-Rezeptur. Ihre Kerne und Schalen enthalten sogenannte Polyphenole. Sie helfen nicht nur Herzinfarkten vorzubeugen, sondern machen auch Jagd auf "freie Radikale", jene berüchtigten Molekül-Bruchstücke, denen wir Runzeln, Dellen und fahlen Teint verdanken.

Carla beginnt mit einem Ganzkörper-Peeling, angerührt aus zerstoßenen Chardonnay-Traubenkernen, Traubenkernöl und Tonerde: Leicht erwärmt aufgetragen und einmassiert, werden damit tote Zellschüppchen weggerubbelt, und die Haut wird schön rosig. Später sinkt man in die Bronzewanne des Chalets nebenan, ins "Bagno di Re Vittorio". Benannt nach der Jagdhütte der Savoyer Monarchen aus dem 18. Jahrhundert, die die Hoteliersfamilie Roullet im nahe gelegenen Valnontey vor Jahren ab- und in ihrem "Spa" originalgetreu wieder aufbauen ließ. Ins Badewasser wird ein mit Honig und Gewürzen angesetzter kräftiger Rotwein gegossen, aus dem 20 Autominuten tiefer gelegenen Aostatal. Dann stellt Carla die Whirl-Düsen auf Schongang und serviert ein Glas kühlen Champagner. Nein, niemand weiß, ob König Vittorio tatsächlich Weinbäder kannte, gesteht sie lächelnd, aber ist das Ritual nicht "molto simpatico"?

"Wir müssen uns was einfallen lassen für unsere Gäste", erklärt Hotelchef Piero Roullet später. Sein Haus, mit über 80 Jahren das älteste am Platz, wird von jeher als Familienbetrieb geführt, wie alle Hotels im 1550 Meter hoch gelegenen Cogne. Hier investieren keine potenten Hotelketten, das Städtchen hat nicht den Glamour des Nachbarorts Courmayeur. Dafür bietet es einen unverbauten Logenplatz mit Aussicht auf den Gran Paradiso, Großen Sankt Bernhard und Mont Blanc - und dazu passionierte Gastgeber. Im "Bellevue" hat Piero Roullet, der Antiquitäten-Jäger, alle 38 Zimmer wie schmucke Almhütten eingerichtet, Tochter Laura, die Spa-Chefin, gräbt ständig nach neuen Wellness-Konzepten, und Schwiegersohn Domenico, ein erfahrener Bergführer, rückt auf Wunsch mit den Gästen zum Steinbock- und Gemsen-Beobachten aus. In der Hotelküche steht ein Sterne-Koch, und im Weinkeller lagern rund 650 Flaschen mit feinsten Etiketten. Denn dogmatisch sehen die Roullets die Sache mit der Vinotherapie nicht: "Wenn Qualität und Menge stimmen, tut Rebensaft gut. Ob von innen oder außen."

Im piemontesischen Santo Stefano Belbo dagegen zelebrieren Emanuela und ihre acht Kolleginnen die Weinkur wie Hohepriesterinnen eines edlen Lifestyle-Ereignisses. Wo im 17. Jahrhundert die Franziskanermönche des Klosters zum Heiligen Mauritius ihre Festungsanlage betrieben, unterziehen die Damen vom Massage- und Kosmetikteam der französischen Vinotherapie-Erfinder Caudalie den Gast heute ebenso raffinierten wie wohltuenden Exerzitien. Aus einer Kristallschale trägt Emanuela das "Gommage Crushed Cabernet" auf, als wär's ein Gourmet-Gericht: Lagen aus dunklen Traubenkernen, Kernöl, grobem Meersalz und weißen Cremeflocken werden sanft mahlend in die Haut massiert. Bald breitet sich angenehmes Kribbeln aus, vom Hals bis zu den Füßen. Danach wird der ganze Körper in breite Lagen Folie und eine Thermodecke gepackt. Emanuela ist kaum zur Tür hinaus, da döst man schon weg wie ein frisch gewickelter Säugling. Babygleich fühlt sich auch die Haut an, 15 Minuten später unter der gigantischen Runddusche: Ströme dunkler Traubenkerne ergießen sich in die Steinkanäle, dann geht es weiter zur "Massage Pulp Friction" im Nebenraum. Nur wer im Oktober während der Weinlese kurt, kann diese wunderbare, glitschig-kühle Sauerei an sich erleben, wenn die Vino-Vestalinnen auf Bauch, Rücken, Schenkel und Schultern ihrer Gäste mit schnellen, massierenden Bewegungen pralle Trauben zerquetschen. "Die natürlichen Wirkstoffe im Fruchtfleisch", murmeln sie dabei, als wollten sie den Gott der Ewigen Jugend beschwören, "schleusen mehr Feuchtigkeit in die Haut als teure Bodylotions." Höhepunkt des Zeremoniells ist das "Bain Barrique" mit fein gemahlenem Trester und Ölen aus Traubenextrakt. Die Rundwanne gleicht einem Holzfass, sanft sprudelnd umgibt das Badewasser den Körper, während der Blick über die Weinberge der Langhe streift. Dorthin, wo Italiens eleganteste Gewächse reifen. Zwischen den Anwendungen - rund 20 Behandlungen stehen zur Wahl - ruht es sich gut auf ochsenblutroten Leder-Chaiselongues am Innen-Pool oder Rattanliegen auf der Außenterrasse, die wie ein Schiffsdeck hoch über dem Rebland ins Tal ragt. An klaren Tagen geht der Blick bis zu den Walliser Alpen.

Die schönheitsfördernde Wirkung der Traubensamen

Man schlürft Belebungstee aus roten Trauben, Minze und Rosmarin - und kann sich dabei von Spa-Direktor Stephane Bianchin in die Geheimnisse der wahren Vinotherapie einführen lassen. Etwa, dass es 1000 Kilo Traubenkerne braucht, um nur ein Kilogramm der wertvollen Polyphenole zu gewinnen. Dass es ein renommierter Pharmakologe der Universität Bordeaux war, der Mathilde und Bertrand Thomas - sie Erbin des bekannten Weinguts Chauteau Smith Haut Lafitte, er Manager eines französischen Kosmetikkonzerns - auf die schönheitsfördernde Wirkung der Traubensamen aufmerksam machte. Gemeinsam entwickelten sie ein patentgeschütztes Verfahren, um die Wirkung der Polyphenole in Pflegeprodukten zu stabilisieren. 1999 wurde in Bordeaux das erste "Caudalie Vinotherapie Spa" eröffnet, 2003 die Dependance im Piemont. An einem Ort beste Weine verkosten, feine Küche genießen und nebenbei noch was fürs äußere Wohlbefinden tun - das Konzept kommt an. Seit sich Caudalie im edel restaurierten Klosterhotel "Relais San Maurizio" im Grenzland zwischen Barbaresco- und Barolo-Lagen einquartiert hat, verdoppelte sich die Gästezahl nahezu.

Das ein wenig elitär anmutende Sendungsbewusstsein der Franzosen entschuldigt Spa-Chef Bianchin mit erduldetem Unrecht. Denn nur in Frankreich ist der Begriff "Vinotherapie" geschützt: "Hier in Italien kann sich jeder irgendwas zusammenpanschen und es Vino-, Öno- oder Uva-Therapie nennen."

Unter Emanuelas Händen sind ohne-hin alle Gäste gleich, ob nun - wie im Vorjahr - Monacos Prinzessinen-Tochter Charlotte Casiraghi vor ihr liegt oder die Frau des Hotelgärtners, der seiner Gattin die Wohltat zum Geburtstag schenkt.

Biokosmetik aus Traubenmost, Trester, Traubenkern- und Olivenöl

Im Herzen des Chianti kann man bei Marie-Sylvie urig weinkuren. Madame Haniez, gebürtige Pariserin und seit 25 Jahren Wahl-Toskanerin, hat vor drei Jahren den Natursteinkeller ihres verwunschenen Bauernhofs "Podere Terreno" bei Radda ausgeräumt und eine rustikale Wohlfühlzone eingerichtet: Mit großer Whirlpool-Wanne, Behandlungsliege - und Pflegeprodukten vom eigenen Weinberg. Aus Traubenmost, Trester, Traubenkern- und Olivenöl der sechs Hektar Rebland stellen Biokosmetiker in Florenz Masken, Peelings, Cremes und Badezusätze her. Auf Vorbestellung kommt dann Freundin Gabriella, eine erfahrene Masseurin, zur Behandlung ins Haus.

Die Gäste in Marie-Sylvies "Agriturismo" lieben das. Erst eine Trekking- oder Mountainbike-Tour durchs Hügelland zwischen Siena und Florenz - dann Entspannen im sprudelnden Weinbad oder auf der Massagebank. Bei Sonnenwetter knetet Gabriella auch mal im Freien, mit Blick auf das Schloss von Volpaia. Polyphenole, Antioxidantien - ideologischer Überbau interessiert die Besucher des "Podere Terreno" nicht wirklich: "It just feels good", kräht ein Kanadier fröhlich aus dem Weinschaumbad. Den meisten genügt das.

Abends dann sitzen alle zusammen am langen Tisch vor dem Kamin und lassen sich von Roberto, dem Hausherrn und Küchenchef, mit Pilzrisotto und gebratenem Rebhuhn verwöhnen. Man trinkt den eigenen Chianti Classico, den Sohn Pierfrancesco ausbaut. Der legt sich nach den anstrengenden Tagen der Weinlese auch gern selbst mal auf die Massageliege - und wundert sich heute noch, was man mit seinen Trauben so alles anfangen kann.

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