Neue Krimireihe im ZDF
Schauspielerin Ann-Kathrin Kramer: "Wir sollten aufhören mit diesen Märchenstunden"

  • von Stefanie Moissl
Ann-Kathrin Kramer hat im April doppelt Grund zu feiern: Die Schauspielerin wird 60 Jahre alt. Zudem startet ihre neue Krimireihe "Im Grunde Mord".
Ann-Kathrin Kramer hat im April doppelt Grund zu feiern: Die Schauspielerin wird 60 Jahre alt. Zudem startet ihre neue Krimireihe "Im Grunde Mord".
© 2019 Getty Images/Andreas Rentz
Im Interview spricht Schauspielerin Ann-Kathrin Kramer über das einseitige Frauenbild in Filmen und über ihre neue ZDF-Krimireihe "Im Grunde Mord".

Ann-Kathrin Kramer feiert im April ihren 60. Geburtstag. Über das Älterwerden macht sie sich wenig Gedanken, wie sie im Interview versichert. Wohl aber darüber, dass für Frauen in Filmen nur "ein sehr beschränkter Raum" vorgesehen ist. Während viele ihrer gleichaltrigen Kolleginnen deshalb immer weniger Rollen bekommen, ist die in Wuppertal geborene Schauspielerin allerdings nach wie vor bestens im Geschäft. Nun startet ihre neue Krimireihe "Im Grunde Mord: Blutsbande" (Montag, 20. April, 20.15 Uhr, ZDF). Dabei wird es familiär: Die Kommissare sind Geschwister. Staatsanwältin Britta Everslage, verkörpert von Ann-Kathrin Kramer, ist ihre Ziehmutter. Ein Gespräch über die Zukunft des Formats, das einseitige Frauenbild im Film sowie über echtes und "gefühltes" Alter.

teleschau: Frau Kramer, kann man überhaupt noch etwas Neues erzählen im Krimi-Genre?

Ann-Kathrin Kramer: In vielen Krimis geht es sehr sachlich zu bei den Ermittlungen und zwischen den Ermittlern. Bei "Im Grunde Mord" gibt es dieses Dreier-Gestirn, mit zwei Kommissaren und mir als Staatsanwältin. Und das hat eine starke emotionale, fast familiäre Bindung zu einander. Wir drei sind schon einen langen Weg miteinander gegangen, denn ich bin quasi die Ziehmutter der beiden. Und wo viel Nähe ist, entsteht viel Reibung. Damit spielen wir.

teleschau: Bleibt die Frage: Braucht wirklich jede Region ihren eigenen Krimi?

Kramer: Darüber kann man geteilter Meinung sein. Die Zahlen sprechen aber eine eindeutige Sprache. Wir sind nun mal ein Land, in dem kein anderes Genre so beliebt ist wie der Krimi.

teleschau: Schauplatz von "Im Grunde Mord" ist der Teutoburger Wald, ein bislang filmisch wenig erzähltes Fleckchen Erde. Was verbinden Sie mit dieser Region?

Kramer: Ich war als Kind oft mit meinen Eltern im Teutoburger Wald. Bei den Dreharbeiten habe ich ihn noch mal neu kennengelernt. Die Region hat etwas verwunschen-Schönes. Die perfekte Kulisse für unsere Fälle.

teleschau: Dann gibt es also auf jeden Fall bald eine Fortsetzung?

Kramer: Wir sind verabredet, im Juni und Juli zwei neue Folgen zu drehen. Das ist ein Geschenk. Normalerweise vergeht ziemlich viel Zeit zwischen der Ausstrahlung der ersten Folge und der Produktion einer Fortsetzung.

"Manchmal fühle ich mich, als wäre ich 80"

teleschau: Der April ist in doppelter Hinsicht besonders für Sie: Zum einen wegen der Premiere Ihres neuen Krimis "Im Grunde Mord". Zum anderen wurden Sie 60 Jahre alt – für viele Menschen eine einschneidende Zahl. Wie empfinden Sie das?

Kramer: Die 60 ist nur eine Zahl. Ich mache mir nicht so viele Gedanken übers Älter werden. Denn die Alternative zum Alter werden ist bekanntlich, früh zu sterben. Insofern nehme ich es als Geschenk.

teleschau: Wenn das gefühlte Alter in Ihren Pass stehen würde, welche Zahl stünde dort?

Kramer: Gefühlt wäre das vielleicht 45. Aber das ist tagesformabhängig. Manchmal fühle ich mich auch, als wäre ich 80 (lacht). Dann zwickt es hier und dort. Ich glaube, das kennen wir alle.

"Ich lese viel, das hält mich geistig fit"

teleschau: Was machen Sie, um sich fit zu halten?

Kramer: Ich lese viel, das hält mich geistig fit. (lacht) Aber das meinten sie wahrscheinlich nicht?! Also, ich bewege mich einfach viel und auch gern. Ich mache Yoga und schwimme auch furchtbar gern. Seit neuestem mache ich auch etwas Krafttraining.

teleschau: Welche Pläne haben Sie und Ihr Mann für die Zeit, wenn Sie beruflich kürzer treten? Oder ist das noch in weiter Ferne?

Kramer: Mein Mann und ich reden oft davon, wie schön es wird, wenn es mal ruhiger wird. Wir freuen uns darauf. Aber irgendwie hat es einfach noch nicht geklappt (lacht). Fest steht, wir werden dann mehr Zeit in Österreich verbringen. Außerdem reisen wir wahnsinnig gerne.

"Ich habe in meiner Karriere sehr viel Glück gehabt"

teleschau: Gibt es ein Lebensmotto, das Sie immer begleitet hat?

Kramer: Eine Lebensweisheit, die mich begleitet hat ist: "Man soll den Fuß erst zum Klettern heben, wenn man am Zaun steht". Mich daran zu erinnern, hat mir immer wieder dabei geholfen, gelassener durchs Leben zu gehen. Man sollte sich nicht mit unendlich vielen Sorgen und Bedenken befassen, sondern einfach einen Schritt nach dem anderen machen.

teleschau: In Ihrer langen Karriere hat das bestens funktioniert. Seit Ihrem Debüt 1993 waren Sie praktisch ständig auf dem Bildschirm präsent. Gibt es eine Rolle von der Sie sagen, sie war ein Wendepunkt?

Kramer: Es gab immer mal Aufs und Abs, aber nicht die eine Rolle. Im Grunde lief es immer gut. Ich habe in meiner Karriere sehr viel Glück gehabt.

"Ich finde mich als Zuschauerin in Filmen oft nicht wieder"

teleschau: Im Gegensatz auch zu vielen Kolleginnen, die beklagen, es gebe kaum Rollen für Frauen zwischen 47 und 60. Ist die Kritik gerechtfertigt?

Kramer: Die Kritik ist absolut begründet. Dabei geht es nicht nur um Äußerlichkeiten. Die Frage ist doch auch: Was sind das für Rollen, welche Geschichten erzählen wir? Da haben wir für erwachsene Frauen nur einen sehr kleinen, beschränkten Raum vorgesehen. Dabei gäbe es noch so viel zu entdecken. Das empfinde nicht nur ich als Schauspielerin so, die sich fragt, warum sie immer das Gleiche spielen soll. Mir geht das als Zuschauerin auf der anderen Seite oft genau so. Ich finde mich als Zuschauerin in Filmen oft nicht wieder. Es gibt so viele unterschiedliche Frauen, warum finden wir nicht die Spiegelung in unseren Geschichten? Oft muss ich sehr lange suchen, bis mich etwas abholt.

teleschau: Was würden Sie sich wünschen?

Kramer: Ich wünsche mir, dass tolle Stoffe, die durchaus geschrieben werden, auch im passenden Alter besetzt werden. Oft heißt es aber: "Das müssen wir jünger erzählen." Und so wird daraus am Ende natürlich eine ganz andere Geschichte.

"Wir sollten aufhören mit diesen Märchenstunden"

teleschau: Mit welchem Ergebnis?

Kramer: Wir verändern die Substanz von Geschichten, mit dem Ergebnis, dass die Erzählung zwar nicht mehr stimmt aber die Frauen darin vermeintlich besser aussehen.

teleschau: Können Sie ein Beispiel nennen?

Kramer: Nehmen wir beispielsweise eine Krankenschwester als Hauptfigur, die entdeckt, dass ein Kollege eine Art "Todesengel" ist. Es ist ein riesiger Unterschied, ob ich diese Entdeckung aus dem Blickwinkel von jemandem erzähle, der sagen wir, Mitte 50 ist und schon vieles gesehen hat in diesem Beruf – oder aus der Sicht einer jungen Frau. Die Außenwelt wird jeweils unterschiedlich darauf regieren. Am Ende hat man zwei unterschiedliche Geschichten.

teleschau: Sie sagten einmal, "Es wäre schön, wenn man im Film etwas näher an die Wahrhaftigkeit käme" ...

Kramer: Damit meine ich, wir sollten aufhören mit diesen Märchenstunden. Natürlich ist Film oft Überzeichnung, auch Zerstreuung. Zugleich sind Filme dafür da, dass wir uns als Gesellschaft spiegeln und inspirieren. Ich glaube, es gibt eine Sehnsucht im Publikum danach, sich in Filmen wiederzufinden. Und ich glaube auch, dass wir unserem Publikum etwas zumuten können.

"Ich bin ja nicht die einzige, die diese Dinge hinterfragt. Wir sind viele"

teleschau: Hat sich hier durch die Streamingdienste etwas verändert?

Kramer: In den Anfängen gab es diese Hoffnung. Es gab viele Ideen, viel Aufbruchstimmung. Heute sehe ich nicht, dass sich tatsächlich viel verändert hat. Oft funktionieren Geschichten – gleich welche oder wer sie erzählt – wie eine Art Baukastensystem: Wir nehmen etwas hiervon, etwas davon – und zwar von allem, was die Mehrheit mag. So gehen wir auf Nummer sicher. Hat eine Serie gut funktioniert, kann man davon ausgehen, dass anschließend zehn ganz ähnliche entstehen.

teleschau: Das klingt, als gäbe es da noch viel Handlungsbedarf ...

Kramer: Ich bin ja nicht die einzige, die diese Dinge hinterfragt. Wir sind viele. Deshalb bin ich voller Hoffnung. Das kreative Potenzial ist da. Jetzt muss man nur noch sehen, wie man das mit dem finanziellen Potenzial verbindet. Und vielleicht nicht nur auf den Gewinn am Ende schauen, sondern darauf, dass Film, Medien, Fernsehen auch unser soziales Gefüge prägen. Ab und zu gibt es sie tatsächlich, diese innovativen Projekte, an denen man sieht: Es funktioniert.

teleschau: Welches Format hat Sie zuletzt begeistert?

Kramer: Zum Beispiel die Serie "Tage die es nie gab" mit tollen, erwachsenen Frauenfiguren, die keinem Klischee entsprechen. Beide Staffeln liefen sehr erfolgreich. Es gibt viele Kreative, die sich bemühen, neue Wege zu finden, um tolle Geschichten zu erzählen. Ich freue mich, wenn es davon in Zukunft noch mehr zu sehen gibt.

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