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Golf-Tagebuch, Teil 5 Ramazzotti, Voltaren und ein Texas-Scramble


Der Tag der Platzreifeprüfung ist gekommen. Und die Nacht davor war kurz. Obwohl die nötige Bettschwere da war. Und nun auf den Golfplatz ...
Von Klaus Bellstedt, Bad Saarow

Vielmehr lag es tatsächlich an meiner Rückenzerrung, die einen tiefen, erholsamen Schlaf nahezu unmöglich gemacht hatte. Auch egal, oder etwa doch nicht? Jetzt nur noch ein letztes Mal durchhalten, schnell noch eine Voltaren (gilt im Golfsport nicht als Doping!) einwerfen und diese verdammte Prüfung bestehen. 80 Prozent sollen die schaffen, sagte man uns im Vorfeld. Bleiben also 20 Prozent, die durchsegeln. Nein, gar nicht erst einen Gedanken daran verschwenden.

Um Punkt 9.30 Uhr stehe ich auf der Driving Range, die Finger voller Pflaster, die Regeln im Kopf. Eine halbe Stunde bleibt uns zum Warmmachen. Die Anspannung ist fast all meinen Mitstreitern anzumerken. Die Damen haben sich richtig rausgeputzt. Was für ein billiger Versuch, den Trainer zu beeindrucken und sich möglicherweise so die Platzreife zu erschleichen. Sollen sie mal so machen. Das gibt ein böses Erwachen für die Ladys, jede Wette. Pascal übt noch schnell an seinen Abschlägen, vorher hat er (wie sollte es auch anders sein) schon eine Stunde auf dem Putting-Green verbracht. Joseph hat in diesen Tagen eine echte Verjüngungskur durchgemacht. Der Mittvierziger, am Abend stets der Letzte an der Bar, sieht mal wieder prächtig aus. Von Aufregung keine Spur, im Gegenteil: Joseph lacht viel und haut einen Spruch nach dem anderen raus.

Was führt der Typ im Schilde?

Voltaren ist ein Schmerzmittel, das von Hexen erfunden sein muss. Nur 30 Minuten nach der Einnahme spüre ich keine Stiche mehr im Rücken. 10 Uhr, Steffen fährt mit dem Golf-Car vor. Jetzt gibt es kein zurück mehr. Aufsitzen und los zum ersten Abschlag. Auf dem Weg zum wunderschönen Stan-Eby-Platz wird kaum noch gesprochen. Selbst Josephs Klopfer kommen nun nicht mehr halb so gut an. Plötzlich sind die Selbstzweifel wieder da. Ich fühle mich wie vor meiner mündlichen Mathe-Abi-Prüfung. Was sagt wohl die Freundin oder der Ehemann, die Kinder oder die Eltern, falls man es nicht schaffen sollte? Das Lied vom Versager, es würde zu Hause wohl lange gesungen werden. Diese Schmach muss man sich einfach ersparen, murmele ich und denke an den gestrigen Tag, als noch alles nach Plan lief. Und wie!

Frauen haben öfter als Männer den Drang, sich erleichtern zu müssen. Und was ist mit Frauen, die kurz vor der Platzreifeprüfung stehen? Richtig, aus dem Oft-Gefühl wird ein Permanent-Gefühl. Das ist nicht zu fassen. Kopfschüttelnd drehen wir Jungs uns ab. Wir wollen Golf spielen! Wichtige Minuten vergehen, dann endlich kehren Katharina und Kerstin vom Örtchen zurück. Steffen hat sein breitestes Grinsen aufgesetzt. Was führt der Typ im Schilde? Will der uns jetzt richtig fertigmachen? Und warum hat er seine Schlägertasche dabei?

Der Trainer trommelt die Truppe zusammen. Einschwören auf den großen Tag. Wie die Klinsmänner vor dem Anpfiff bilden wir einen Kreis und umarmen uns. Der Coach erhebt die Stimme: "Leute, ihr habt dit alle jut jemacht, herzlichen Glückwunsch zur Platzreife." Häh, wie jetzt? Will der uns jetzt veräppeln? Nein, tut er nicht. Und dann erklärt er uns johlend, dass für ihn eben schon gestern der entscheidende Tag war. Einigen wird jetzt klar, warum er gestern wie ein Wahnsinniger mit dem Golf-Car hin und her geflitzt ist, immer wieder Tipps gegeben und sich Schlagzahlen notiert hat. Der Mann hat uns gelinkt, und wir sind alle glücklich, weil wir alle gestern gutes Golf gespielt haben. So, wie Steffen sich das immer vorgestellt hat.

Das gewisse Gefühl

"Ihr hättet vor Aufregung doch heute keinen Ball getroffen", sagt der Trainer noch, bevor diese fantastische Golfwoche mit einem echten "Texas Scramble" zu Ende geht. Alle gegen den Trainer, Loch für Loch. Und am Ende gewinnen tatsächlich die fünf gar nicht mehr allzu blutigen Anfänger gegen den Pro. Was zugegebenermaßen auch ein bisschen an Petra liegt. Sie erinnern sich, die Frau von Joseph, die sich am ersten Tag gleich den Lendenwirbel ausgerenkt hatte. Sie übernimmt für Steffen das Putten und lässt sich von meiner psychologischen Kriegsführung beeindrucken.

Am Ende der Runde schütteln wir uns regelkonform die Hände, gratulieren uns gegenseitig zur Platzreife und liegen uns in den Armen. Dank eines grandiosen Trainers haben wir innerhalb von nur einer Woche das Golfspielen gelernt. Den Ball fliegen und fliegen lassen, das satte Grün mit wenigen Schlägen bezwingen, den eigenen Jubel hören und vor Glück völlig aus dem Häuschen sein. Wer dieses Gefühl erlebt hat, wird den Schläger niemals mehr aus der Hand legen. Ich kenne jetzt das Gefühl!


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