HOME

Modernes Barcelona: Vom Schmuddelkind zum Trendsetter

Wenn Ihnen das traditionelle Urlaubsland plötzlich spanisch vorkommt, stehen Sie wahrscheinlich mitten in der Zukunft. Der Reisende findet sich zwischen Kathedralen und flüssigen Hinkelsteinen wieder, erlebt Strandglück und Küchenrevolutionen, entdeckt Mode und ufoförmige Bodegas. In Barcelona feiert die Moderne Triumphe.

Von Paul Ingendaay

Wie kann ein Hinkelstein heiter wirken? Das fragte ich mich, als ich den Torre Agbar zum ersten Mal sah. Tags beglänzt die Sonne seine Glashaut, und die 4000 High-Tech-Schuppen schimmern, als wären sie feucht. Dann sieht es aus, als würde Wasser über seinen Leib rinnen - was mitten im heißen Barcelona eine erfrischende Vorstellung ist. In der Dunkelheit aber leuchtet der Turm in Blau- und Rottönen wie ein gigantischer Lampion, von dem etwas Freundliches, Warmes weit in die Nacht hinausstrahlt.

Der 142 Meter hohe Torre Agbar, Jean Nouvels 2004 vollendeter Büroturm für die Wasserwerke von Barcelona, steht am Schnittpunkt der Avinguda Diagonal und der Gran Vía de les Corts Catalanes, im alten Industrieviertel Poblenou. Im 19. Jahrhundert siedelten sich hier Textil- und Metallindustrien an und verwandelten den Stadtteil in einen lauten, stinkenden, verseuchten Flecken Erde. Auch heute noch sieht man mehr Lackierwerkstätten als Cafés. Doch hinter den bröckelnden Mauern wird das Leben vielfältiger - wofür der Torre Agbar durchaus als Symbol stehen kann. Denn um die Jahrtausendwende zogen Künstler, Designer, Architekten und Firmen aus der Computerbranche nach Poblenou.

Kreative Enklave

Einer von ihnen, der Maler Juan Medina, erzählte mir vor drei Jahren in seinem Atelier von der Lebenskurve solcher Stadtviertel. Erst kommen ein paar wagemutige Künstler auf der Suche nach billigem Wohn- und Atelierraum. Dann folgen immer mehr, eine kreative Enklave entsteht, die zum Geheimtipp wird - und plötzlich gibt es einen Knick. "Das Viertel verändert sich", sagt Medina, "weil das Geld hineinströmt, und dann müssen die Künstler wieder gehen." Poblenou in Barcelona erlebt den zwiespältigen Prozess der gentrification, wie man sie aus New York, London und anderen Metropolen kennt.

Für seine großformatige Malerei nutzte Medina jahrelang einen riesigen Raum in einem Industriegebäude. In der Etage unter ihm wurden Schrauben hergestellt. Da er Erfolg hatte, konnte er sich die Miete von 800 Euro leisten. Als ich ihn jetzt wieder anrief, hatte er sein Atelier aufgegeben und sich ein Loft in Berlin gekauft. Poblenou war unbezahlbar geworden. Wenn er in Katalonien ist, arbeitet Juan Medina im ehemaligen Dalí-Museum im nahegelegenen Badeort Cadaqués.

Solchen urbanistischen Wellen verdankt Barcelona sein modernes Gesicht. Als Vorreiterin der künstlerischen Avantgarde spürte die Stadt die Trends immer etwas früher als andere. Hier gab es 1888 die erste Weltausstellung auf spanischem Boden. Von Barcelona aus ging ein junger Maler namens Pablo Picasso nach Paris.

Hier wurden Architektur und Design im Modernisme, der katalanischen Spielart des Jugendstils, zur Religion eines selbstbewussten Bürgertums. Es entstand das Gran Teatro del Liceu, ein Opernhaus, das allein die aficionados verwalteten - ein exklusiver Club wohlhabender Freunde und Förderer. Und es entwickelte sich ein Fußballverein, der von sich selbst behauptet, "mehr als nur ein Club" zu sein.

Die Gegenwart erwachte in den 90er Jahren

Doch die Modernisierung kommt in Schüben. In seinem Bestseller "Der Schatten des Windes" erzählt Carlos Ruiz Zafón von einem düsteren Barcelona der 30er, 40er und 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Auch an seine Jugend in der späten Franco-Zeit hat der 44-jährige Autor nicht die besten Erinnerungen: "Ich wollte schon als Kind weg", sagt er bei unserer Begegnung. "Die Dinge, die mich in meinen frühesten Jahren faszinierten, waren immer woanders. Was mir an Barcelona gefiel, war unweigerlich alt, ob es sich um die modernistische Architektur handelte oder um Design. Die Menschen, die das geschaffen hatten, waren fünfzig Jahre zuvor gestorben. Aber die Gegenwart? Sie blieb für mich stumm." So ging Carlos Ruiz Zafón nach Los Angeles, um sich als Drehbuchschreiber zu verdingen, gerade in jenen neunziger Jahren, als Barcelona den wohl größten Sprung tat, den überhaupt eine europäische Metropole in den letzten Jahrzehnten vollbracht hat.

Mit dem Zuschlag für die Olympischen Spiele von 1992 floss viel Geld in die Stadt, für gewaltige Infrastrukturmaßnahmen. Anders als bei den beiden Weltausstellungen nahmen sich die Planer nicht einzelne Viertel, sondern gleich die ganze Stadt vor. Sie drehten sie gleichsam um 180 Grad und gaben Barcelona das Meer zurück, dem es zuvor den Rücken gekehrt hatte. In den ehemals verkommenen Vierteln am Wasser entstanden der Olympiahafen, Ausgehzonen und kilometerlange Stadtstrände.

Mit der städtebaulichen Rettung und Wiederbelebung wuchs auch das unter Franco lange unterdrückte Selbstbewusstsein der Barcelonesen: als stolze Hauptstadt Kataloniens, mit eigener Sprache – und, zum Beispiel, einer der besten Fußballmannschaften der Welt. Heute vermarktet man die Erfolge des FC Barcelona als ästhetischen Ausdruck des Katalanismus. Dabei schillert die Vereinsgeschichte von fremden Einflüssen. 1899 gründete ein Schweizer namens Hans Gamper den Verein, und Barça entwickelte sich zu einer ebenso selbstbezogenen wie kosmopolitischen Institution. Natürlich soll die Mannschaft ihre Spiele gewinnen und Pokale und Titel erobern, doch als einziges unumstößliches Gesetz gilt im Camp Nou, dem Stadion: Barça muss so schön, so offensiv und mitreißend Fußball spielen, wie es der damalige Trainer Johan Cruyff seinem Dream Team vor zwanzig Jahren eingeimpft hat. Dem Niederländer widerfuhr, was so manchen passierte, die kamen und hier blieben: Er wurde zum Katalanen ehrenhalber ernannt.

Die Beobachtungen von Paul Ingendaay in Madrid, Valencia und der Rioja lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von Geo Saison, August 2009

Sie suchen ein Hotel in Barcelona?
Die stern.de-Redaktion gibt Übernachtungs-Tipps für Barcelona.

Wissenscommunity

Wie lange ist die frist bei einer Kündigung?
Hallo Ich möchte gerne kündigen, da das Arbeitsverhältnis nicht mehr gegeben ist. Leider verstehe ich den Arbeitsvertrag nicht ganz. Auszug aus dem Vertrag: Paragraf 13 Kündigungsfristen: (1) das Arbeitsverhältnis kann beiderseitig unter Einhaltung einer frist von 6 Werktagen gekündigt werden. Nach sechsmonatiger Dauer des Arbeitsverhältnisses oder nach Übernahme aus einem Berufsausbildungsverhältnis kann beiderseitig mit einer frist von zwölf Werktagen gekündigt werde. (2) Die Kündigungsfrist für den Arbeitgeber erhöht sich, wenn das Arbeitsverhältnis in demselben Betrieb oder unternehmen 3jahre bestanden hat, auf 1 monat zum Monatsende 5jahre bestanden hat, auf 2 monate zum Monatsende 8jahre bestanden hat, auf 3 monate zum Monatsende..... (3) Kündigt der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis mit dem Arbeitnehmer, ist er bei bestehenden Schutzwürdiger Interessen befugt, den Arbeitnehmer unter fortzahlung seiner bezüge und unter Anrechnung noch bestehender Urlaubsansprüche freizustellen. Als Schutzwürdige interessen gelten zb. Der begründete Verdacht des Verstoßes gegen die Verschwiegenheitspflicht des Arbeitnehmers, ansteckende Krankheiten und der begründete verdacht einer strafbaren handlung. Ich arbeite in einem Kleinbetrieb (2mann plus chef) seid 2 jahren und 3-4Monaten. (Bau) Seid ende November bin ich krank geschrieben. Was meinem chef überhaupt nicht passt und er mich mehrfach versucht hat zu überreden arbeiten zu kommen. Da mein zeh gebrochen ist und angeschwollen sowie schmerzhaft und ich keine geschlossenen schuhe tragen kann ist arbeiten nicht möglich. Das Arbeitsverhältnis ist seid längerem angespannt vorallem mit dem Arbeitskollegen. Möchte nur noch da weg! Wie lange ist nun die frist und wie weitere vorgehen? Ich hoffe es kann mir jemand helfen.