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Rajasthan Bed and Breakfast in Palästen


Viele indische Märchenpaläste beherbergen heutzutage Luxushotels. Aber es gibt auch eine Variante für den kleinen Geldbeutel. Den engen Kontakt zu Adligen gibt es kostenfrei obendrauf.
Von Swantje Strieder

Ein schmucker samtroter Buick Cabriolet aus den Fünfzigern wartet vor dem Portal des kleinen Flughafens von Jodhpur, der alten Festungsstadt am Rande der rajasthanischen Wüste. Nicht auf uns! "Der ist für Bill Gates reserviert, der wird heute von seiner Hoheit, dem Maharaja von Jodhpur empfangen", sagt Mahesh, unser Fahrer ehrfurchtsvoll, während er meine nicht ganz standesgemäße Plastiktasche im Fonds eines Kleinwagens verstaut. Doch dies ist nicht die Geschichte "Hochadel trifft Geldadel im Märchenpalast", sondern über Rajasthans Kleinfürsten und ihre hübschen kleinen Herbergen, die sie in den letzten Jahren für Touristen eröffnet haben.

Wir sind zu Gast beim Maharaj (ohne "a"), also beim "kleinen" Maharaja zu Jodhpur. "Ohne Thron, denn das "a" macht den Unterschied", lächelt unser Hausherr Chandrashekhar Singh, der wie der jüngere Bruder von Mario Adorf aussieht. Der echte Maharaja -"der Herr da mit dem Turban da oben auf dem Foto"- sei ein entfernter Vetter, sagt er und zeigt uns stolz die Ahnengalerie in seinem Wohnzimmer, wo zahllose Hoheiten mit imposanten Schnauzbärten und Diamantknöpfen am Revers steif und würdig ausschauen. Alle sehen sich ähnlich, denn alle sind irgendwie miteinander verwandt und alle tragen den schönen Nachnamen Singh, also Löwe.

Wundersames Rajasthan

Im "Land der stolzen Rajputen", also der Königssöhne, geht es noch feudal zu, obwohl die knapp zwei Dutzend Maharajas und ungezählten Kleinfürsten heute eigentlich nur Herr Jedermann sind, denn die eiserne Ministerpräsidentin Indira Gandhi strich ihnen vor 40 Jahren ihre Privilegien zusammen. Der legendäre Reichtum und die Pracht von 1001 Nacht schmolzen unter der harten Wüstensonne wie Sorbet im Champagnerglas. Wie reden wir einen Maharaj heutzutage an? "Nennt mich Chandrashekhar, "der Mann, der den Mond in seinem Haarknoten hält", schlägt unser Gastgeber vor, während er uns einen Gin Tonic zur Begrüßung mixt. Kurz: Chandra, der gute Mond.

Rajasthan strotzt vor pittoresken Festungen und Burgen, Lust- und Jagdschlösschen und Märchenpalästen, die heute meist in Luxushotels umgewandelt sind. Unser Herr Mond bewohnt allerdings keinen Palast, sondern eine weißgetünchte kubistische Villa namens "Indrashan" mit elf Zimmern und einem hübschen grünen Inenhof, wo Chandra und seine Frau Bhavna an lauen Abenden mit ihren internationalen Hausgästen sitzen und plaudern. Jedes Zimmer ist mit bunten Bauernmöbeln eingerichtet, hat sein eigenes Bad und eine mit Zinnen bewehrte Dachterrasse.

Hier oben hört man die grünen Papageien in den Baumwipfeln kreischen und kann das quirlige Leben unten betrachten. Wie Kinder mit einfachen Holzreifen spielen und eine Bäuerin im rot-gelben Sari und einem großen Gemüsekorb auf dem Kopf hereinschwebt, um der Frau Baronin ihre Ware anzubieten. Dabei lüftet die Gemüsefrau ihren roten Schleier und macht einen tiefen Knicks. "Kommt in mein Reich", lädt Bhavna uns ein, ihr in die Kochtöpfe zu schauen. Dabei schwebt sie im orangefarbenen Sari elegant zwischen Tiegeln, Töpfen und Tonschüsseln umher, in denen exotische Gemüse brodeln oder duftende Hähnchen und Lammcurrys schmoren.

"Chandra schafft es mit einem Fingerschnipsen, den Reisenden die Schönheit Rajasthans herbeizuzaubern", sagt Bernd Symons, Indien-Reiseexperte. Auch in den einfachsten Dörfern wird man wunderbar empfangen, denn der frühere Feudalherr fördert heute traditionelle Teppichwebereien, Töpfereien und andere Kooperativen in den Bishnoi-Dörfern, einer sehr umweltbewussten Bauernkaste bei Jodhpur. Wer sich im schaukelnden Jeep über die Sandpisten zu einer Village-Safari aufmacht, weiß hinterher mehr über das Leben mit der Wüste, als in manchem schlauen Reiseführer steht.

Adel verpflichtet

Auch in Jaipur, der "pink city", der rajasthanischen Hauptstadt mit den rosafarbenen Festungswällen. "Ich bin der erste von sieben Generationen Rajputen, der einen richtigen Job hat, meine Vorfahren hatten das Arbeiten nicht nötig" sagt Ripu Daman Singh mit leiser Ironie und legt sein schwarzes Jacket ab. Ripu ist Hotelmanager im luxuriösen Raj-Palast, der seinem Vetter, dem Maharaja von Jaipur gehört. Ripu trägt den Titel Thakur, Ratgeber oder Wesir und gehört dem niederen Adel Jaipurs an. Aber immerhin erbte er den Nana Ki Haweli, Großväterchens Gartenschlößchen, einen heruntergekommenen, bröckelnden Palast, aus dem seine Frau Saroj vor einigen Jahren ein hinreißendes fürstliches Bed and Breakfast gemacht hat: "Dieser berühmte Opa war der Schwiegervater des Maharajas Madhu Singh", erklärt mir Ripu die Familienverhältnisse.

Der Alte war offenbar sehr beliebt bei seiner Majestät, man sieht's auf dem Sepia-Foto von ca. 1920, wie er einen Orden von Hoheit empfängt. Geschmack hatte er wohl auch. Filligran sind die Emporen und Balkons des Nana Ki Hawelis, fast so federleicht und zart wie Jaipurs berühmter Palast der Winde. Schwer, orientalisch und samtverhangen wirkt dagegen der Salon der Familie Singh, wo ich heute zu Tisch gebeten bin. Bin ich wirklich? "Es stehen ja nur drei Teller da", platze ich heraus. "Mein Mann und ich essen seit dem Tage unserer Hochzeit immer von einem Teller", sagt Freifrau Saroj mit dezentem Augenaufschlag. "Wie die Turteltauben", lästert Srishtri, die 15-jährige Tochter, die der Papa gerade mit dem Auto von der Schule abgeholt hat.

Nach dem Tee hat die Familie Singh eine Überraschung für mich. Fürs Familienfoto vor dem Palast holen sie ihre besten Festtagsgewänder aus dem Schrank. Saroj braucht eine halbe Stunde, bis jede Falte am roten Seidensari sitzt, während Ripu mir Schritt für Schritt vor dem Spiegel zeigt, wie man fünf Meter Stoff zu einem Turban wickelt. Srishtri schlüpft aus ihrer Schuluniform in Mamas Brautkleid aus silbrig glänzender Rohseide. "Wow", ruft die junge Amerikanerin von Zimmer 210 auf der Empore, ihr dicklicher Mann kommt schnaufend mit der Kamera die Treppe heruntergelaufen, "das sieht ja aus wie im Theater! Shakespeare oder so." Die Freifrau nimmt die Komplimente der Hausgäste mit grazilem Kopfwackeln hin, das man als ja, nein oder vielleicht deuten kann. Theater? Für Rajasthans Royals ist die Tradition auch im Jahr 2009 so lebendig wie jeder Faltenwurf an Sarojs Sari oder an Ripus kunstvoll gewickeltem Turban.

"Srishtri, das Hochzeitskleid und den Palast mit Haustempel hast du ja schon, aber den Mann?", necke ich, "wirst du ihn dir selber aussuchen oder machen das deine Eltern?" In Indien sind Liebesheiraten noch heute sehr selten, weit über 90 Prozent aller Ehen sind arrangiert. Beim Adel sowieso. Wie bei ihren Eltern, die sich vor der Ehe nur einmal kurz im Kreise von Onkel und Tanten sehen durften. Komische Frage also. Da schlägt auch die sonst so kecke Srishtri, die später mal "was mit Wirtschaft" studieren will, züchtig die Augen nieder: "Meine Eltern wissen am allerbesten, welcher Mann zu mir passt."

Weitere Infos
Chandrashekar and Bavna Singh, "Indrashan", 11 Zimmer, 593, High Court Colony, Jodhpur, Tel: 0091/291/2440665, Tel. 0091/9829023593, www.rajputanadiscovery.com
Ripu Daman und Saroj Singh, Nana Ki Haveli Heritage Hotel, Fateh Tiba, Moti Doongri Road, Jaipur, Tel: 0091/1412615502
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