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Mit dem E-Bike in Südtirol: Ohne Mühe durch die Dolomiten

Wie man in Italiens hohem Norden auf Touren kommt, ohne sich abzustrampeln? Mit einer Bergtour im Sattel eines E-Bikes über die Sella Ronda und die Seiser Alm zu den Highlights Südtirols.

Von Annette Rübesamen

Morgennebel vor dem Dreigestirn in den Sextener Dolomiten

Im Banne des Paternkofels und der Nordwände der Drei Zinnen: Langsam setzt sich die Sonne gegen den Nebel durch und bescheint Hütte und Kapelle

Wer wissen möchte, warum Mountainbiken so schön ist , fragt besser Gerhard Vanzi statt mich. Mir hat es nämlich nie besonderen Spaß gemacht. Das Leben selbst ist schon ein ewiges Auf und Ab, das man in der Freizeit nicht noch extra nachspielen muss: erst das mühsame Treten nach oben, keuchend über den Lenker gekrümmt, eine einzige Plackerei. Und kaum ist man am Gipfel angelangt, wo man sich im Lichte seiner Leistung sonnen könnte, geht es auch schon wieder rasant in die nächste Talsohle hinunter, viel zu schnell, mit verkrampften Waden und der Angst vor tückischen Wurzeln und Felsbrocken, die einen jederzeit aus der Bahn werfen können. Wo bleibt da der Genuss?

Gerhard Vanzi schüttelt verständnislos den Kopf. Als Südtiroler und Gebirgsbewohner sieht er die Dinge naturgemäß anders. "Beim Mountainbiken kommst du raus in die Natur! Du machst richtig Sport, bleibst fit und gesund. Es ist in ganz Europa ein riesiger Trend, aber bei uns ist es natürlich am allerschönsten."

Auf das richtige Rad kommt es an

Wir stehen vor einem Sportgeschäft in Wolkenstein, dem hintersten Dorf im Grödner Tal. Es ist Nachmittag, die Hotels mit ihren Panoramafenstern und Geranienbalkons werfen bereits lange Schatten. Wanderergrüppchen in Dreiviertelhosen streben mit klickendem Stockeinsatz ihren Ferienquartieren entgegen, zu Apfelstrudel und Wellness. Doch auf dem gewaltigen Felsdach der Sellagruppe, die das Tal nach Osten hin abschließt, liegt noch der goldene Glanz der Spätsommersonne.

Vanzi hält mir ein Leihrad hin, ein schickes Teil, das mit seiner mattschwarzen Lackierung und doppelten Federung selbst MTB-Hasser wie mich in Versuchung führen kann. Mit dem schmalen Rahmen und dem mit einem Dämpferelement verstärkten Oberrohr sieht es aus wie eine muskulöse Gottesanbeterin auf dem Sprung. "Bevor es dunkel wird, könntest du noch rasch eine Testfahrt auf die Seiser Alm machen", schlägt Vanzi vor. Wie bitte, rasch auf die Seiser Alm? 800 Höhenmeter über Gröden?

Bikifizierung der Dolomiten

Das Rad ist ein E-Mountainbike. Man sieht es ihm nicht gleich an , denn der Motor ist klein und unauffällig zwischen die Pedale gepackt, und die ans Unterrohr geschmiegte Batterie hat flotte Rallyestreifen in Rot und Weiß verpasst bekommen. Am Lenker sitzt ein kleines Display, auf dem ich per Knopfdruck den Motorantrieb zuschalten kann, in vier Power-Stufen.

Dieses Leihrad ist die vorläufig letzte Stufe einer Entwicklung, die man als Bikifizierung der Dolomiten beschreiben könnte und an der Gerhard Vanzi nicht ganz unschuldig ist. Der 48-Jährige ist Marketing-Direktor von "Dolomiti Superski", dem größten Skiverbund Europas. Ein Schnee-Job, eigentlich.

Doch im Jahr 2008 überredete er ein paar Grödner Bergbahnen, die in der warmen Jahreszeit notorisch unterbesetzt in die Höhe schaukelten, auch Mountainbikes mitzunehmen. "Das gab es vorher nicht", erzählt der Mann mit dem wachen Blick hinter der randlosen Brille. "Und die Biker schienen darauf nur gewartet zu haben. Wir hatten im Nu tausende Gäste, die die Bahnen nutzten, um in den oberen Bergregionen zu radeln oder in die anderen Täler hinüberzuwechseln, was zuvor mühsam gewesen war."

3000 Kilometer MTB-Strecken

Inzwischen sind in den Dolomiten 100 Bergbahnen auch im Sommer im Betrieb, die meisten davon in Gröden und den anderen drei Tälern rund um das zentrale Gebirgsmassiv der Sella. Das Angebot heißt "Dolomiti Super Summer". Wie im Winter werden Pässe verkauft, die für alle Bahnen gültig sind. Rund um die Sella gibt es bereits rund 3000 Kilometer MTB-Strecken, darunter immer mehr exklusiv für Biker angelegte Wege. Und die Seiser Alm eignet sich auf einmal auch als Genussprogramm für den fortgeschrittenen Nachmittag.

Begraste Passhöhe mit Biker

Jetzt geht es bergab: Mountainbiker auf dem Sattel des Grödner Jochs


Den Anstieg auf ihre 2000 Meter Höhe bewältigen das Bike und ich recht mühelos in einem der roten Ostereier-Göndelchen der Umlaufbahn, die von St. Ulrich aus in die Höhe schnurrt. Oben tut sich das vertraute Panorama der größten Hochalm Europas auf. Viele Male bin ich hier schon gestanden, und jedes Mal bekomme ich aufs neue Herzklopfen angesichts dieser grandiosen Gebirgsinszenierung: Ganz hinten die hell leuchtenden Dolomit-Felswände von Langkofel und Plattkofel, die aus den grünen Wiesen herausbrechen wie gewaltige Eckzähne. Ein paar flache weiße Wolken haben sich daran festgemacht und schweben wie eine heitere Biergartenfahne über der Alm, einem sanft wogenden Meer aus hügeligen Weiden, üppig grün und autofrei. 

Über mäanderne Wiesenwege

Am liebsten würde ich kopfüber hineinhechten oder wenigstens wie ein kleines Kind die Wiesen hinunterkugeln. Stattdessen besteige ich mein E-Bike und taste mich einen ersten steilen Schotterweg abwärts. Ich bin genauso verkrampft wie immer, und das mit gutem Grund: Bremsen auf Kies, zeigt sich gleich vor der ersten Kurve, das ist auch mit einem Elektrofahrrad keine besonders gute Idee. Doch dann verdichtet sich der Belag zu festem Erdreich, und schon kommt Fahrfreude auf. Fest trete ich in die Pedale, eile im lockeren Auf und Ab über freundlich mäanderne Wiesenwege, an sonnengebleichten Heustadeln vorbei und an Lärchenwäldern, die sich schon zart in Richtung Orange verfärben. Nicht mehr lange, und sie werden wie lodernde Fackeln in der grünen Wiese stehen. Im Ohr habe ich Kuhglockengebimmel, in der Nase den Duft nach feuchtem Gras.

Wenn es stärker bergauf geht, schalte ich gerade so viel Motor zu, dass ich im selben Gang weitertreten kann. Von unsichtbaren Kräften nach oben geschoben zu werden fühlt sich lustig an, wie etwas aus Harry Potter. Ausdauer, Kondition, Energie? Alles auf einmal kein Thema mehr. Die Alm ist wirklich groß, aber heute gehört sie mir, selbst den entferntesten Winkel traue ich mir an diesem Nachmittag noch zu.

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