Sprachreisen: Frankreich Charme der Provinz


Vier Fahrstunden südlich von Paris liegt die kleine Bäderstadt Vichy. Napoleon III. verdankt ihr allerlei Plaisir und mancher Fremdländer die Karriere. Hier lernen Berufstätige und angehende Studenten, was sie für ihre Zukunft brauchen - Vokabeln, Satzbau und Savoir-vivre.
Von Tilman Müller

"Bon appétit", sagt der angehende Mediziner aus der nordirakischen Millionenstadt Arbil und fängt munter an zu parlieren. Dabei lernt Salwan Maqdasi erst seit gut drei Monaten Französisch - "avec plaisir", mit Vergnügen, wie er betont, denn seinem Sprachkurs in Vichy soll ein Studium der Endokrinologie im nahen Clermont-Ferrand folgen. "Und dann", sagt der junge Arzt beim Crevetten-Cocktail mit den grünen Le-Puy-Linsen, den es an diesem Abend bei seiner Gastfamilie als Hors d'oeuvre gibt, "werde ich in meiner Heimatstadt der erste und einzige Spezialist sein, der Hormonstörungen behandeln kann."

Ohne Französisch keine Karriere - diese Formel eint viele der 3600 Studenten, die jedes Jahr in der "Cavilam"-Schule von Vichy intensiv Französisch lernen. Ihr Campus liegt im Gebäude einer ehemaligen Therme mit Orangerie aus der Belle Époque. Ähnlich wie Baden-Baden ist Vichy ein Kurort mit beträchtlichem Charme, ideal zum Lernen in entspannter Atmosphäre.

"Kleine Botschafter des Landes"

Salwan, 27, fing im August bei Cavilam an, nimmt seither tagsüber sechs Stunden Unterricht und lernt beim allabendlichen Diner im Salon seiner Gastfamilie fleißig weiter. Mit ihm am Tisch sitzt Clézio, ein Personalreferent aus Angola, der bei einem französischen Mineralöl-Multi arbeitet und in Vichy sein bereits recht gutes Französisch perfektioniert. Nach drei Gläsern Médoc ist der Redefluss des Angolaners kaum zu bremsen. "Mais oui", erklärt er, noch ein oder zwei Jahre, dann sei er in seiner Firma "le grand chef ". Was Salwan skeptisch stimmt. "Prudence", sagt der Iraker, "on pourrait te prendre en otage" - pass auf, dass du nicht gekidnappt wirst.

Laut lachen da die beiden Postenjäger und bekommen zu vorgerückter Stunde von Françoise, ihrer rührigen Gastgeberin, reichlich fromage serviert - guten Cantal-Käse aus der Region. "Wir sind kleine Botschafter unseres Landes", sagt sie und legt zum Dessert noch ein paar Chansons auf. Den guten alten Jacques Dutronc findet Salwan "superbe"; inbrünstig singt er dessen Klassiker aus dem Jahr 1967 mit: "Sept cent millions de Chinois - et moi, et moi, et moi" - 700 Millionen Chinesen, und was ist mit mir, mit mir, mit mir?

Fleißig Vokabeln und Grammatik pauken musste Salwan freilich fast jeden Tag, sonst hätte er nicht vier Tests bestanden und zügig das zum Studium in Frankreich geforderte Sprachniveau B2 erreicht. Dass er dabei auch die französische Lebensart kennenlernen konnte, ist für ihn das große Plus der Schule. "Wir vermitteln Ausländern nicht nur unsere Sprache, sondern auch die typisch französischen Umgangsformen", sagt Cavilam-Direktor Michel Boiron. Je nach beruflichen Anforderungen erhält jeder Schüler maßgeschneiderte Kursangebote; lernt etwa, wie man Reden hält, Briefe formuliert oder sich Geschäftspartnern als Weinkenner präsentiert.

Aus aller Herren Länder

Von der ersten Stunde an wird im Unterricht nur Französisch gesprochen. Am Anfang sei die "kommunikative Methode" schwer einzuhalten, doch das ändere sich schnell, sagt die Lehrerin Martine Vidal vor Schülern aus aller Welt. In der Klasse sitzen libysche Historiker, eine Schmuckverkäuferin aus Hiroshima, eine Astrophysikerin aus Belgrad, die in Paris forschen will, ein angehender Missionar aus São Paulo sowie eine ältere Chinesin, die in Peking bald Französisch lehren wird.

Lernwillige aus mehr als 100 Ländern zieht es jedes Jahr nach Vichy, darunter viele Deutsche wie den gelernten Bankkaufmann Nicolas Rottmann, 34. Sein in der Tierfellverarbeitung tätiger Arbeitgeber suchte händeringend jemanden für das Frankreich-Geschäft. Also absolvierte Rottmann mehrere Crash-Kurse, zuerst in Belgien, später bei Cavilam in Vichy. Dort blieb er dann vier Jahre, um für seine Firma nur wenige Kilometer von der Bäderstadt entfernt eine Filiale aufzubauen.

Schnell fand der junge Logistikexperte Gefallen an dem idyllischen Provinzstädtchen, dessen 27 000 Bewohner sich noch immer prächtig amüsieren in den Dornröschenkulissen einer längst vergangenen Zeit. Napoleon III. hatte den Ort mit den sechs Heilquellen um 1860 für einige Jahre zu seiner Sommerresidenz gemacht, und vor dem Ersten Weltkrieg kamen alljährlich um die 100.000 Kurgäste in die Stadt. Heute ist es zwar nur ein Zehntel davon, aber es macht noch immer Spaß, in Vichy zu flanieren. Vorbei an altmodischen Geschäften in den Passagen. Hinein in edle Brasserien. Und wieder hinaus zum Parc des Sources, dem Park der Quellen, durch den eine 700-Meter-Promenade mit weißem Zierdach zu einer enormen Trinkhalle führt. Seit über 100 Jahren nehmen Besucher dort unter Glaskuppeln und Kugelleuchten das berühmte Vichy-Wasser zu sich.

Es schmecke leicht schwefelig, sagt Rottmann, der wie Salwan längere Zeit in einem französischen Haushalt verbrachte und neben seiner Arbeit bei Cavilam immer wieder Einzelunterricht nahm. In einem Spezialkurs hat er auch gelernt, wie man sich in Konflikten mit französischen Kollegen verhält. In Vichy etwa, zwischen 1940 und 1944 Sitz der mit den Nazis verbündeten französischen Pétain-Regierung, trifft man hier und da auf ungute Erinnerungen. "Es gab schon mal komische Bemerkungen", erzählt er, und als "Der Untergang" lief, der Film über das Ende des Dritten Reiches, habe er bemerkt, "wie ältere Franzosen das Kino mit Tränen in den Augen verließen".

Bei Cavilam, sagt Rottmann, habe er "vernünftig Französisch gelernt". Und das ist eine Menge. So mancher, der die schwierige Sprache Voltaires lernen wollte, scheiterte kläglich. Etwa der amerikanische Star-Autor David Sedaris, der schon lange in Paris lebt. Französisch zu lernen, schrieb er in seiner legendären Kurzgeschichte "Ich ein Tag sprechen hübsch", sei "eine lange Periode der Schikanen und Mutproben".

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