Städtereisen Paris ohne Reue

Je nach Komfortklasse kann die erste Mahlzeit des Tages in Paris zwischen zwölf und 30 Euro kosten
Je nach Komfortklasse kann die erste Mahlzeit des Tages in Paris zwischen zwölf und 30 Euro kosten
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Cocktails für 25 Euro, Menüs für 260 Euro, Hotelzimmer ab 360 Euro. Paris gehört zu den teuersten Metropolen der Welt. Wer die Stadt trotzdem genießen will, orientiert sich an den Einheimischen.
Von Jörg Zipprick

Violettes Licht pulsiert in der Dachkuppel, die Bar leuchtet klirrend blau wie ein übergroßer Eiswürfel. Drei Mann in Schwarz hinter dem Tresen mischen Martinis, drei andere servieren Schaumwein in Tulpengläsern nebst Eiswürfeln - direkt in einer Blumenvase. Wir sind in der Bar des edlen Pariser Traditions-Hotel Plaza-Athénée. Ein Cocktail kostet hier leicht 24 bis 29 Euro. Angesichts der geringen Menge Flüssigkeit im Glas bestellen auch Abstinenzler schnell einen Zweiten.

In der Nähe der Nationalversammlung hat das Intérieur des weißen Eckhauses eine Renovierung dringend nötig. Zwischen den engen Tischen jongliert der Service mit der Attitüde der Tempeldiener des Lukullus. "Wir werden sie verwöhnen" murmelt ein Mann in Schwarz in hochseriösem Tonfall schon am Eingang. Es klingt wie eine Drohung. Das ist das bekannte Pariser Restaurant "Arpège". Ein Gemüsegericht gibt es hier ab 60 Euro aufwärts.

Voilà, ça c'est Paris! Es gab mal eine Zeit, da war die Stadt nicht billig. Als Student suchte ich ein kleines, familiäres Hotel aus, blickte am Kalkbelag im Bad vorbei und ignorierte die durchgelegene Matratze. Man war schließlich in Paris! Der Stadt der Liebe, der Lichter! Das Hotel, wo ich für 25 Euro die Nacht das Pariser Leben schätzen lernte, hat seine Preise inzwischen versechsfacht. Es heißt Palais Bourbon und liegt gleich um die Ecke des besagten "Arpège". Damals gab es dort für 21 Euro ein Mittagsmenü mit drei Gängen. Ich hielt das für wahnsinnig teuer, habe es mir aber dann trotzdem einmal gegönnt. Berauscht von der Seezunge mit gedünsteten Gurken trat ich den Heimweg an.

Funktionell, aber sauber

Irgendwann wurde Paris kostspielig, schließlich dann unerschwinglich. Böse Zungen meinen, das Preisniveau würde an "vermögenden Russen" ausgerichtet. Mir persönlich bekannte "vermögende Russen" schwören hingegen, sie würden in Pariser Hotels und Restaurants buchstäblich über den Tisch gezogen. Sie verdächtigen ihrerseits die Wirte, spezielle Karten für Ausländer in Reserve zu haben. Ich erkläre dann umständlich, dass Inländer genau dieselben Preise bezahlen, die Besucher aus Moskau und St. Petersburg schütteln anschließend verständnislos mit dem Kopf. Die berüchtigte Mercer Survey listet Paris auf Platz 12 der teuersten Städte der Welt. München, teuerste Stadt Deutschlands, landet abgeschlagen auf Rang 37.

Wohin also in Paris? Sicher, irgendwo gibt es ein Café an der Ecke mit einem kleinen Schwarzen für zwei Euro. Steakhaus-Ketten und Sandwiches in Plastikfolie, haltbar drei Wochen, machen notfalls satt. Die günstigsten Hotels sind bei diversen Reiseveranstatern unter Vertrag. Dann gibt es noch diverse Kettenhotels mit Preisen ab 42 Euro. Sie liegen leider an der sechsspurigen Stadtautobahn des Boulevard Périphérique.

Ganz allgemein gilt: Unter 120 Euro sollte niemand auf Bett nebst Bad hoffen. Löbliche Ausnahme ist das zweite Hotel aus meiner Studienzeit, das

Jeanne d'Arc

(3, Rue Jarente, 75004 Paris, 0033 1 48 87 62 11). Ein echtes Stück Paris mitten im Marais, hinter der Place du Marché Saint-Catherine, zwei Minuten zu Fuß von der noblen Place des Vosges. Mit Glück erwischt man ein Zimmer für 78 bis 90 Euro. Das ist, nun ja, eher funktionell, aber immerhin sauber. Und das Jeanne d'Arc gehört zu den ganz, ganz wenigen Hotels, die Familienzimmer mit drei oder vier Betten bieten. Auch das Frühstück ist mit sieben Euro dort recht erschwinglich. Je nach Komfortklasse kann die erste Mahlzeit des Tages in Paris zwischen zwölf und 30 Euro kosten für Baguette, Croissant, Kaffee und zwei Töpfchen Konfitüre. Pro Person. Günstiger frühstückt es sich im Café an der nächsten Strassenecke.

Kultur gratuit

Mittags lockt ein Sandwich in der Bäckereikette Le Pain quotidien (zum Beispiel: 18, Place Marché St Honoré, 75001 Paris, Tel.: 01 42 96 26 68). Oder man geht zu Yves Camdeborde vom Le Comptoir (täglich, 9, carrefour de l’Odéon, 75006, Tel. 01 44 27 07 97), einem winzigen, traditionellen Lokal im Herzen von Saint-Germain. Für das große Abendmenü servieren die Gäste hier zwei Monate im voraus. Aber mittags gibt es tolle Salate, Terrinen und kleine Leckereien. Die Wurst kommt von Yves' Familie aus dem Südwesten, natürlich ist sie hausgemacht.

Hunger auf Kultur statt Hunger auf Wurst? Auf Websites wie www.parisgratuit.com informieren sich Pariser, welche Museen und Kinos gerade kostenfrei offen stehen. Sind der Louvre, die Orangerie, das Musée Guimet und das Musée d'Orsay immer noch am ersten Sonntag im Monat gratis? Und wohin am zweiten, dritten, vierten Wochenende im Monat? "Parisgratuit" bietet viele Anregungen, auch wenn nicht alle Infos immer hundertprozentig zuverlässig sind. Statt der weltbekannten Museen kann jeder die Kunst auch in den zahllosen Galerien bewundern. Das ist dann wirklich kostenlos.

28 bis 32 Euro für das Diner

Richtig ins Geld geht das Diner, das Abendessen. Letzteres ist dem Pariser bekanntlich heilig. Handelsübliche Restaurantführer helfen bei der Auswahl des richtigen Lokals nur in den wenigsten Fällen weiter. Wer sein Geld für steifen Service und Louis XVI-Kronleuchter ausgeben will, sollte ruhig in den "Michelin" schauen. Wir Pariser gehen lieber ins

L’Ami Jean

(Sa und So geschlossen, 27, Rue Malar, 75007, Tel. 01 47 05 86 89): Dort ist es düster, der Putz bröckelt, aber der junge Koch Stéphane Jégo kann was. Steinpilzpfännchen, Kalbshaxe mit Piment und Kirschkuchen für etwa 30 Euro. Derzeit liegt das Preisniveau eines guten Bistros bei 28 bis 32 Euro pro Person - bei Wein und Aperitif sollte man immer stets, immer und unter allen Umständen nach dem Preis fragen.

Das

Bistrot Paul Bert

(So geschlossen, 18, Rue Paul Bert, 75012, Tel. 01 43 72 24 01) wirkt, als hätte hier schon Jean Gabin eine Gauloise nach der anderen gequalmt. Ab und an schmecken die Terrinen und Schmorgerichte hier hervorragend, dann und wann nur durchschnittlich, das gehört dazu. Immer zuverlässig sind die Kleinstlokale

Chez Michel

(Sa Mittag, So, Mo geschlossen, 10 Rue Belzunce, 75010, Tel. 01 44 53 06 20),

L’Ourcine

(So und Mo geschlossen, 92, Rue Broca, 75013, Tel. 01 47 07 13 65) und

Le Bélisaire

(Sa und So mittags geschlossen, 2, Rue Marmontel, 75015, Tel. 01 48 28 62 24), alle mit guter rustikaler Küche mit Pfiff. Viele junge Bistrowirte von heute haben nämlich in den besternten, bepunkteten und bekochmützten Lokalen der großen Guides gelernt und bringen ihr Können jetzt zu Sparpreisen an den Mann. Der Tresen im Bélisaire ersetzt mir mit seinem farbenfrohen Völkchen jede Cocktailbar. Und wenn Wirt Matthieu Garrel unter seinem kahlgeschorenen Schädel grinst und mit großer Geste "Wir werden sie verwöhnen" sagt, dann klingt das rundum freundlich. Voilà, ça c'est Paris!


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