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Mülldeponie Europas?: Mallorcas merkwürdiger Streit über Müllverbrennung

Seit Ende 2013 importiert Mallorca Müll aus dem Ausland. Die Insel hat den Ruf der Mülldeponie Europas. Die neue Inselregierung will die Lieferungen nun stoppen. Mit ihren Plänen stößt sie aber auf Widerstand.

Hinter der Strand-Kulisse Mallorcas tobt ein Streit über eine Müllverbrennungsanlage.

Mallorca zieht jedes Jahr zig Millionen von Touristen an - hinter der Strand-Kulisse tobt ein Streit über eine Müllverbrennungsanlage.

Das Biest hat Hunger, großen Hunger: Mallorcas Müllverbrennungsanlage Son Reus ist zu groß geraten für die spanische Ferieninsel. Selbst auf dem Höhepunkt der Feriensaison, wenn die Urlauber die Bevölkerungszahl nahezu verdoppeln, ist sie nicht ausgelastet. Die Anlage wurde bei ihrem Ausbau 2007 - auf der Grundlage eines steigenden Restmüllvolumens - für eine Kapazität von 700.000 Tonnen im Jahr konzipiert.

Bei der Planung hatte man jedoch offensichtlich nicht an Recycling gedacht. Das Müllaufkommen ging sogar deutlich zurück - 2012 lag es nur mehr bei 480.000 Tonnen. Der damalige konservative Inselrat (die Inselregierung) beschloss, das Problem trotz anhaltender Proteste von Umweltschützern und Tourismusunternehmen durch Müllimporte vom spanischen Festland und später auch aus Italien und Nordirland zu lösen. Ein Linksbündnis, das bei den Regionalwahlen im Mai an die Macht kam, will dieser Praxis nun ein Ende setzen.

Miquel Ensenyat, der neue Chef der Inselregierung, hatte noch vor seinem Amtsantritt klar gemacht, dass in Son Reus künftig - neben dem eigenen - nur noch Müll von den Nachbarinseln Menorca, Ibiza und Formentera verbrannt werden solle. Auch Umweltinselrätin Sandra Espeja (von der Linkspartei Podemos), die für die Müllentsorgung auf der Insel zuständig ist, plädiert für diese Variante. 

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Mallorcas bekanntester Strand aus der Vogelperspektive: "El Arenal" lautet der Titel des neuen Bildbandes von Dennis Orel und Oliver Kröning.

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Ihre konservative Vorgängerin Catalina Soler warnte jedoch davor, dass Schadenersatzzahlungen fällig würden, wenn die Import-Verträge vorzeitig aufgekündigt würden. "Der Müll riecht gleich, egal woher er kommt", merkte sie an. Espeja entgegnete: "Wir sind nicht die Mülldeponie Europas. Und es ist sehr wohl ein Unterschied, da die anderen Inseln zu unserem Territorium gehören und der Transport weniger umweltschädlich ist."

Bei Ibizas Umweltverband Gen-Gob kam der Vorschlag jedoch nicht gut an. "Für Ibiza ist das keine Lösung", sagte der Vorsitzende Joan Carles Palerm. Der Vorschlag würde zwar die Rentabilität der Anlage steigern und die Kosten für Mallorcas Bevölkerung senken. Da für den Transport der Abfälle von einer Insel auf die andere aber pro Jahr rund elf Millionen Euro anfielen, würden die Müllgebühren auf Ibiza explodieren - von zurzeit 34 Euro pro entsorgter Tonne auf etwa 200 Euro. "Es kann nicht angehen, dass wir nun für den Fehler büßen müssen, den Mallorcas Politiker mit der Erweiterung der Anlage begangen haben."

Auch bei den Umweltinselräten von Ibiza und Menorca, Miquel Vericad und Javier Ares, beide von Podemos ins Amt geschickt, haben die Mallorquiner sich mit ihrem Vorhaben keine Freunde gemacht. "Müllverbrennung ist nicht Teil unserer Philosophie", machte Vericad klar. Sein menorquinischer Kollege pflichtete ihm bei: "Wir setzen stattdessen auf Recycling und Wiederverwertung." Dass Menorca bereits seit einigen Monaten Müll nach Mallorca schicken muss, weil die eigene Deponie völlig überlastet ist, ließ Ares unerwähnt. Der Umweltaktivist Joan Carles meint: "Aus ökologischer Sicht wäre es das Beste, wenn jede Insel sich um ihren eigenen Müll kümmert."

Mallorcas Umweltinselrätin Espeja bemüht sich nun um Schadensbegrenzung. Nach den vorschnellen Ankündigungen will sie nun alle Beteiligten an einen Tisch holen, "um nach der vernünftigsten Lösung" zu suchen. "Wir müssen alle Möglichkeiten in Erwägung ziehen, nicht nur die billigste", sagte sie. Schon bald soll ein sogenannter Müll-Gipfel stattfinden. Außerdem prüfe man derzeit, inwieweit die Import-Verträge mit Italien und Nordirland annulliert werden könnten.

Nach den Vereinbarungen darf der Anlagenbetreiber bis Ende 2015 gut 120.000 Tonnen Müll in Form von vorbehandelten Brennstoffpaketen aus Katalonien und Italien einführen und bis Anfang 2016 weitere 38.000 Tonnen aus Nordirland. Derzeit müssen die Anlieferungen aber wegen der Urlaubssaison pausieren. Bevor im Oktober die nächsten Müllschiffe auf Mallorca ankommen, hofft Espeja, eine Lösung gefunden zu haben.

Stephanie Schuster / DPA
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