London Die Renaissance der Gentlemen


Eine ur-britische Tradition, die die meisten wohl nur aus Jules Vernes "In 80 Tagen um die Welt" kennen, erlebt in London zur Zeit eine Renaissance: der Gentleman's Club. Sogar Prinz William soll einen Aufnahmeantrag gestellt haben.

Die Zeiten, in denen der Londoner Gentlemen's Club als Hort verstaubter Tradition galt, wo das typische Mitglied leise schnarchend mit einer sorgfältig gebügelten Ausgabe der "Times" auf dem Gesicht in einem Ledersessel döste, sind vorbei. Die exklusiven Clubs entlang der Nobelmeile Pall Mall, unweit von Picadilly Circus und Trafalgar Square, erleben seit einiger Zeit eine Renaissance. Junge Aristokraten, die einst einen großen Bogen um Etablissements wie White's, Boodle's oder Brooks's machten, stehen inzwischen wieder Schlange, um dort Mitglied zu werden.

Die Söhne folgen den Vätern

Wie zwei Jahrzehnte zuvor der britische Thronfolger Prinz Charles, so bewarb sich dem Vernehmen nach jüngst auch dessen ältester Sohn William um eine Mitgliedschaft bei White's, dem exklusivsten und - 1693 gegründet - ältesten der Londoner Gentlemen' Clubs. Die elitären Etablissements, die vor einem Vierteljahrhundert noch vor dem Aus zu stehen schienen, haben nach britischen Medienberichten wieder Zulauf. Die 1960er und 1970er Jahre seien "schlecht für Gentlemen und demzufolge auch schlecht für die Gentlemen's Clubs gewesen", klagte Anthony Lejeune 1979 in einem Buch über die Londoner Herrenclubs. Während der Amtszeit der konservativen Premierministerin Margaret Thatcher seien die Clubs aber wieder zu neuem Leben erwacht.Werbung müssen die Clubs nicht machen. Wie einst, als die Väter ihre Söhne schon bei der Geburt anmeldeten, so sind auch heute die Wartelisten lang. Die Clubs, in denen man gut speisen, trinken und notfalls auch übernachten kann, sieht Autor Tom Stacey als ein "Refugium" an, wie er der BBC schilderte. "Du bist unter Leuten, mit denen Du aufgewachsen bist, mit denen Du zur Schule gegangen bist. Sie sprechen dieselbe Sprache wie Du." Dafür bezahle man gerne einen jährlichen Mitgliedsbeitrag von an die 1000 Pfund (rund 1500 Euro) wie bei White's.

"Pullover sind tabu"

Man ist unter sich, kleidet sich standesgemäß (Stacey: "Pullover sind tabu") und spricht nicht übers Geschäft. Wer aufgenommen werden will, muss in der Regel von zwei Mitgliedern vorgeschlagen werden - und dann erst einmal Geduld haben. Interessenten wie Prinz William laufen dabei nach Einschätzung von Insidern nicht Gefahr, acht Jahre oder mehr auf Aufnahme warten oder gar die Schande des "Blackballing" erleben zu müssen. Als Zeichen des Misstrauens gegen einen Bewerber wurde im 19. Jahrhundert bei einer geheimen Abstimmung ein schwarzer Ball in einen Korb geworfen.Frauen sind in vielen Clubs nach wie vor bestenfalls Gäste oder Mitglieder zweiter Klasse, denen Privilegien wie die Nutzung der Bar oder der Bibliothek vorenthalten bleiben – "oder stehen erst noch auf der Warteliste", wie ein Beobachter der Szene sagt. Daran haben auch Antidiskriminierungsgesetze nichts geändert. Im 21. Jahrhundert seien solche frauenfreien Zonen "absurd", empörte sich vor ein paar Jahren Frauenministerin Barbara Roche. Als eine britische Zeitung berichtete, den altehrwürdigen Herrenclubs drohe das Aus, sollten sie ihre Türen nicht endlich auch für Frauen öffnen, beeilte sich die Labour-Regierung allerdings, dies als "Unsinn" zu dementieren.

Die Clubs bleiben Männer-Domäne

"Vor 100 Jahren hatte noch keiner der Gentlemen’s Clubs weibliche Mitglieder, jetzt akzeptieren aber erschreckend viele davon auch Frauen", klagte kürzlich Conrad Winter, Geschäftsführer des traditionsreichen Traveller's Clubs von 1819, der "Financial Times". Der Club, in dem jeder Mitglied werden kann, der sich schon einmal mehr als 500 Meilen von London entfernt hat, will auch in Zukunft keine Frauen aufnehmen. "Wir sind da deutlich in der Minderheit, doch zurzeit gibt es keinen Anlass, das zu ändern", ist Winter überzeugt.Auch im konservativen Londoner Carlton Club, in den traditionell Premierminister nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt aufgenommen wurden, waren Frauen lange tabu. Als die "Eiserne Lady" Margaret Thatcher 1990 Downing Street verließ, löste der Club das Problem auf typisch britische Weise, wie ein Spötter meint: "Er erklärte sie einfach zum Mann ehrenhalber."

Irmgard Kern/DPA DPA

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