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Pierluigi Collina: Ein pfiffiger Kopf

Frauen finden den Italiener mit der polierten Glatze hoch erotisch, für Männer ist er schlicht der beste Schiedsrichter der Welt. Ein Besuch bei Pierluigi Collina, dem ersten wahren Star aus der Riege der Unparteiischen.

Auf diese Augen war man gespannt, auf diese himmelblauen Glupschaugen. Mit denen er so eindringlich und streng schauen kann. Auf diesen Blick, von dem »La Stampa« behauptet, es sei ein »diktatorischer Blick«. Wenn Pierluigi Collina einen mit diesen Augen fixiert, wird einem tatsächlich ganz anders. Und trotzdem fühlt man sich wohl und hört ihm gern zu. Er redet betont und deutlich, als würde er direkt in eine Fernsehkamera sprechen. Gerade erzählt er von den Minuten nach dem WM-Finale in Yokohama. Von dieser ungewöhnlichen Szene zwischen einem Schiedsrichter und einem Spieler. Als er Oliver Kahn tröstete, den tragischen Helden. Als er, der Unparteiische, auf die Konventionen pfiff.

Mitleid mit Kahn

Kahn lief noch immer apathisch vor seinem Tor herum. Collina ging auf den deutschen Nationaltorwart zu, lächelnd, und legte ihm den Arm auf die Schulter. Collina erinnert sich nicht mehr daran, was er gesagt hat. Etwas anderes hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt: die plötzliche Nähe zweier Figuren, die in diesem Spiel stets Außenseiter sind. Alle machen beim Fußball Fehler, aber keiner wird dafür so an den Pranger gestellt wie Torhüter und Schiedsrichter. »Ich weiß, wie einsam sich Kahn nach seinem Fehler gefühlt hat«, sagt Collina. Er bläst dabei die Backen auf, reißt die Augen auf.

Es ist ruhig im Café an der Strandpromenade von Viareggio. Die Badesaison ist vorbei, nur wenige Gäste sitzen auf den braunen Stühlen, sie frieren ein wenig, es regnet. Collina schweigt. Man hört nur das Ticken seiner silbernen Armbanduhr. »Es war mir ein Bedürfnis, zu ihm zu gehen«, sagt er dann. »Sie verstehen?«

Gesamtkunstwerk

Collina leitete dieses Endspiel, wie es seine Art ist: souverän und eindringlich. Er ist ein Schiedsrichter, der von den Spielern Disziplin verlangt, sie aber nicht einschüchtert. Der entschlossen gestikuliert. Der in Sekundenschnelle von der strengen Art eines Feldwebels zur schalkhaften Einlage wechselt. Sein ganzer Körper ist ein Sprachorgan. Er fuchtelt mit den Händen herum, malt mit ihnen, dirigiert, wehrt ab. Er reißt die Augen auf, er rollt sie. Er runzelt die Stirn, zieht die Brauen hoch. Collinas theatralische Mimik, seine polierte Glatze und diese himmelblauen Glupschaugen sind ein Gesamtkunstwerk; manchmal lassen sie ihn wie einen Marsmenschen wirken, in hektischen Momenten wie eine durchgeknallte Comicfigur. TV-Produzenten hätten ihn nicht besser erfinden können.

Denn Collina, 42, ist der ideale Schiedsrichter im Zeitalter des Fernsehens. Seine markante Erscheinung hat ihn zu einer Kultfigur gemacht, sein Charisma zum populärsten Schiedsrichter der Welt. Der Beste ist er ohnehin schon seit Jahren und der erste internationale Star aus der neutralen Ecke des Fußballfeldes. Wenn er als Libero mit der italienischen Nationalelf der Schiedsrichter gegen die Auswahl der Popsänger antritt, sitzen 30000 Zuschauer im Stadion.

Es hat aufgehört zu regnen. Eine Schulklasse aus Buxtehude auf Abschlussfahrt besucht Viareggio. Ein paar Mädchen und Jungs laufen am Café vorbei, erkennen Collina. Sie gehen auf ihn zu, bitten kichernd um ein Autogramm. Er ist zuvorkommend, nett, mehr aber nicht. Irgendwie hatte man sich das anders vorgestellt. Collina ist einem aus dem Fernsehen so vertraut, dass man zu wissen glaubt: ein guter Typ, bestimmt witzig, bestimmt warmherzig. Und dann trifft man ihn und fremdelt ein wenig. Sicher, er ist ein interessanter Mann, so interessant wie, sagen wir mal, ein Finanzberater. Korrekt und höflich, und auch der Humor hat bei ihm Grenzen.

Promovierter Wissenschaftler

Collina studierte in seiner Geburtsstadt Bologna, promovierte zum Doktor der Handelswissenschaften. Wenn er keine Fußballspiele pfeift, ist er - eben, Finanzberater einer Bank. Etwa 100.000 Euro zahlt ihm der italienische Verband für eine Saison in der Serie A, dazu kommen 2500 Schweizer Franken pro Einsatz im Europacup. Länderspiele werden extra honoriert. Inklusive der Werbe- und Sponsorenverträge soll er jährlich 500.000 Euro hinzuverdienen.

Adidas ließ ihn gemeinsam mit Weltstars wie Zidane oder Beckham in einem Spot auftreten. Der Italiener Collina lächelt in Japan von Plakaten herab, in der Hand ein asiatisches Fischgericht aus der Tiefkühltruhe. Seit zwei Jahren wirbt er für eine Uhrenmarke, löste Topmodell Laetitia Casta ab. In einer Umfrage hatten sich 41 Prozent der Frauen für Collina ausgesprochen, weil er auf sie hoch erotisch wirke.

Mit 26 alle Haare verloren

Die Sache mit dem Sex-Appeal schmeichelt ihm, aber er kokettiert nicht damit. Innerhalb weniger Wochen verlor er alle Körperhaare, eine Stoffwechselkrankheit. Er war damals 26 Jahre alt, und es war alles andere als lustig und sexy für ihn. Irgendjemand hat einmal geschrieben, seine Freundin habe ihn deswegen verlassen. Das sei Quatsch, sagt er. Und überhaupt, »heute ist es Mode, heute lassen sich junge Männer den Schädel glatt rasieren, weil es so schick aussieht«. Eigentlich hätte er eine dunkelblonde Mähne.

Seinen Ruhm nimmt Collina als selbstverständlich hin, weil er glaubt, er habe ihn sich verdient. Und wie viele Prominente ist er eitel, erliegt er manchmal der Versuchung, noch populärer zu werden. Wenn man italienische Kollegen nach Collina befragt, erzählen sie viel Gutes und auch, wie man ihn leicht provozieren könne. »Sag ihm, dass ein guter Schiedsrichter vor allem dadurch auffalle, dass ihn keiner bemerke«, rät ein Reporter aus Turin feixend. Collina reagiert darauf tatsächlich leicht genervt, eine Spur zu unwirsch. »Mit dieser These bin ich überhaupt nicht einverstanden.« Vielleicht, weil er insgeheim weiß, dass es manchmal so aussieht, als inszeniere er die Pfeiferei als großes Theater, jede Karte ein kleines Dramolett.

»Die Spieler sollen mir vertrauen«

Collina ist aber nicht deshalb der beste Schiedsrichter. Sondern weil er den Mut hat, in jeder Situation, für und gegen jeden das Außergewöhnliche zu pfeifen. Und Regeln sind für ihn nicht gleich Gesetz. In der Pause des Ligaspiels Foggia gegen Bari ließ er die Mannschaften nicht die Seiten wechseln. Er wollte verhindern, dass der Schlussmann von Bari in das Tor musste, hinter dem Hooligans ihn mit Wurfgeschossen attackieren wollten. Die Fifa akzeptierte die ungewöhnliche Maßnahme, obwohl sie gegen die Statuten verstieß.

Natürlich schreien Spieler ihm ihren Ärger entgegen, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen. Aber sie schätzen ihn wie keinen anderen Schiedsrichter. Weil sie spüren, dass er sie nicht als Gegner ansieht, weil er Sätze sagt wie: »Ich möchte, dass die Spieler mir vertrauen.«

Es gibt da eine Geschichte über Collina und Pierluigi Casiraghi, als der noch für Lazio Rom stürmte. Nach einem Pfiff gegen ihn baute sich der bullige Angreifer provozierend vor Collina auf. Beide schrien sich an. Ein Bild, das fast alle Zeitungen in Italien druckten. Ein paar Tage später bekam Collina Post, eine Karte, auf der dieses Foto klebte. Darunter stand: »Auch wenn das Bild etwas anderes ausdrückt, mein Respekt und meine Sympathie für dich bleiben immer bestehen - Casiraghi.«

Collina verabschiedet sich zum Mittagessen, die Familie warte hier in der Nähe auf ihn. Wenige Schritte vom Café entfernt führt seine Frau Giovanna das Schmuckgeschäft Lo Scrigno. Die Töchter Francesca, 10, und Carolina, 6, sind auch da, bewundern die Steine mit glitzernden Mineralien, die gerade aus Brasilien geliefert wurden. Als ein junger Mann mit rasiertem Kopf eine mit geflochtenem Bast verzierte Haarnadel kauft, scherzt Giovanna Collina: »Die ist bestimmt für Sie. Oder wollen Sie die meinem Mann schenken?«

Begrüßung mit Diener

Am späten Nachmittag hat die Sonne die Wolken verdrängt. Im »Stadio Comunale dei Pini« bringt Collina sich in Form. Platzwart Gianpaolo, genannt »Centino«, »laufender Meter«, begrüßt ihn respektvoll mit einem Diener, als handele es sich um den Bischof von Florenz. Collina trainiert hier mit drei Kollegen viermal die Woche. Die anderen blödeln in den Pausen herum, er konzentriert sich auf die nächste Übung. Das Programm ähnelt dem eines Mittelstrecklers. Am Ende läuft Collina die 1000 Meter in 5:20 Minuten.

Besser als das Fernsehen

Nach dem Training spricht er über die zwei Arten von Fußball. Den »wirklichen Fußball«, wie er ihn nennt, spielen 22 Spieler und ein Schiedsrichter; einige Freunde, Fans und Familienangehörige schauen zu. Und dann gebe es den Fußball fürs Fernsehen. Wenn Collina ein Stadion betritt und die ganzen Kameras entdeckt, wünscht er sich manchmal, er sei eine Fliege. Der Mensch kann nur eingeschränkt sehen. Die Fliege dagegen kann nach hinten schauen, nach vorn, zur Seite, alles gleichzeitig im Blick haben. »So würde ich den ganzen Platz kontrollieren«, schwärmt er, »ich wäre besser als das Fernsehen mit seinen 20 Kameras. Das wär's.«

Tochter geht zur Nonnenschule

Collina weiß, dass auch er fehlbar ist, hat gelernt, mit falschen Entscheidungen zu leben. Weil Fußball auch das Spiel der Fehler sei. »Ein unberechtigter Pfiff hat für viele unangenehme Folgen«, sagt Collina. »Aber es gibt Fehler, die weitaus mehr Schaden anrichten können. Zum Beispiel die falsche Schule für seine Kinder auszusuchen. Da richtig zu liegen ist mir wichtiger als zehn korrekte Elfmeterentscheidungen.«

Pierluigi Collina glaubt, er habe eine gute Wahl getroffen. Vor ein paar Wochen hat er Tochter Francesca an einer Nonnenschule eingeschrieben.

Giuseppe di Grazia

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