Am liebsten würde sie sich hinlegen. Eine Cola. Und dann ein bisschen ablegen. Ist aber nicht, denn in Paris ist Fashionweek und das bedeutet einen Terminkalender, der selbst für Klum’sche Verhältnisse ausgesprochen voll ist. „On & Off The Catwalk“, zweiter Teil, ist angesagt. „By Heidi Klum“, wie es so schön heißt. Die Frau ist Markenartiklerin und weiß, wo der Name hingehört – aufs Produkt nämlich, und zwar gut leserlich.
Erneut bot sich ein Wimmelbild zwischen Catwalk und Garderobe, Schminktisch und Showroom, ein Kommen und Gehen, alles unter der Prämisse: „Mit 52 Jahren kann ich machen, was ich mir immer gewünscht habe“. Für Normalsterbliche würde das vielleicht bedeuten, in der Sonne zu liegen. Ein gutes Buch. Eine Cola mit Schuss. Nicht so Heidi Klum.
Die trifft sich in Paris zum Straßenshooting mit Moritz und Daniela von „Germany’s next Topmodel“. Dass kein Schminkbus zur Verfügung steht, kümmert niemanden so wirklich, man ist Improvisieren gewöhnt. In diesem Fall heißt das: Frisieren lassen im Haushaltswarengeschäft um die Ecke, zwischen Toaster-Kartons und Hackenporsches, die von der Decke baumeln. Linda macht das Make-up, der Lorenzo die Haare, das Team ist (auch) der Star.
Abends geht es dann raus auf die Rampe, eine Open-Air-Stage, von Legenden bewalkt, Andie MacDowell, Helen Mirren, Jane Fonda – und Heidi Klum.
Einfach ein schönes Gefühl, diese „Sisterhood“. Vor der Show gibt es noch eine Botschaft an Hans und Franz – ihre Brüste: „Nicht rausfallen, Jungs“. Irgendwann ist sogar noch Zeit für eine „Tom Break“.
Dass Heidi Klum am nächsten Tag dann wirklich völlig im Eimer ist und durch die Gegend schleicht wie einst, als sie sich an Halloween als steinalte Omma verkleidete, liegt wohl daran, dass der Göttergatte noch „Sport“ wollte – was immer das heißen mag. Sport ist Mord, wusste schon Churchill. Während Heidi von Paris nach Düsseldorf fliegt und dort in Hoodie und Lederjoppe aufs Hotelbett fällt, facetimet Tom nochmal durch – nackt in der Poofe, so heißt es. Sport also, na gut.
Heidi Klums Familie ist mit dabei
Tochter Leni und Sohn Henry Samuel sind auch diesmal wieder dabei. Der Nachwuchs hat mittlerweile selbst Castings, Shootings, Schaulaufen im Planer. Die Kinder werden flügge, da kann die einstige Helikopter-Mom angesichts der leeren Kinderzimmer noch so sehr schniefen, die gehen ihren Weg. Immerhin kann jetzt auch gemeinsam gearbeitet werden, macht ja eh mehr Spaß, wenn Leni oder Henry dabei sind. Im ersten Familienshooting zu dritt geht es ins Badezimmer, mit Laubpuster als Windmaschine und verstimmter Ukulele. Du, die Wanne ist voll, die Klum-Version.
Die Eindrücke und Ausflüge kommen wie mit der Schminkpistole geschossen: Als „Venus in der Muschel“ hält Heidi eine Laudatio auf Modemacher Jeremy Scott. Paris Hilton steht hinterm DJ-Pult und drückt ein paar Knöpfchen nach Guetta-Art. Lagerfelds Creative Director Hun Kim ist Heidi Klum offensichtlich mehr zugetan als einst sein ignoranter Meister. Thomas Hayo lobt Lenis eigenen „Character“, ihre „Sensibility“ und die eigene „Range“. Heidi macht das Licht auf dem Empire State Building an. Leni hatte drei rebellische Jahre und Henry als Kind ADHS, oder, wie er es nennt, eine auditive Verarbeitungsstörung, vulgo: links rein, rechts raus.
Vielleicht war das aber auch bereits die Vorstufe dessen, was Heidi Klums Erfolgsgeheimnis ist: dass sie vieles einfach durchwinkt, abperlen lässt, auf Durchzug schaltet. „Dass sie sich nix scheißt“, wie Andreas Kronthaler es ausdrückt. Der Modemacher und Witwer von Vivienne Westwood ist Klum-Fan, das ist nicht zu übersehen.
Nach seiner Show, die Heidi Klum im Braut-Kostüm beschließt, gibt es ein Küsschen – auf den Mund, wie Leni und Henry geradezu entsetzt feststellen. „Our lips flipped“, der lapidare Klum-Kommentar, vulgo: afglitscht. Was soll’s.
Medusa und der Gladiator
A bisserl zäh wird es dann beim großen Halloween-Halali: Die Schminktortur für Heidi als Medusa und Tom als versteinerter Gladiator gibt es ausführlich zu sehen. Ein alljährliches Highlight, diese Maskerade, über sich ergehen lassen möchte man es dennoch nicht.
„Möchtest du so mit mir Sex haben?“, fragt die Klum den Kaulitz. Der lehnt dankend ab. So sieht das nämlich aus, da vergeht einem sogar die Lust auf ein Viertelstündchen „Sport“. Vielleicht liegt es auch an der Windel, die Heidi unter der aufwendigen Verkleidung trägt. Auf den Lokus gehen, das kann man vergessen, reingemacht hat sie aber auch noch nicht. Spricht’s und zieht sich eine lange Pinocchio-Nase.
Die scheißt sich nix, das weiß man ja nun, wird wohl nur ein kleines Geschäft sein. Vielleicht auch schon ein Ausblick auf den lebensabendlichen Teil der Karriere. Denn Aufhören ist im Klum-Kalender nicht vorgesehen. Modeln mit 80 oder 90? Warum nicht, am besten dann mit den Kindeskindern, immer schön nach der Devise: Smile and Wave. Und sich nix scheißen.