Städtereise Venedig Der Reiz der Nebensaison

Nach dem Karneval ist es ruhig in den engen Gassen der Lagunenstadt - und es wird wärmer. Nur wenige Touristen zieht es in das Labyrinth am Wasser. Tipps für eine preiswerte Reise nach Venedig in der Nebensaison.
Von Knut Diers

In den Wintermonaten regiert eine Mischung aus entspanntem Treiben und Ruhe. Wo gibt es das sonst in Europa - eine Stadt frei von Autos? 80.000 Menschen leben auf den Pfahlbauten am Meer. Antonio, der die Einheimischen und Gäste für 50 Cent in seiner Gondel am Fischmarkt über den Canal Grande bringt, sagt: "Jetzt kommen die Kenner und Genießer."

Die Gäste von Antonio gehen in die Fischhalle, die Pescheria. Das ist eine zweigeschossige, offene Säulenhalle. In ihr wird seit 1907 Fisch verkauft. Als Tipp gilt der Schwertfisch, der besonders festes Fleisch hat. Tintenfische, Muscheln und Kleinfische sind ebenfalls im Angebot. Nebenan lässt sich um Gemüse und Obst feilschen. Zubereitet wird dann alles im angemieteten Appartement. Die Ferienwohung ist im Winter oft für 300 oder 400 Euro pro Woche bei der Mitwohnzentrale zu bekommen. "Wir haben jetzt viele günstige Angebote mit echt venezianischen Möbeln", sagt eine Mitarbeiterin der Zentrale, die Deutsch spricht.

Gefahren werden per Gondel

Franziska aus Köln, sie ist 44 Jahre alt, fährt zweimal im Jahr nach Venedig. Sie liebt die Gondelfahrt. "Das finden viele zwar kitschig, aber ich mag es." Sie beobachtet diese Männer, die meist schweigsam sind, starke Oberarme zeigen und ihr Tagesgeschäft demütig bis gleichmütig vollbringen. Lächeln ist Luxus. Wahrscheinlich verlangt die hohe Konzentration zuviel Energie: Motorboote, Taxiboote, die Ambulanzboote, das Linienschiff, die Touristengondeln, die Lastkähne, das Öltankschiff - sie alle winden sich wie auf einem Ameisenhighway aneinander auf den großen Kanälen vorbei. Und dazwischen rudern die beiden Männer einer Gondel mit Franziska, die auf rotem Samt sitzt.

Häuser mit den Füßen im Wasser, die Ruhe in den Gassen, die vielen Synonyme für Tod, Geburt und Erotik, das ist es, was Besucher anzieht. Wer rechts und links der Touristenrouten durch die Stadt streift, erlebt herzliche Episoden in den Eckkneipen. Da wird nur ein paar hundert Meter vom überteuerten Markusplatz entfernt der Cappuccino noch für 80 Cent ausgeschenkt. Unterhaltung mit Lacheffekt inklusive.

Da sind alte Schuhläden zu sehen. Franziska probiert jedes Mal ein Paar an, dann noch eins und noch eins. "Es gibt so viele", sagt sie und lacht, "und keins gleicht dem anderen." Dann wieder steht eine Tür zu einer alten Buchdruckerei offen, die sie vorsichtig öffnet. Der Signore winkt sie herein, und Franziska darf sich in dem Haus mit dem alten Gewerbe umsehen. Dann ist Zeit für einen Espresso im nächsten Café.

Ein Glas Prosecco für zwei Euro

Schnäppchen sind da zu finden, wo Studenten leben. In Venedig heißt der Stadtteil Dorsoduro. Die Lokale bieten Gerichte für fünf bis acht Euro. Es gibt Oliven gratis zum Wein. Das schwarze Moleskine-Notizbuch liegt zum halben Preis in den Auslagen eines Schreibwarenladens. Ein paar Meter weiter ein anderes Bild: Selbst jetzt noch sitzen Gäste draußen, eingehüllt in Mantel und mit Wollmütze halten sie ihren Prosecco für zwei Euro in der Hand.

Dann geht es vom Nordufer nach Murano mit dem Linienboot. Seit dem 13. Jahrhundert ist diese Insel Zentrum der Glasbläserei. Wie Gefangene lebten die Glasbläser dort, denn nur so ließ sich ihr Geheimnis der Glasherstellung hüten. Heute kann der Gast bei der nicht mehr geheimen Herstellung von Glas live zuschauen. Es gibt eine große Auswahl an Vasen, Skulpturen und Spiegeln bei CAM auf der Piazzale Colonna. Die Insel hat ihren Charme, den sie gratis versprüht.

Auf dem Rückweg bietet sich ein Stopp in San Michele an. Es ist die beeindruckende Kulisse von Hunderten von Gräbern auf der rechteckigen Friedhofsinsel, die diesen Kurzaufenthalt bestimmt. Der Physiker Christian Doppler, die Komponisten Igor Stravinsky und Luigi Nono sowie der Schriftsteller Joseph Brodsky liegen dort. Dann geht es im Wasserbus Linie 41 oder 42 zurück zum Fondamenta Nuove, dem Nordufer der Hauptinsel Venedigs.

Es gibt Menschen wie den amerikanischen Schriftsteller Louis Begley, der seit 60 Jahren ständig in die Wasserstadt fährt und bei der Frage nach seinen Lieblingsplätzen in eine unendlich erscheinende Aufzählung verfällt. Auch der 76-Jährige spürt: Venedig wirkt vielleicht zunächst altertümlich, ist aber wie ein lebender Organismus ständig im Umbau, im Aufbruch und erzeugt Frische im Kopf. Einfach zum Verlieben.


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