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Korsika: Der Dickschädel an meiner Seite

Esel sind störrisch? Stimmt! Aber dafür schleppen sie das Gepäck. Wer mit einem Esel auf Korsika unterwegs ist, wandert ohne Last. Schneller geht es trotzdem nicht, denn der graue Star bewegt sich im eigenen Rhythmus.

Von Stéphanie Souron

Am zweiten Tag der Reise bleibt Filetta plötzlich stehen. Rechts rekelt sich die Tartagine glasklar in ihrem Flussbett, links erhebt sich eine Steilwand in den Himmel. Es ist ein Panorama zum Dahinschmelzen, doch der Esel hat keinen Bock mehr auf Wandern. Da hilft weder Ziehen noch Zerren noch gutes Zureden. Filetta stemmt die Vorderbeine in den Boden und verweigert jeden weiteren Schritt. Doch wenn wir am Abend in Vallica unser Zelt aufstellen wollen, führt kein Weg an diesem Berg vorbei. Filetta, 13, wandert mit uns drei Tage durch Korsika. Wir haben den Esel in Olmi Cappella gemietet, einem kleinen Bergdorf zwischen Calvi und Bastia. Die Gipfel sind in dieser Gegend bis zu 2300 Meter hoch, die Wege schmal und steinig. Manchmal führen sie durch schattige Pinienwälder, manchmal schnörkeln sie sich als Trampelpfade durch das Tartagine-Tal. Touristen begegnet man auf diesen Wegen nur selten. Und wenn, haben sie nur Augen für den Esel. Wir gönnen dem grauen Star die Aufmerksamkeit, schließlich hält er uns den Rücken frei: Zelte, Schlafsack und das Essen für drei Tage stecken in grünen Säcken, die fest verzurrt an seinen Seiten hängen.

Filetta sieht aus wie aus dem Bilderbuch: Ihr Fell geht an den Ohren in einen kuscheligen weißen Flaum über. Die dunkelbraunen Augen funkeln unternehmungslustig, und manchmal sieht es fast aus, als würde die Eselstute uns anlächeln. Doch sie hat Allüren: Filetta verschmäht Wasser aus dem Fluss und besitzt eine Vorliebe für lilafarbene Blumen. Über Brücken geht sie gar nicht gern, und ihr Besitzer Noël sagt, im Vergleich zu anderen Eseln sei diese Dame eher lethargisch. Noël Boyer, 40, hat 13 Langohren in seinem Stall, die er reihum auf Wanderung schickt. Er sagt, jeder Esel habe einen eigenen Charakter, "fast wie wir Menschen". Und Filetta, na ja, die sei eben ein gemütlicher Geist. "Wenn sie stehen bleibt, müsst ihr ihr einen Klaps geben", hat er uns mit auf den Weg gegeben. Dann standen wir da mit Filettas Leine in der Hand und einem schmalen Ratgeber, der erklärt, wie man seinen Esel auf der Reise zu versorgen hat. Auf dem Dorfplatz von Olmi Cappella machte Filetta ihre erste Szene. Wo die Alten im Schatten der Bäume den Dorfklatsch produzieren, hatte der Esel eine seiner lila Lieblingsblumen entdeckt. Seelenruhig verspeiste er die Blüten, bevor er sich wieder in Bewegung setzte. "Viel Spaß mit diesem Esel", riefen uns die Alten hinterher, und ihr meckerndes Lachen klang noch lange nach.

Ein Esel und drei Kuhweiden

Den Weg ins Tal trottet Filetta in ihrem eigenen Tempo. Die Aufforderung, doch bitte etwas Gas zu geben, versteht sie leider völlig falsch: Die warme Luft, die kurz darauf aus ihrem Hintern entweicht, ist nichts für zarte Nasen. Doch der gemächliche Gang hat auch seine Vorteile, denn korsische Wanderwege haben nichts gemein mit den Spazierpfaden der deutschen Voralpen. Filetta hat Übung im Klettern, und während wir jeden Tritt mit Bedacht setzen, tänzelt sie leichtfüßig über die Steine. Als Belohnung darf sie kurz darauf, befreit vom Ballast, im Schatten grasen. Wir baden derweil in der Tartagine und picknicken mit Eistee, frischem Baguette und saftigem Schinken. Filettas Versorgung ist durch zwei Kilo Hafer, mehrere Bürsten und ein paar Krümel trockenen Tons gesichert. Den sollen wir im Wasser auflösen und auf die Wunde auftragen, falls sich der Esel verletzt. "Und vergessen Sie nicht, zwei leere Kanister mitzubringen", hatte Noël bei der Anmeldung geschrieben. Denn das Lager für die Nacht hat keinen Wasseranschluss, die Kanister müssen wir an einer Quelle füllen. Genau genommen besteht das Hochplateau von Etria nur aus drei Kuhweiden. Auf der einen steht eine verfallene Scheune, auf der zweiten eine Pferdeherde. Und auf der dritten sollen wir unsere Zelte aufschlagen - während über den Zaun ein schwarzer Stier herüberglotzt.

Ein paar Stunden später hebt das laue korsische Lüftchen plötzlich zum wilden Wind an. Die Zelte wanken wie betrunkene Gnome von einer Seite auf die andere, und auch Filetta scheint nicht schlafen zu können. Die Berge werfen ihr ängstliches Iah zehnfach zurück, von irgendeiner anderen Weide antwortet ein Artgenosse. Das Duett der Esel endet erst im Morgengrauen. Die Feuchtigkeit der Nacht hat das Baguette in ein Gebilde ähnlich einem Gartenschlauch verwandelt, und erst die zweite Tasse Instantkaffee weckt die Lebensgeister. Doch wer mit einem Esel unterwegs ist, hat sich nicht nur um sich selbst zu kümmern: Wir müssen Filetta striegeln und einer Pediküre unterziehen. Das, so hat Noël prophezeit, werde auch unser Verhältnis zu dem Esel positiv beeinflussen. Stimmt: Wer einmal trockene Kuhscheiße aus einem Eselhuf gepult hat, fühlt sich dem Tier irgendwie verbunden. Filetta scheint es jedenfalls gefallen zu haben, sie nimmt den neuen Pfad durch das Dickicht gelassen auf. Manchmal blickt der Esel ein bisschen mitleidig auf die zweibeinige Begleitung, die sich nur mühsam den Weg durch die Dornen bahnt. Doch dann baut sich plötzlich die Steilwand vor uns auf, und Filetta erklärt die Wanderung für beendet.

Völlige Verweigerung

Im Eselratgeber fehlt leider ein Tipp zum Thema "völlige Verweigerung". Auch Schimpfworttiraden zeigen keine Wirkung. Noël können wir nicht anrufen, denn das Handy schlummert im Funkloch. Und laut Karte sind es noch fast drei Stunden Fußmarsch bis nach Vallica, mindestens eine davon führt stramm bergauf. Über dem winzigen Bergdorf liegt bereits die Dämmerung, als wir endlich dort ankommen. Die Hände brennen wie Feuer. Daran ist Filettas Hintern schuld. Nach einer Stunde fanden wir nämlich eine Methode, den Esel zum Laufen zu bringen: ordentlich den Po versohlen. Als wir am Abend erschöpft unsere Geschichte zum Besten geben, hat man in Vallica nur ein müdes Lächeln für uns übrig. "Ihr wart eben nicht streng genug mit eurem Esel", sagt der Bauer, auf dessen Weide wir die Zelte aufschlagen. Längst hatten wir uns da wieder mit Filetta versöhnt, ihr eine extra große Portion Hafer in den Napf geschüttet und zum Abschied sanft über die Stirn gestreichelt. Am nächsten Tag folgte sie uns ohne Widerstände.

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