VG-Wort Pixel

Sommerferien in Südtirol High Noon auf der Berghütte


Drei andere Alpenidyllen: "Geo Saison" porträtiert Hüttenwirte, die ihre Ideen auf die Spitze treiben - von der 8000er-Bezwingerin, über einen rockenden Bluesbrother bis zum Biker mit Designhütte.
Von Katharina Beckmann

Reisereportern kommt das Wort "Idyll" schwer über die Lippen, weil es so leichthin gesagt und so schnell widerlegt ist. In Italiens Alpen aber gestatten wir es uns einmal. Dort wirken die Berge wie gemeißelt und die Wiesen so grün, dass man den Tourismusverband der Schönfärberei verdächtigen möchte. Dabei ist von den Gipfeln bis zur Gastfreundschaft alles echt: Davon überzeugen uns drei Hüttenwirte.

Schutzhaus Latzfonserkreuz: die Neo-Rustikale

Wenn Tamara Lunger auf dem 2305 Meter hoch gelegenen "Schutzhaus Latzfonserkreuz" ankommt, ist es für sie meist ein Abstieg: Sie stand als jüngste Frau auf dem 8516 Meter hohen Lhotse, dem vierthöchsten Berg der Welt. Und vor wenigen Wochen machte sie sich direkt vom Gipfel des Khan Tengri, einem 7000er in Kasachstan, auf den Weg zum Schutzhaus, das sie mit ihren Eltern und der Schwester Katharina bewirtschaftet. "Ich konnte es kaum erwarten, dort anzukommen", sagt die 25-Jährige. Warum? Sie antwortet: Je spektakulärer ihre Expeditionen geworden seien, je rummeliger die Lager mit ihren Hightech-Zelten, desto mehr habe sie die Ruhe und das Leben auf der Hütte schätzen gelernt, das viel einfacher ist. Und so gut! In der Familie sind sie sich einig, dass sie genau das bewahren wollen. "Höhenhotels gibt es schon genug", sagt Hansjörg Lunger, der Vater.

1951 wurde die jetzige Hütte auf einem Hangvorsprung neben einer kleinen Wallfahrtskirche gebaut: mächtige Steinmauern, rot-weiße Fensterläden, neun spartanische Zimmer mit groben Wolldecken. Oben das Schlaflager, unten die Gaststube mit Kachelofen und Holztischen, darauf karierte Decken. Am Abend gibt es Speckknödel, Gulasch oder Bratkartoffeln mit Spiegelei, perfekt knusprig.

Heute duftende Zwetschgenknödel

Weil ein Bauer aus dem Dorf Latzfons, auf 1160 Metern gelegen, gestern Zwetschgen heraufgebracht hat, serviert Hansjörg Lunger heute auch duftende Zwetschgenknödel. Tamara Lunger erklärt, dass hier nur das Wasser von oben komme. Alles andere müsse getragen oder gefahren werden, mit dem alten Unimog und viel Mut und Geschick den schmalen, spitzkehrigen Weg hinauf, wo links das Tal gähnt.

Später sitzt die Familie selbst am Tisch rechts neben dem Tresen. Dort essen, stricken und sprechen sie, seit sie die Hütte im Mai 1999 übernommen haben. Jeden Sommer haben sie seitdem oben verbracht. Nur Tamara war in den vergangenen Jahren häufiger auf Expedition. Im Juni und Juli ist sie in China und Pakistan unterwegs und wird erst danach wieder zu ihrer Hütte absteigen.

Durchs Hüttenfenster sind Langkofel und Rosengarten als Schattenrisse zu sehen. Dort machte die Alpinistin ihre ersten großen Touren. Bei der Arbeit in der Almküche, zusammen mit ihrem Vater, habe sie für ihre Expeditionen jedoch mindestens genauso viel gelernt wie im Gelände: "Der Küchendienst hat mich das Ruhe-Bewahren gelehrt, das du auch am Berg brauchst."

Die Expeditionen bringen kein Vermögen ein. Ab und an hält sie einen Diavortrag. Doch wenn sie gefragt wird, erzählt sie gern von diesem unfassbaren Glück, ganz oben zu stehen. Und wieder herunterzukommen.

Infos

Schutzhaus Latzfonserkreuz: Aufstieg ab Steineben oder Kühof, ca. 2 Stunden. Übernachtung im Lager, Sechser-, Vierer-oder Einzelzimmer. Tel. 0472-54 50 17, www.latzfonserkreuz.com; Ü im Zimmer/HP 41 Euro pro Person; Juni bis November.

Las Vegas Lodge: der Berg-Schöngeist

Eine Wirtsstube in den Bergen über St. Kassian im Alta Badia, dem Hochabteital: Rauchglasleuchten, Herrgottswinkel, Holzstühle mit Herzen in der Lehne. Hüttenzauber. Die Gäste an diesem Sommernachmittag haben dafür keinen Sinn. Sie schreiten geradewegs durch den Raum, hinein in den Neubau nebenan. Im Vergleich sieht er fast unbewohnt aus, leergeräumt. Doch die Möbel und Deko-Objekte, die stehengeblieben sind, können sich sehen lassen: Tische aus hellem Holz, funkelnde Lüster, ein verglaster Kamin, schwarze Steinböden, ein klares, modernes Design. Der Hüttenwirt Ulli Crazzolara sagt: "Auch auf 2000 Metern geht die Zeit weiter." Er ist ihr meistens voraus.

Treffen am Empfang: Nach einem herzlichen "Guten Tag" ist Ulli Crazzolara schon wieder weg. Bringt einen Kaiserschmarrn mit Pinienkernen auf die Sonnenterrasse, schleppt auf dem Rückweg Kaminholz. Ein kleiner Mann, 52 Jahre alt, gestählt von den Jahrzehnten als Skilehrer. Das Karohemd mit hochgekrempelten Ärmeln schlackert an ihm. Bei allem Schick in seiner Hütte - er selbst ist der zupackende, unmodische Südtiroler geblieben.

Als im Jahr 2000 die abgewirtschaftete "Las Vegas Lodge" zum Verkauf steht, greift er zu. Der Erstbesitzer, ein Lebemann mit Vorliebe fürs Glücksspiel, hat ihr den Namen mit einem Augenzwinkern verpasst. Der kann bleiben, auch die traditionelle Stube. Aber der Neubau soll, nein, muss anders werden, beschließt Ulli Crazzolara. Er setzt einen halbrunden Bau neben die alte Holzhütte, größer, als zunächst genehmigt. Nach manchem Hin und Her mit den Behörden wird die "Las Vegas Lodge" 2006 schließlich neu eröffnet.

Designhütte in den Dolomiten

Sella, Piz Boë, Marmolada: Die Schönheit der Dolomiten holt er seither durch die große Panoramascheibe hinein in sein Restaurant. Täglich muss das Glas geputzt werden, so viele drücken sich die Nasen daran platt. Längst kommen nicht nur Städter und Design-Fans, sondern auch Wanderer, die sich nach einer Bergtour mehr als nur ein Matratzenlager mit Dusche auf dem Flur gönnen wollen.

Die Nacht in der Designhütte hat ihren Preis. Dafür aber kann man stilvoll essen und schlafen. Die sechs Doppelzimmer bieten viel Platz, viel Holz, schwanenweiße Bettwäsche, mattsilbern glänzende Kerzenleuchter. Es gibt einen Balkon und eine Badewanne, die vor einem großen Fenster steht. Unbezahlbar, nach einem Tag in der Natur im warmen Wasser zu schweben und in den funkelnden Nachthimmel zu schauen.

Ulli Crazzolara sitzt zum Sonnenuntergang am liebsten auf seinem Balkon, versunken in den Polstern des Sessels und in den Anblick der Felsen, die mit Rot- und Orangetönen spielen. Er schläft in Zimmer Nummer eins.

Infos:

Las Vegas Lodge: Anreise mit der Gondel ab St. Kassian oder leichter Aufstieg (ca. eine Stunde). Tel. 0471-84 01 38, www.lasvegasonline.it; DZ/HP ab 156 Euro; ganzjährig geöffnet.

Gompm Alm: der R&B-Öhi

An diesem Sonntag steht KasMilchButter auf der Bühne hoch oben über dem Wald. Das Gitarrentrio aus dem Hirzer Tal trägt Filzhüte und Tracht, mischt Landler mit Heavy Metal Beats, schrammelt, jauchzt und jazzt. Knapp 30 Gäste sind trotz des Regens gekommen, zu Fuß den gewundenen Waldweg hinauf oder mit der Gondel, die Passagiere 200 Höhenmeter oberhalb der Alm ausspuckt.

Wie eine Trutzburg steht die "Gompm Alm" auf der grünen Wiese, ein verwinkelter Bau aus grobem Stein und dunklem Holz, überragt von der Pyramide des Hirzer-Bergs. Helmuth Gufler, 41, ehemaliger Steinbildhauer und Discobesitzer in Meran, hat das Anwesen in den Neuzigerjahren in eine Gastwirtschaft mit Backstube und Bühne verwandelt. Neben Gourmet-Küche bietet er Live-Musik. Nicht nur lokale Bands, auch internationale Stars spielten unter Sternen und machten das "Gompm-Alm-Festival" weit über Südtirol hinaus berühmt. Ein jährliches Woodstock auf 1800 Metern, manchmal mit 5000 Besuchern.

"Dixie-Klos in Reihe, das ist nicht mein Ding"

Ray Wilson von Genesis war da, Darryl Jones, Bassist der Stones, und US-Sängerin Marla Glen. Kurz vor ihrem Konzert 2003 ließ der Hüttenwirt ausnahmsweise die Kühe auf eine Nachbaralm treiben, damit ihr Muhen und Bimmeln nicht störte. Die Menschen waren besoffen vor Glück. "Manche sind mir fast aufs Dach gestiegen", sagt Helmuth Gufler, "und genau so etwas wollte ich irgendwann nicht mehr." 2010 machte er Schluss mit dem Festival. "Der Starrummel, die Massenabfertigung am Wurststand und Dixie-Klos in Reihe, das ist nicht mein Ding", sagt der Wirt.

Jetzt präsentiert er zwei, drei Musikpromis pro Jahr, träumt davon, dass Hubert von Goisern mal auftritt, fördert die lokale und äußerst lebendige Südtiroler Szene und holt die Subkultur nach oben: Musiker wie KasMilchButter, die keine Hemmungen haben, Pop schunkelbar zu machen.

Im Sommer gibt es an jedem ersten Sonntag im Monat Hörproben, dazu Kinderprogramm und Spitzenküche wie Saltimbocca vom Hirsch, serviert auf feinem Porzellan. Alle Konzerte, auch die von großen Stars, sind kostenlos. Übernachten kann man auf der Alm nicht, zumindest bis zur Mittelstation der Bergbahn müssen die Gäste absteigen.

Nachts gehört die "Gompm Alm" allein dem Wirt und seiner Frau. Vor ein paar Jahren haben die beiden die Wohnung im Tal aufgegeben und sind ganz auf den Berg hinauf gezogen: "Weil hier oben Feiern, Schlafen und so vieles einfach besser ist als unten."

Infos

Gompm Alm: Von Saltaus mit der Hirzer-Seilbahn bis zur Bergstation Klammeben, Fußweg zur Alm ca. 30 Minuten. Mit dem Auto: 500 Meter hinter Saltaus rechts über die Brücke bis nach Prenn. Dort beginnt die Wanderung zur Alm, Dauer ca. 1 Stunde. Tel. 0473-94 95 44, www.gompmalm.it; Mai bis Ende Oktober. Übernachten: Gasthof Prennanger, Tel. 0473-94 94 17, www.prennanger.schenna.com; DZ/F ab 70 Euro.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker