HOME

Trentino: Brunos wilde Brüder

Mitten in Europa liegt ein Gebiet, in dem der Mensch nicht mehr allein Herr der Natur ist. Gleich neben der Austostrada 22, der Mega-Piste in den Süden, befindet sich der Naturpark "Adamello Brenta", hier leben die großen Braunbären.

Von Gernot Kramper

Fast waren sie ausgestorben, aber seit einigen Jahren arbeitet das Projekt "Life Ursus" daran, den brummigen Gebieter der Wälder eine Lebensgrundlage zu schaffen. Ausgerechnet die Italiener, deren Umgang mit der Natur nicht immer über jeden Zweifel erhaben ist, bringen dem braunen Giganten große Gelassenheit und tiefe Zuneigung entgegen. Ganz anders als die Deutschen, die bei jedem freilaufenden wilden Tier in Hysterie verfallen und sich füchten, sobald sie das Haus verlassen.

Bärige Leidenschaft

Parkranger Enrico Dorigatti ist von Anfang an dabei. Lange vor dem Beginn des Auswilderungsprojekt "Life Ursus" begegnete er in der Nähe eines Dorfes einem Bären. "Da war er nur zehn Meter vor mir und ich habe ihn fünfzehn Minuten beobachten können," strahlt Enrico, als sei es gestern gewesen. An diesem Morgen begann die große Liebe seines Lebens. Obwohl im Trentino geboren, habe er nie gedacht, dass es noch freilebende Bären gäbe. Nachdem er einen von ihnen gesehen hatte, gab es für ihn kein Halten mehr. Unter wisssenschaftlicher Leitung machten er und andere Freiwillige sich auf die Suche nach den Bären. "Wir dachten, es gäbe mindesten zwölf." Aber nach Jahren des Sammelns und der Analyse alle Spuren mussten sie feststellen, dass nur noch drei Trentinerbären lebten. Es gab keinen Zweifel: Der majestätische Sohlengänger war zum Aussterben verurteilt. Wenn nicht etwas geschehen sollte. Und es geschah. Gerade noch rechtzeitig wurde das Pojekt "Life Ursus" ins Leben gerufen. In mehreren Jahren wurden insgesamt neun Bären aus Slowenien ausgewildert. Mit Erfolg, mehr als zwanzig Jungbären haben seitdem das Licht der Berge erblickt. Nur leider ist das Leben in der Wildnis selbst für Bären kein Honigschlecken. Allein in diesem Winter sind vermutlich drei Bärenkinder umgekommen. "Nein, nicht durch Wilderer oder Touristen", beruhigt Enrico. Schnee und Muren seien Schuld. Da könne man nichts machen, zuckt der Ranger mit den Schultern. Die Tiere sollen ja in der Wildnis leben.

Mythos Raubtier

Wie dümmlich die Deutschen mit den brummigen Herren der Berge umgehen, zeigt schon der Name "Problembär Bruno" - hier im Trentino heißen alle Bären Bruno - Bruno nämlich wie "Braun". Die Höflichkeit verbietet es Filippo Zibordi, einem der Leiter des Auswilderungsprojektes, über die teutonischen Befindlichkeiten zu urteilen. Nur soviel: "Für unser Vorhaben, haben wir alle verfügbaren Materialen über Bären und Menschen gesammelt. In keinem Fall wurde ein Mensch von einem Bären grundlos angegriffen." Grundlos? "Die einzigen bekannten Fällen betreffen Jäger, die einen Bären verwundet haben, und dann von ihm angegriffen wurden." In der Tat, eine verständliche Reaktion. Und die Geschichten vom wilden Raubtier Bär? "Das sind Legenden. Aus dem Mittelalter. Vielleicht wollten sich die Jäger wichtig machen."

Unsere Bären

Im Trentino und um den Park herum sind die Menschen stolz auf "ihre" Bären, wenn auch die meisten aus Slovenien stammen. "Wir haben zuvor eine Umfrage gemacht, und über 70 Prozent wollten das wieder Bären hier leben." Hilfreich sei dabei gewesen, dass die Tiere im Trentino nie ganz verschwunden waren. Und jetzt, seitdem die Bären wieder durch Wälder und Wiesen stapfen, sei der Zuspruch noch größer geworden. Man sieht es schon auf den Straßen. Stolz tragen die Häuser Bären-Banner, Lüftl-Maler haben spielende Bärenkinder auf die Fassaden gepinselt. Niemals ist es vorgekommen, dass jemand versucht hat, im Naturpark einen Bären zu schießen. Im Gegenteil, die Ranger haben alle Hände voll zu tun, die Bärenliebe in Grenzen zu halten. "Viele füttern die Bären, das geht nicht," beklagt sich Enrico. Dann kann die Zuneigung auch materiellen Gründe. "Naja," Enrico druckst herum. "Wenn sie einen Bären regelmäßig an einer Stelle anfüttern, wird er wiederkommen. Dann können sie den einen oder anderen für Geld dorthin führen."

Die bekanntesten Trentiner

Richten die Bären einmal Schäden an, werden sie vom Projekt ausgeglichen. So hat keiner Grund, der braunen Gesellen gram zu sein. Dafür profitiert die ganze Region, denn selbst wer noch nie vom Naturpark "Adamello Brenta" gehört hat, und der die Brenta-Gruppe für ein Tanzorchester hält, weiß, dass es hier die großen Bären gibt. Auch wenn man ihnen beim Trekking natürlich nur selten begegnet, liegt ein besonders "es könnte ja sein" über allen Wegen. Das fängt damit an, dass die Bienenstöcke im Wald mit Stromzäunen gesichert sind, denn sonst würden sich die Bären schnell am Honig gütig tun. Wilde Bären zum Anfassen gibt es nicht, aber manchmal zeigen sie sich ganz offen. Etwa auf der Auffahrt zum Towel See. Dort hat sich im letzten Jahr ein großer Brauner morgens munter gebadet, unbeeindruckt von den staunenden Touristen auf der Straße.

Service und Information

Naturpark Adamello Brenta

Esperienza Trentino

Informationen zum Urlaub auf der Paganello Hochebene, der Brenta Gruppe und dem Moveno See (ital. Sprache)
Piazza Dolomiti, 1
38010 Andalo [Tn]
Tel. 0039/(0)461/585836
Fax. 0039/(0)461/585570

Informationen zum Trentino in deutscher Sprache

Tel. 0039/0461/219500
Trentino S.p.A. Marketing AG
Via Romagnosi, 11
38100 Trento
Tel 0039/0461/219300
Fax 0039/0461/219400

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity