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KaZantip: Ballermann der Ukraine

Schweißnasse, nackte Körper. Stampfende, laute Elektromusik. Ist das der Ballermann auf Mallorca? Nicht ganz. Mehr als 150.000 junge Menschen feiern auf der ukrainischen Krim in einer Fantasie-Republik die Party ihres Lebens. Mit Sex, Drogen, Flirten und wenig Schlaf.

Von Christian Weiß

Jedes Jahr zwischen Juli und August ist die erfundene Republik KaZantip auf der ukrainischen Krim Anlaufstelle für Lebens- und Partyhungrige aus ganz Europa. Die meisten Besucher kommen aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Aber auch immer mehr Westeuropäer werden von dem Programm angezogen: 300 DJs, zwölf Tanzflächen auf 60.000qm, 24 Stunden rund um die Uhr.

Eine Republik im Rausch von Sex, Geld und Macht

"KaZantip republik" ist der verrückteste, berauschendste und längste Techno und House-Event der Welt. Eine virtuelle Republik gewidmet der Musik, Spaß und dem Glücklich-Sein am schönsten Sandstrand Europas – so wird auf der offiziellen Internetseite geworben.

Die Schönen, Reichen und Jungen haben sich das 500-Seelen-Dorf Popowka einverleibt. Seit das Event 1992 als Surferwettbewerb ins Leben gerufen wurde, hat sich einiges geändert. "KaZantip" ist zum Synonym für ein Paralleluniversum geworden. Hinter hohen Zäunen. Hier steht im Gegensatz zum "Woodstock"-Festival, mit dessen Lebensgefühl man gern kokettiert, besonders eins im Vordergrund: Geld.

Im Osten weht nämlich ein neuer Wind. Wer es sich leisten kann, zahlt für ein "Visum" umgerechnet 60 Euro. Danach wird er elektronisch gescannt und schiebt sich durch Drehkreuz und Sicherheitsschranken in die Republik. Zu Getränkepreisen wie auf Ibiza werden BMW-Autoschlüssel und Handys jetzt zu Caipirinha und lautem Baß herumgewirbelt.

"So teuer sind wir gar nicht. Umgerechnet muß jeder ja nur 1000 Pfandflaschen pro Jahr sammeln, um bei uns sein Visum zu finanzieren", sagt hingegen Sergej Litwinowskij, seines Zeichens Minister für Aussendarstellung.

Die Westpreise ziehen die Richtigen an. Junge, reiche Moskauerinnen im Leopardenbikini, lebenshungrige Modells im String und solche, die es um wirklich jeden Preis werden wollen, Ölmillionäre in den Dreißigern aus Dubai. Aber auch Wiktor Juschtschenko im Jahr 2002. Der ukrainische Staatspräsident habe sich dort die Seele aus dem Leib getanzt, so die Betreiber. Sie sind sich sogar sicher: Ohne "KaZantip" hätte es die Orange Revolution von Kiew nie gegeben. Erst in "KaZantip", sagen sie selbst, ist Juschtschenko erweckt worden und hat den Freiheitsdrang seiner Landsleute gespürt.

Die Republikbetreiber um den jung gebliebenen Chef Nikita Marschunok haben an alles gedacht – eine eigene Verfassung mit einer eigenen Regierung wurde erfunden. Mit einem "PreZidenten", einem eigenen Außenministerium für "Kommunikation mit der unvollkommenen Außenwelt", mit eigenen Ministern "für das Glück, für die Musik, für Tanz und Rave, für den Intellekt, für Visuelles und für Illusionen etc." und mit eigenen Gesetzen. Das oberste und wichtigste Gesetz jedoch, welches zu befolgen gilt ist: "Schastie" – sei glücklich und habe Spaß!

Regierende Millionäre, hohe Sicherheit, verlorene Freiheit

Hinter diesem Glücklich-Sein verbirgt die Betreibern immerhin eine Umsatz von etwas 3 Millionen Euro pro Saison. Mit steigender Tendenz. Dafür gelten auf dem Areal des Glücks, des Friedens und der Gleichheit Sicherheitsmaßnahmen auf höchstem Niveau: Videokameras, elektronische Pässe, spaßferne Schwarze Sheriffs. Gesponsert wird die Veranstaltung von Coca-Cola und Philip Morris. Verdienen würden sie selbst nichts an alle dem – jedoch schränkt Sergeij ein, dass man auch hier, "wie in jeder anderen nur halbwegs funktionierenden Demokratie vor Bestechung und Korruption nicht gefeit ist."

Für die Zukunft plant man eine Ausweitung auf das europäische Ausland mit einer Republik auf Zypern sowie dem Bau des größten temporären Hotels der Welt. Diese sogenannte "City" gleicht einer futuristischen Mondlandschaft und der Pressetext dazu liest sich scientologyhaft: "Ich bin heute gegen Mittag nach einem langen, tiefen und erholsamen Schlaf in meinem angenehm temperierten Zimmer aufgewacht. nach einer ausgiebigen Dusche habe ich mich ins Palastzelt zu einem ordentlichen Frühstück begeben. Dort traf ich ein paar Gleichgesinnte, welche ich bereits am Abend zuvor in der City kennen gelernt habe."

Die Kennenlernrituale hingegen sind deutlich archaischer. Unmengen junger, osteuropäischer Frauen sind hier auf der Suche nach Drogen, Alkohol und dem Glück und der Liebe im Westen. Das Anbaggern braucht kein langes Anquatschen. Haufenweise Männer sind hier offenkundig auf der Suche nach dem noch schnelleren Glück.

Und Sergej Litwinowskij, Mitte 20 und Außenminister "KaZantips", ist allein dafür da, in Zukunft mehr Techno-Freunde aus dem Westen anlocken. Der Wahlhamburger betreut eine Delegation, die "KaZantip" auf der diesjährigen Love-Parade vertritt. Auf den Frage nach den Vorwürfen eines "Drogen- und Sexmolochs KaZantip" reagiert er sehr abgebrüht mit Al Pacino: "Eitelkeit ist die größte Sünde des Menschen. Wenn diesen jungen Leuten ihre Eltern nicht beigebracht haben wie man sich in der Welt verhält, dann ist das so."

Das alles gleicht einer Mischung aus Beachclub und Ballermann – mit viel Wodka, Sonne, Sex und Drogen. Dafür bekommt man wenig Schlaf. Und die Erkenntnis, dass große Träume und Erwartungen auch im Osten langsam unbezahlbar werden.

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