Kreuzfahrt Golfer an Bord


Ein Traum für jeden Golfliebhaber: Mit dem Kreuzfahrtschiff durch warme Gefilde gondeln und jeden Tag einen anderen Platz entdecken. Golf-Einsteiger lernen auf der Reise vor allem eines: Demut.
Von Björn Erichsen

Sie sehen fast aus wie richtige Golfer: das kleine Grüppchen, das da hübsch aufgereiht auf der Driving Range des Palheiro Golfclubs auf Madeira steht, das Blau des Atlantiks vor Augen. Die Beine etwas mehr als schulterbreit gespreizt, den Hintern rausgestreckt, allesamt im Kragenshirt und mindestens knielangen Hosen, so will es der clubinterne Dresscode. Ein 7er Eisen ruht in ihren Händen, schlagbereit. Zeit also für einen perfekten Golfmoment? Nein. Als Golflehrer Günter den Abschlag frei gibt, prügelt die Horde Schnuppergolfer drauf los wie ein Hockeyteam im Blutrausch. Schläger sausen hernieder, reißen riesige Luftlöcher, Grasbüschel fliegen umher, nur ganz selten trifft mal jemand einen Ball. Au weh, schnell die Augen schließen.

Der Spott ist unfair, erlebt die schlagkräftige Truppe doch gerade ihren Erstkontakt mit dem exklusiven Schlägersport. Früh am Morgen hatte sie ein Kleinbus an der langen Gangway des Kreuzfahrtriesen Aida Diva abgeholt und auf den Golfplatz chauffiert, 500 Meter hoch über Madeiras Hauptstadt Funchal gelegen. Während die meisten Passagiere den Landgang dazu nutzen, die "Insel des ewigen Frühlings" mit Bus, Fahrrad oder zu Fuß zu erkunden, haben sie sich für Golf entschieden: Für 65 Euro gibt es zwei Stunden Übungsspiel mit Gruppenunterricht, abschlagen, putten, Golf-Crash-Kurs in der Sommer-Variante.

Ganz freiwillig ist Claudia aus Köln nicht hier. Die zierliche Blondine hätte lieber einen faulen Tag an Bord verbracht, doch ihr Mann hat sie schließlich vom Sinn des Einsteigerkurses überzeugt: "Zu Hause im Golfclub, wenn all unsere Freunde dabei sind, wollten wir uns das nicht geben", sagt die 38-jährige. "Aber hier können wir uns ja ruhig blamieren." Auch bei Dimitri, einem wuchtigen Saarländer mit Spiegelglassonnenbrille, hat die Schnuppergolferei Kalkül: "Mir hat mein Steuerberater geraten, mit Golf anzufangen", erzählt der selbständige Finanzkaufmann. "Wegen der guten Geschäftskontakte und so."

Trendsport Golf: Mehr als eine halbe Million Mitglieder zählen die Golf-Clubs in Deutschland, jährlich kommen rund 20.000 Neue hinzu, allein König Fußball verzeichnet größere Zuwachszahlen. Die Reiseveranstalter freut es, vor allem wenn die Plätze in Deutschland witterungsbedingt nicht mehr bespielbar sind, zieht es Scharen von Golfern in sonnige Golfressorts, auf Golf-Rundreisen oder eben Golf-Kreuzfahrten. Letztere stehen unter "Golf & Cruise" in den Reisekatalogen und versprechen pure Leichtigkeit: Die Passagiere genießen den Luxus der modernen Kreuzfahrtschiffe und können bei jedem Landgang einen anderen Golfplatz ausprobieren, ganz ohne lästigen Bettenwechsel, ein Golflehrer kümmert sich um Ausrüstung, Transfers und Abschlagzeiten.

Auf Madeira bekommen die Schnuppergolfer so langsam Spaß an der Sache. Nur Claudia muss erst mal eine Pause einlegen, weil ihr vom Schlägerschwingen die Arme schmerzen. "Frauen mit ihren zarten Handgelenken haben es am Anfang immer schwerer", tröstet sie Günter, der mit seinen 72 Jahren um einiges vitaler ist als die meisten seiner Schüler. "Ganz locker, Dimitri", ruft er herüber, als der muskulöse Golf-Novize den Ball mal wieder viel zu flach über die Wiese drischt. Er verdonnert ihn zu zehnmal Durchschwingen ohne Ballberührung, und siehe da, nach der Strafeinheit befördert Dimitri die kleine, weiße Kugel in einer ansehnlichen Flugbahn 50, 60 Meter weit in Richtung Atlantikküste. "Geil", entfährt es ihm, "Danke, Günter".

Mit seinem orangenen Polo-Shirt und der tief ins Gesicht gezogenen Schirmmütze ist Günter der glatte Gegenentwurf zu jedem blasierten Carohosenträger mit Rindsledergolfhandschuh, der einem Golfeinsteiger das Leben schwer machen könnte. Der Düsseldorfer kommt mit seinem rheinischen Gemüt eher als der liebe Golfonkel von nebenan daher, freundlich, offen, geradezu anti-elitär, in etwa so wie die gesamte Kreuzfahrt auf der Aida. Günter selbst hat erst mit Anfang 60 mit dem Golfen angefangen und betrachtet vielleicht deshalb seinen Job als Mission: "Golf ist für mich der schönste Sport der Welt", sagt er. "Ich möchte den Leuten Berührungsängste nehmen und möglichst viele fürs Golfen begeistern."

Plautze raus, statt Golfhemd an

An Seetagen ist das kein ganz leichtes Unterfangen. Sein Arbeitsplatz auf Deck 11 wurde von den Schiffskonstrukteuren etwas lieblos in eine dunkle Ecke hineingequetscht, auf rund 20 Quadratmetern soll ein grüner Teppich eine Golfplatzlandschaft simulieren, mannshohe Plastikpalmen flankieren die Großbildleinwand eines Golfsimulators. Die On-Board-Variante von Golf & Cruise kann die Passagiere nicht so recht begeistern: Das mit kleinen Fähnchen abgesteckte Putting-Green liegt direkt an einem der Hauptdurchgangswege, vom Theatrium, einer rundum offenen, riesigen Showarena, die sich in der Höhe über drei Decks erstreckt, weht nahezu durchgehend Musik herüber. Nein, Golfplatz-Feeling ist irgendwie anders.

Ohnehin ist Golfen bei all dem bunten Treiben auf dem Kreuzfahrtschiff nicht vielmehr als eine Randerscheinung. Für das Gros der über 2000 Passagiere heißt es mit Beginn der Reise ohnehin eher Plauze raus, statt Golfhemd an: Lässig auf dem Pooldeck fläzen, Cocktail schlürfen, von der Animation berieseln lassen, echter Cluburlaub eben. Auch aktivere Zeitgenossen haben auf dem 252 Meter langen Vergnügungsdampfer die Qual der Wahl: 2300 Quadratmeter Wellness-Oase, ein opulenter Fitnessraum, im Bauch des Schiffes verbirgt sich eine komplette Ladenzeile. Dazu gibt es gut ein Dutzend Bars, ein Spielcasino und eine Diskothek, in sieben Restaurants können die Passagiere zwischen sechs Uhr Morgens und Mitternacht zum Essen gehen. Ans Golfen denken da die wenigsten.

"Zuschauen sieht immer so einfach aus"

Dass Golf & Cruise auf den Schiffen der Aida Cruises schon seit fünf Jahren angeboten wird, lässt sich aber als sicheres Zeichen für die Massentauglichkeit des Sportes deuten. Die Nachfrage sei überproportional angestiegen, lässt die Rostocker Reederei verlauten, allein in diesem Winter werden 25 Golfplätze in aller Welt angelaufen. Im harten Wettbewerb der Kreuzfahrer wird auch weiter um die attraktive Golfklientel gebuhlt: Neue Reiseziele, Vergünstigungen bei Mitgliedschaft im Aida Golf Club, auch einige Eventreisen sind geplant, wie etwa im Februar 2008 mit dem ehemaligen Golf-Bundestrainer Frank Adamowicz. Vorraussetzung allerdings: Ein Handicap von mindestens 36.

Davon sind die Schnuppergolfer auf Madeira noch ein gutes Stück entfernt. Aber Günter zeigt ihnen schon mal die wohl wichtigste Golfer-Tradition: den Umtrunk am 19. Loch, genauer gesagt auf der Terrasse des Palheiro Golfclubs, wo der Blick weit über Funchal und den Atlantik schweift. Sie haben heute vor allem eines gelernt: Demut. "Beim Zuschauen sieht Golf immer so einfach aus", sagt Claudia. "Doch der verflixte Ball wollte einfach nicht dorthin, wo ich ihn hinhaben wollte." Ob sie sich nach der Reise in den heimischen Golfclub traut, weiß sie noch nicht so genau. Dimitri dagegen ist sich sicher, er ist vom Golf-Virus infiziert. "Golfen ist genau mein Ding", sagt er und prostet Günter zu. Der lächelt nur milde, hat er doch mal wieder eine Mission erfüllt.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker