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Städtereise Madrid: Temperament am Rande des Zentrums

Wer sehen möchte, wo in Madrid das Leben spielt, von dem die Kunst in den berühmten Museen erzählt, der sollte das spannendste und farbigste Viertel Lavapiés durchstreifen.

Von Bernd Schwer

Sie ist leicht zu übersehen, Yolis kleine Eisdiele. Eine schmale Front, kaum breiter als eine Tür, ein Fenster und ein Schild darüber: "Heladería Yoli". Auch wer sich nichts aus Sahneeis oder Mandelmilch macht, kennt diese Adresse: Calle Argu-mosa 7. Denn in Lavapiés weiß jeder, wer Yoli ist, die kleine schwarzhaarige Peruanerin, die hier ihre süßen Köstlichkeiten serviert und die zudem immer auf dem Laufenden ist, was in dem etwas rauen, aber bunten Viertel südlich des Stadtzentrums gerade so vor sich geht.

Seit 1993 betreibt sie ihr Eiscafé, wie sie im weichen Singsang der Südamerikaner erzählt. Und erlebte mit, wie sich das barrio, das Viertel, gewandelt hat. "Als ich anfing, gab es hier nada, nada, nada." Nichts, gar nichts habe sie vorgefunden in der Nachbarschaft, keine Bars, kein Restaurant. Sie war die Erste, die es wagte, in der Calle Argumosa ein Lokal zu eröffnen. "Damals war kein Mensch so verrückt, hier spazieren zu gehen", sagt sie. "Es gab nur Drogen, Schlägereien, Prostituierte. Und überall Hingen die Zombies herum." Zombies, das klingt im Spanischen ähnlich wie Junkies, da kann man es gleich so nennen.

An der Mitte Spaniens

Von der Calle Argumosa, der Straße mit dunkler Vergangenheit, spaziert man in einer guten Viertelstunde ins königliche Zentrum von Madrid. Zur Plaza Mayor, die einst ein Festplatz war und eine öffentliche Bühne, wo Theater gespielt, gegen Stiere gekämpft und gegen Ketzer verhandelt wurde. Oder zur Museumsmeile um den Prado, zum vertikalen Garten am Caixa Forum und zur Puerta del Sol, wo Spaniens Kilometer null in den Asphalt eingelassen ist - die Mitte Spaniens, Ausgangspunkt der sechs Nationalstraßen.

Die Mitte, das Herz der Iberischen Halbinsel zu sein ist das Privileg Madrids und ein entscheidender Grund, weshalb Philipp II. den kleinen Ort in der kastilischen Hochebene 1561 zur Hauptstadt erkor. Doch während man im Zentrum die Geschicke des Landes lenkt und Hochkunst für die Ewigkeit Konserviert wird, bewegt sich das Leben an den Rändern.

Nur eine Viertelstunde Fußweg, und dabei geht man vom Zentrum stetig bergab. Durch Straßen, die enger werden, über Plätze, die nicht mehr von Palästen gesäumt sind, sondern von schmalbrüstigen Häusern mit Fassaden, deren letzter Anstrich auch schon historisch ist. Der Spaziergang nach Lavapiés führt hinab in Madrids alte Unterstadt und zu dem Viertel, in dem das Leben spielt, von dem die Kunst in den Museen erzählt.

Couscous-Küche und indische Saris

Jüdisch-muslimische Vorstadt, neue Heimat für Landarbeiter aus Andalusien und Murcia, dann Auffangbecken für Auswanderer aus Lateinamerika, von Mexiko bis Chile - wenn es in Lavapiés eine Konstante gibt, dann heißt sie Einwanderung. Heute findet man in den schmalen Straßen die muslimische Schlachterei neben der uralten Stierkampf-Bar, den senegalesischen Trödelladen neben dem Feinkosthändler aus dem Libanon, marokkanische Couscous-Küche neben indischen Saris.

Hier gibt es authentischen Flamenco in Kellerbars, aber auch Reggae und afrikanische Sounds in kleinen Clubs. Im Sommer wird auf Festivals Tango getanzt, bei Open-Air-Konzerten treten südamerikanische Bands auf. Sogar der Ramadan ist eine Attraktion - nach Sonnenuntergang, wenn die muslimischen Familien sich an langen Tischen zusammensetzen und das Fastenbrechen zelebrieren. 32 000 Menschen leben in dem Stadtviertel, an die 100 Nationalitäten kommen hier zusammen, fast 40 Prozent der Bevölkerung sind als Ausländer registriert.

Jeder kennt jeden

"Es stimmt schon, Lavapiés ist multikulturell", sagt Isabel Campo, "deshalb lebe ich hier so gern." Ein Aber schwingt in diesem Satz mit, ein Unterton, der sagen will: Stell dir die Sache nicht so romantisch vor. Stell dir lieber vor, dass in so einem Dorf in der Stadt zwar Geborgenheit herrschen mag, aber eben auch Enge. Jeder kennt jeden und keinem entgeht etwas.

Und dann sind die Dörfer sich untereinander nicht grün: Die Nordafrikaner leben nach ihren Regeln und Gewohnheiten, die Senegalesen bleiben unter sich, die Inder ebenso. Isabel: "Alle wissen, dass sie hier in einem Stadtviertel gelandet sind, das ihnen Raum zum Leben bietet. Aber das heißt ja nicht, dass jeder seine mitgebrachte Kultur plötzlich abstreift und alle Spanier werden."

Die Strandpromenade von Madrid

An einem sonnigen Tag eilt Yoli einige hundert Mal von ihrer Eisdiele hinaus auf die Straße und zurück. Auf dem breiten Trottoir steht unter jungen Bäumen eine Handvoll Bistrotische, von Sonnenschirmen überdacht. "Vor jedem Lokal siehst du jetzt die Tische", sagt Yoli zwischen zwei Gängen mit Tabletts voller Eisbecher. Sie sieht die Tische als Symbol dafür, dass die Unterstadt sich wandelt. Neben ihren eigenen Tischen stehen die des "Buga del Lobo", einer Szenekneipe, weitere Restaurants und Bars schließen sich an. Terrazas heißen die Straßenlokale auf Spanisch. Die in der Calle Argumosa sind in ganz Madrid berühmt. Ihretwegen sprechen die Madrilenen auch vom paseo marítimo, der Strandpromenade - obwohl es dort weder Sand noch Meer gibt. Doch das fröhliche Straßenbild, das Grün der Bäume, die Sonnenschirme, das lässt einen an Sommer, Spaß und Ausgehen denken. Und das fällt auf in der Gegend - gerade, weil es hier lange Zeit eher düster aussah.

"Viele haben das barrio hinter sich gelassen", sagt Yoli. Etliche Nachbarn hat sie wegziehen sehen. An ihrer Stelle kamen freie Theatergruppen, fanden Platz und Inspiration in den alten F Gebäuden, Hinterhöfen und leeren Fabriken. Im Schlepptau brachte die Kultur Kneipen, Läden, neues Leben mit. 2006 eröffnete schräg gegenüber der Eisdiele das Teatro de Valle-Inclán. Am anderen Ende der Argumosa überragt das Centro de Arte Reina Sofía den Ostrand von Lavapiés. Dort drängeln sich die Touristen vor Pablo Picassos Monumentalgemälde "Guernica".

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