Kleine Flucht Im Tal der Hexen und der Latschen


Abseits der Touristenströme lässt sich im Sarntal bei Bozen die Zeit vergessen. Sechs Gründe für eine Reise in das Tal, in dem Tradition und Moderne eine geglückte Verbindung eingegangen sind.
Von Gernot Kramper

Wie Kristall knirscht der Schnee, blau leuchtet der Himmel. Noch ein paar Schritte und es ist geschafft. Verwunschene Gestalten umringen das Gipfelkreuz auf der Hohen Reisch. Bei Kaiserwetter, im strahlenden Sonnenschein schauen die " Stoanernen Mandln" wie lustige Zwerge aus. Bei Nebel und Regen hingegen verwandelt sich der Ort in einen mystischen Platz. So unheimlich blicken dann die aufgeschichteten Steinhaufen ins Tal, dass der Wanderer ein Unwohlsein beschleicht und er seine Ruhepause am Gipfel nach wenigen Minuten beendet. Die Südtiroler Sagen raunen von einem Hexentreffpunkt. Hirten und Wanderer, die die Hexen bei ihren Riten zu stören wagten, wurden in die steinernen Gestalten verwandelt. Nur zu den Zusammenkünften der Unholden erwachten die Mahnmal wieder zu Dienst und Leben. Das gestand zumindest die Hexe "Pacher-Zottl" 1540 unter der peinlichen Befragung. Danach wurde die unglückliche Sarntheinerin verbrannt.

Das Herz von Südtirol

Die mäßig hohen Berge rund um das Sarntal ermöglichen einen grandiosen Rundblick - auf die Ortlergruppe im Westen, die Ötztaler Alpen im Norden, die Dolomiten im Osten. Fast 50 Kilometer lang windet es sich zwischen dem Penser Joch und Bozen von Norden nach Süden. Im Sommer führt der nördliche Weg ins Tal übers Joch, einen verschlungenen 2.215 Meter hohen Pass. Im Winter bleibt er gesperrt, der südliche Zugang bohrt sich durch endlose Tunnel in das abgelegene Tal. Bis in die dreißiger Jahre war das Sarntal nur über einen Fuß- und Karrenweg zu erreichen, konnte so bis heute viel von seinem ursprünglichen Charakter bewahren. Die Isolation dauerte an, bis der "gute Mussolini", so nennen ihn die Einheimischen tatsächlich, aber mit knurrend drohenden Unterton, die Straße in den harten Porphyr, dem Gestein der römischen Kaiser, sprengen ließ. Mussolinis erklärtes Ziel war es, die Kultur - seine Kultur - zu den germanischen Barbaren zu bringen. Was einst als Rückständigkeit galt, macht die Bewohner heute stolz auf die eigenen Traditionen. Die Touristenströme brausen auf den Verkehrsadern gen Süden an dem abgelegenen Tal vorbei. Ursprüngliche Landschaft und gelebte Tradition machen das Sarntal zum Geheimtipp.

Reisegrund 1: Trendsport Schneewandern

Mit Schneeschuhen lässt sich der mäßig steile Anstieg über das "Putzerkreuz" auf die "Hohe Reisch" und zu den "Stoanernen Mandln" auch im tiefsten Schnee bewältigen. Schon im Sommer sind die Wanderwege um das Sarntal nicht überlaufen. Im Winter belohnt den Wanderer das Erlebnis unberührter Schneefelder und herrlicher Einsamkeit unter strahlend blauem Himmel. Neben dem obligatorischen Anstieg zu den steinernen Männern bietet das Tal mehrere Routen für Schneegänger. Die Vorteile dieser Art von Wintersport überzeugen Jahr für Jahr mehr Urlauber. Die Investition bleibt überschaubar, außer den meist vorhandenen Stöcken benötigt der Schneewanderer lediglich ein Paar Schneeschuhe (Kosten etwa um 120 Euro), anders als bei Skitouren ist keine komplette Ausrüstung notwendig. Oswald Stimpfl, Mitverfasser des Führers Schneeschuhwandern in Südtirol hat 40 Touren zusammengestellt, viele davon liegen am Sarntal. "Es gibt so schöne Pfade und Stege bei uns, warum soll man die nur im Sommer nutzen können", sagt Oswald verschmitzt. Tatsächlich bieten Schneeschuhwanderungen dem Urlauber mit normaler Kondition Erlebnisse, wie man sie sonst nur auf erheblich fordernderen Unternehmungen wie hochalpinen Wanderungen oder Skitouren genießen kann. Die endlose Weite unberührten Schnees, kein menschlicher Fußabdruck auf den Feldern, rings die Stille des Waldes ein größeres Kontrastprogramm zum Ski-Kirmes ist kaum denkbar.

"Können kann das ein jeder", ist Oswald überzeugt. Die "Riesentappern" sind heutzutage leicht und aus Kunststoff. Vor allem sind sie so schmal, dass man nicht wie einst die Trapper mit weitgespreizten Beinen laufen muss. Die Leute hätten zu Haus mit dem Nordic-Walking die ideale Vorbereitung, meint Oswald. Einfach losgehen solle man dennoch nicht. Die größte Schwierigkeit sei die Orientierung im Gelände, im Winter, sobald Markierungen und Wegsteine unter Schnee verschwunden sind. Die Tourenvorschläge hat Oswald auch unter Sicherheitsaspekten zusammengestellt. "Wenn der Hang steil wird, wird es anstrengend und auch gefährlich. Unsere Wege führen nicht über weite steile Felder, die Lawinengefährdet sind."

Reisegrund 2: Berühmte Blondinen aus Südtirol

Walter, unser Wegbegleiter vom Auener Hof, ist Traditionalist. Gehstöcker beim Schneewandern benutzt der ehemalige Gebirgsjäger jedenfalls nicht. Wozu auch? "Ja, Stöcker sind eine feine Sache, wenn man 30 Kilo auf dem Rücken trägt", meint Walter. Voller Stolz zeigt er nach dem Abstieg die Haflinger im Stall. Im ganzen Tal begegnen einem die schönen Tiere auf Schritt und Tritt. Auch Walters Rössl sind traditionell, vom Reinkreuzen anderer Rassen, von mehr Araberblut hält Walter nichts. Auch nicht vom Training auf der Traberbahn. "Das ist gegen meine Philosophie", knurrt er. Der Haflinger ist ein Bauernpferd. Seine Tiere arbeiten im Winter im Wald und setzen mit dem Bauern das geschlagene Holz um. Und dann "brauchen die kein Training nicht." Nach Monaten harter Arbeit im tiefen Schnee kommen die Tiere im Frühjahr zum Bauern-Rennen. Dann seien sie so froh, dass sie endlich frei laufen können, da lassen sie alle anderen Pferde stehen, behauptet Walter stolz. Im Sommer können auch Urlauber mit den trittsicheren Tieren die hufeisenförmige Berglandschaft um das Tal erkunden. Haflinger sind gutmütig, geübte Kletterer und von unglaublichem Orientierungssinn. Auf den Tritt seiner Tiere könne sich jeder Gast "todsicher" verlassen, aber reiten müsse man schon können. Da hapere es manches Mal mit dem Touristen, so Walter, und er müsse die Tour deren Fähigkeiten anpassen. Untrügliches Indiz für Walter: "Je teuerer und neuer die Ausrüstung, umso schlechter die Reiter. Aber bis jetzt haben wir sie jedes Mal rauf- und wieder runter bekommen." Walter lacht und schaut seinem Lieblingstier verschwörerisch in die Augen.

Reisegrund 3: Weihnachtsmarkt in Sarnthein

Die Bauern sind herab gekommen von ihren Höfen ins Dorf. Manche trage die Feiertagstracht, viele die traditionellen blauen Arbeitsschürzen. Manchmal blitzt der lederne Leibgurt hervor, die "Faatsch". Über dem Dorf wacht trutzig die alte Burg Reinegg. Nicht zu übersehen ist das Weiterleben alten Kunsthandwerks wie der Federkielstickerei. Wer die komplizierte Tracht der Einheimischen zu deuten weiß, ist im Vorteil. Bei einem Mannsbild bedeuten rote Schnüre am Hut, dass er noch zu haben ist, grüne Schnüre hingegen: "Vorsicht, der Mann ist verheiratet." Vor der Kirche wird die Weihnachtsgeschichte aufgeführt, eben wird Josef, ein junger Mann mit halbmeterlangen Rasta-Zöpfen, so modern ist man also doch, vom hartherzigen Wirt der Schwelle verwiesen. Der Weihnachtsmarkt lädt zur Besinnlichkeit ein. Zum Konzert in der Kirche kommt man aus Bozen herauf. Auf den Ständen werden ausschließlich Produkte der Region angeboten. Elektronisches Asienspielzeug, für das gerade Italiener so empfänglich sind, wurde verbannt.

Auch Gregor Wenter trägt die roten Schnüre am Hut. Der Küchenchef des Hotels Bad Schörgau steht an seinem Stand auf dem Markt. Das Angebot: rustikale Gerstensuppe mit kräftiger Einlage und als Schmankerl oben drauf ein Schlag Latschenkieferpesto. Das kräftigt und wärmt auf nach der Wanderung. Ringsum knacken behaglich die Kieferfackeln auf dem Dorfplatz. Mit achtzehn Jahren hat es Gregor aus dem Tal getrieben, nach London. "Da wollte ich die Welt sehen. Dachte, das Tal kann ja nicht alles sein." Aber erst nachdem er zurückgekommen war, so sagt er, wisse er, wie schön es im Sarntal wirklich ist. Immer wieder hört man hier aus tiefsten Herzen die Sätze, die auch das Fremdenverkehrsbüro in seinen Broschüren in die Welt hinausschickt. Am Feuer wärmen sich die Hände und die Seele. In der vorigen, wie in allen drei Nächten der Donnerstage im Advent, zogen im Tal die Klöckel Gruppen von Hof zu Hof. Schellende, verkleidete Gestalten, bis zur Unkenntlichkeit vermummt. Mit Lärm und überlieferten Liedern vertreiben die Klöcker den Winter zur Wintersonnenwende. An einem geheimen Ort versammeln sie und brechen plötzlich mit Lärm und Getöse hervor. Ein heidnischer Brauch, der sich so nur im Sarntal bewahrt hat.

Reisegrund 4: Überraschendes Gewächs - Latschenwellness

Kurz vor Sarnthein geschmiegt an den Hang des Tales liegt das Hotel Bad Schörgau, geführt von der Familie Wenter. Spezialitäten sind hier die junge, wilde Küche Südtirols und alpine Wellnessanwendungen. Der Weg in den lichten Empfangsbereich führt am riesigen Hofhund Wanto vorbei, der Raum atmet den harzigen Duft der Bergkiefern aus dem Kamin. Ungezwungen vereinigt die Lobby scheinbar Gegensätzliches: traditionelle Atmosphäre und weitläufige Eleganz. Um den Kamin in der Lounge laden schwere Ledersofas zum Lesen ein, im Winkel steht ein antikes Brett-Kegelspiel aus der Region, helle Farben und unbehandeltes Holz sorgen für eine moderne alpenländische Atmosphäre, die so gar nichts mit dem überladenen Heimatfilm-Kitsch mancher Hotels gemein hat. Dazu prasselt das offene Kaminfeuer. Erholung pur nach Art der Sarntheiner Alpen bietet der Wellnessbereich. Inhaberin Rosi Wenter bietet keine asiatische Entspannung in den Tiroler Bergen an. Ihr Zauberrezept für gestresste Großstädter hat sie in der Essenz der Sarntheiner Latschen-Kiefer gefunden. Die alte Badltradition wirkt besonders entspannend nach körperlichen Anstrengungen. Für das Bad im Latschenkiefer-Aufguss stammt das Wasser aus einer 1624 entdeckten Heilquelle, eingenommenen natürlich im Holzzuber. Die Latsche soll die Abwehrkräfte stärken, wer mag kann sich auch von Milch und Honig verwöhnen lassen. Den intensiven Duft atmet man in der Sauna ein, Massagen arbeiten das Öl in die Haut. Danach kommt die Ruhephase auf dem Heubett, mit dem Blick auf den "Hausberg", die Sarner Scharte.

Reisegrund 5: Überraschendes Gewächs - Latschenküche

Verblüffender noch ist die Präsenz der Latsche auf der Speisekarte der ambitionierten und vom Gault Millaut ausgezeichneten Küche. Die Gerstensuppe auf dem Weihnachtsmarkt war nur ein kleiner Vorgeschmack. Bis zum Sorbet aus Latsche zaubert Georg Wenter Köstlichkeiten aus dem würzigen Gesträuch. Die meisten Gerichte hat der junge Chefkoch und Sohn der Familie selbst kreiert. "Wir sind schon ein bisschen wild. Kombinieren Sachen, wie man es früher nicht getan hätte." Ansporn, so Gregor, ist das allgemein hohe gastronomische Niveau in Südtirol. "Schlechtes Essen gibt es bei uns nicht, auch in den kleinen und einfachen Gasthöfen bekommt jeder Gast etwas Gutes vorgesetzt." Das Ergebnis des Enthusiasmus jungen Chefkoches und der noch jüngeren Küchenbrigade ist ein Küche die bäuerlichen Traditionen mit den Einflüssen fremder Länder vereinigt. Bodenständige Exotik auf hohem Niveau. Besonders attraktiv, für einen Aufschlag von zehn Euro kommen die Hausgäste von Bad Schörgau in den Genuss eines abendlichen Fünf-Gänge-Menüs.

Reisegrund 6: Man kennt sich auf der Piste

Natürlich kann man im Sarntal nicht nur relaxen, sondern auch Ski fahren. Das Skigebiet in Reinswald in einer Höhe zwischen 1.500 und 2.500 Metern fügt sich in den ruhigen, familiären Rahmen des Tales, eine tobende Apres-Ski-Hölle wird man vergebens suchen. Mit 14 Kilometer bestens präparierter Piste ist Reinswald ein kleines, aber gepflegtes Gebiet. Den Spitzensportlern des DSV reicht es jedenfalls zur Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft.Anspruchsvollen Skifahrern bieten sich Möglichkeiten zu Skitouren auf den mäßig hohen Bergen des Tals. Reinswald gehört noch zur Ortler Skiarena. Daher existieren günstige Kombinationsangebote, aber wegen der abgelegene Lage des Tals und entsprechender Fahrzeiten ist ein Ausflug zu den anderen Gebieten nicht anzuraten. Die Skischule in Reinswald legt den Fokus auf Anfänger und Kinderbetreuung. Ganz, kleine Brettkünstler werden im Ski-Kindergarten betreut. Vom Erfolg der Schule zeugen nicht nur die Auszeichnungen im kleinen Büro, sondern auch die Tatsache, dass Eltern und Schulen aus Bozen und Südtirol hier ihre Kinder ins Sarntal schicken, wo doch wesentlich größere Gebiete in der Umgebung mit unzähligen Abfahrtskilometern locken. Besonderheit in Reinswald ist die fünf Kilometer lange Naturrodelbahn, eine Attraktion für die ganze Familie. Die Leidenschaft der Sarntaler für Haffliner ermöglicht außerdem romantische Ausflüge mit dem Pferdeschlitten. Auf der Piste selbst warten zwei urige Gasthöfe. Wird einem sonst an der Piste manches geboten, was woanders niemand freiweillig essen, geschweige den bezahlen wollte, müssen sich die Speisen in Reinswald nicht verstecken. Auf der Terrrase am sonnebeschienen Hang öffnet sich der Blick weit über das Tal in der Ferne leuchten die stolzen Gipfel der Dolomiten. Am Fuß der Piste gibt es seit einigen Jahren auch einen Ausschank. "Endlich, a bissel Aprés-Ski", gibt es bei uns jetzt auch", lacht Joachim Thaler, Leiter der Skischule. Vorher musste der Gast hoch oben nahe am Gipfel feiern. Wer die letzte Abfahrt verpasste, konnte sehen, wie er hinunterkam. Mancher, der allzu viel gezecht hatte, wurde dann vom Lehrer der Skischule behutsam zu Tal geleitet. "Damals hab ich schon den einen oder anderen ins Bett gebracht".

Erschwingliche Romantik

Das Sarntal bietet noch weitere Entdeckungen. Langlaufloipen etwa oder die Möglichkeit zu einem Bummel im nur 18 Kilometer entfernten Bozen. Die Stadt, in der die Erinnerung an den Zwergenkönig Laurin lebendig ist und in der "Ötzi", der kleine tapfere Jäger, seinen ewigen Schlaf in einer Eiskammer hält. Preislich markiert das Hotel Bad Schörgau den oberen Bereich der Marge im Sarntal. Für eine Übernachtung mit Menü müssen etwa 100 Euro kalkuliert werden. Kombinations- und Wochenangebote kommen günstiger, die Übernachtung in einer Suite wird teurer. Günstigere Übernachtungsmöglichkeiten mit Frühstück, etwa auf dem Bauernhof, lassen sich unter der 30 Euro-Schwelle buchen. Ferienwohnungen für 2-3 Personen sind ab 35 Euro zu haben, grössere Wohnungen liegen zwischen 50 und 90 Euro. Ebenso wie ein luxuriöser Wohlfühl-Urlaub mit Latschenkiefernbädern, lässt sich so auch ein finanzierbarer Familienurlaub zusammenstellen. Und wie sagt es Küchenchef Georg Wenter: "Schlechte Speise gibt es bei uns im Tal einfach nicht."


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