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stern-Aktion Darum brauchen Backstage-Helden Ihre Hilfe

Udo Lindenberg mit seiner Backstage-Crew
Udo Lindenberg mit Kollegen aus seiner Crew. Das Rückgrat der Kultur, sagt der Sänger, sind die Spezialisten hinter den Kulissen: "Lasst uns alles dafür tun, sie vor der Insolvenz zu retten!"
© Tine Acke
Corona hat der Kulturbranche den Stecker gezogen. Mit fatalen Folgen für die Helfer hinter den Kulissen. 37 Künstlerinnen und Künstler, darunter Helene Fischer, Udo Lindenberg, Klaas Heufer-Umlauf, haben sich mit dem stern zusammengetan, um sie zu unterstützen – und verschenken dafür besondere Weihnachtsmomente.
Von David Baum

Als Nils Holst eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sein Können und seine Karriere in ein kleines elektronisches Gerät verwandelt.

Was wie der erste Satz einer ­Erzählung von Kafka klingt, beschreibt ziemlich genau die Arbeitsrealität eines Warm-up-Comedians in Zeiten von ­Corona. Nils Holsts Geschäft findet normaler­weise statt, wenn die Kameras der Quizsendungen und Talkshows noch nicht angeschaltet sind, wenn die Bühne gewissermaßen noch zum Backstage gehört. Dann tritt er vor die Studiozuschauer und vollführt ­seine Lockerungsübungen an den Zwerchfellen. Dass diese oft lustiger geraten als das eigentliche Programm, ist Teil der ­Jobbeschreibung. Wenn Holst gut war, sind die Menschen anschließend bereit, jeden Unsinn zu beklatschen.

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Doch die Corona-Beschränkungen der Bundes- und Landesregierungen erlauben aktuell keine Anwesenheit von Publikum. Es reicht, wenn sich das Volk in Bussen und Baumärkten tummelt, in ein Theater oder Fernsehstudio darf es nicht. "Unglaublich, wie akribisch das geregelt ist", sagt Holst. "Sogar der Mindestabstand für Rumschreien oder Posaunespielen ist genau­estens festgelegt – mit sechs Metern."­ Witze darüber zu reißen fällt aber auch ihm mittlerweile schwer.

Die Veranstaltungsbranche, mit knapp 130 Milliarden Euro Umsatz der sechstgrößte Wirtschaftszweig Deutschlands, ist am längsten und damit härtesten von den Corona-Maßnahmen betroffen. Seit März macht ein Großteil der zumeist Selbstständigen keine oder keine nennenswerten Umsätze mehr. Laut einer im Oktober veröffentlichten Studie im Auftrag des Aktionsbündnisses "Alarmstufe Rot" unter Mitgliedern der Veranstaltungsbranche müssen 94 Prozent trotz staatlicher Hilfen auf ihr Erspartes zurückgreifen. Für viele ist dies das Geld, das sie eigentlich für ihre private Altersvorsorge zurückgelegt hatten. 23 Prozent der Soloselbstständigen rechneten bereits im Oktober damit, in den kommenden vier bis acht Wochen einen Insolvenzantrag stellen zu müssen.

Nils Holst verdient seit März etwa 50 Prozent weniger als vor Corona. Was ihn notdürftig über Wasser hält, ist ausgerechnet die Tatsache, dass in den Studios niemand mehr da ist, der lachen könnte. Außer jenes elektronische Gerät: ein Sampler, mit dem er für TV-Aufzeichnungen anrückt und der auf Knopfdruck Kreischen, Kichern und Applaus reproduziert. Beinahe symbolhaft steht der Kasten für vieles, worauf Corona unsere Gesellschaft geeicht hat: die Ersatzhandlung. Für den Selbstständigen und Vater von vier Kindern ist der Bedeutungsverlust seines Jobs aber nur ein Teil des Problems. Die Corona-Maßnahmen haben seine berufliche Existenz ins Wanken gebracht. 

Sehen Sie im Video: "Ohne Helden hinter der Bühne gibt es keine auf der Bühne" - das sagen Stars zur stern-Aktion Backstage-Helden.

 

Aus Hilflosigkeit wird Hilfsbereitschaft

Wie ernst die Lage im Kulturbetrieb und seinen angeschlossenen Gewerken ist, zeigten unlängst die Reaktionen auf einen kleinen Videoclip in den sozialen Medien. Deutschlands Trompetenstar Till Brönner hatte Ende Oktober seinen Unmut in eine Laptopkamera geredet und diesen ge­postet. Eine Flut an Reaktionen und Emotionen war die Folge, Brönner wurde in Talkshows geladen, fungierte für einige Wochen als Klassensprecher der Kunst- und Kulturszene. "Wenn ein gesamter Berufszweig per Gesetz gezwungen wird, seine Arbeit zum Schutze der Allgemeinheit ruhen zu lassen, dann muss doch die Allgemeinheit dafür sorgen, dass diese Menschen nach Corona noch da sind", ­sagte Brönner – und sprach aus, was Unzähligen auf der Seele brennt. Allein auf Instagram schauten sich bisher über 2,8 Millionen Menschen seinen Aufruf an. Wo sich erst Unmut und Hilflosigkeit formierten, wachsen inzwischen Solidarität und Hilfsbereitschaft.

Till Brönner
"Das ist eine Branche aus Individualisten und Überzeugungstätern, auf die wir keinesfalls verzichten können", sagt Till Brönner
© Isa Foltin / German Select / Getty Images

Immer mehr Stars erheben ihre Stimme für die Kollegen. "Dieses elende Virus bedroht die Existenz vieler Künstler, aber ­natürlich auch all jener Menschen, die im Hintergrund Aufführungen, Konzerte und Filme möglich machen", sagt Fernsehstar Axel Milberg. "Fahrer, Masken- und­ Kostümbildner, Tontechniker, Lichtcrews, Garderobe und Catering. Eine Katastrophe für viele, mit denen ich über Jahre gedreht habe und von denen nicht wenige seit März keine Jobs mehr hatten."

Besonders jene hat es schwer getroffen, die als freie Mitarbeiter und Soloselbstständige die Branche am Laufen halten, die hinter den Kulissen schaffen und schuften: unsere Backstagehelden.

Ein Festival der Solidarität

Der stern hat deshalb die Initiative ergriffen und 37 der größten Stars der deutschen Musik-, Film- und Bühnenszene versammelt, um die betroffene Kollegenschaft mit einer großen Spendenaktion zu unterstützen. Die blitzschnelle und unkomplizierte Bereitschaft dieser Größen des Kultur­betriebs macht Mut. Oder wie Udo Lindenberg es formulierte, als er von der Idee ­hörte: "El Geilo, dass es diese Aktion gibt!"

Jemanden zu unterstützen, das heißt im Englischen "to back". Und jetzt, da waren sich die Stars sofort einig, sind eben mal sie (und ihr Publikum) dran, jene zu unterstützen, die sonst still und heimlich für uns und unsere Unterhaltung sorgen.

Carolin Kebekus und ihre Crew
Carolin Kebekus über ihr Team: "Ich fühle mich ihm und allen anderen, die diese Jobs machen, extrem verbunden."
© Moritz Kuenster/Monsterpics.de

Herausgekommen ist ein Festival der Solidarität mit großen Namen: von Helene Fischer bis Sasha, von Howard Carpendale bis Ulrich Tukur, von Carolin Kebekus bis Peter Maffay – und natürlich Till Brönner. Das Besondere: Die Stars ­rufen nicht bloß zum Spenden für ihre Branchenkollegen auf, sondern verlosen zum Ansporn auch noch etwas besonders Kostbares: sich selbst. Jeder, der sich an der Aktion beteiligt, kann eine private Weihnachtsvorstellung mit seinem Lieblingsstar gewinnen. In einem Videochat kommen die Künstlerinnen und Künstler zu den Gewinnern ins Wohnzimmer.

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Dass auf diese Weise viele Spenden zusammenkommen, hofft auch Rockstar Samu Haber. Der Frontmann der finnischen Rockband "Sunrise Avenue" erklärt die Leistungen seiner Roadies mit einem Einblick in den Tournee-Alltag: "Ich komme normalerweise um 19 Uhr in die Arena und verlasse sie nach vier Stunden harter Arbeit. Aber diese Jungs sind ­bereits um sechs Uhr morgens da und bauen die Bühne auf, die Lichter, die ­Videoleinwände, die Nebelmaschinen. Sie essen dort und schlafen in ihren kleinen Schlafsäcken."

Sängerin Annett Louisan formuliert die Beziehung zu ihrem Team besonders persönlich: "Mich auf eine Bühne zu stellen, hat mich enorm viel Mut gekostet. Ohne meine Band und Crew, ohne die Unterstützung, Fürsorge und Liebe, die mein Team mir gibt, könnte ich mich nicht gleichermaßen fallen lassen vor einem Publikum. Ich bin seit 16 Jahren zum Teil mit Menschen unterwegs, die schon bei meiner ­ersten Tour dabei waren. Das ist wie Familie."

Sängerin Annett Louisan
Annett Louisan ist gerne bei der Aktion dabei: "Als ich von der Aktion 'Backstage-Helden' hörte, war mir sofort klar, dass ich mitmache."
© dpa

Frauen und Männer, die keinen ­großen Wind um ihre Person machen

Sätze wie diese zeigen: Erst mit den Zumutungen der Krise ist sichtbar geworden, wie groß die Sparte jener Menschen ist, die im Hintergrund des Kulturbetriebs wesentliche Arbeit leisten. Und wie sehr sich ihre bisherige ­Unsichtbarkeit, das häufig satellitenhafte Arbeiten nun rächt. "Es liegt in der ­Natur unseres Berufs, dass wir von der ­Öffentlichkeit nicht allzu sehr wahrgenommen werden", sagt Schlagzeugbauer Ralf "Pommes" Pommerenke, der als Instrumentenbetreuer Tourneen begleitet. "Die Leute kaufen Konzertkarten und wollen einen schönen Abend haben. Dazu gehört definitiv nicht, sich Gedanken zu machen, wie die Bühne aufgebaut wurde und wer die Gitarre gestimmt hat."

Die Menschen hinter den Kulissen, das ist ohnehin ein besonderer Typus, da sind sich alle Künstler einig. Die Roadies, also diejenigen, die bei Konzerten schleppen, schuften, auf- und abbauen, sind nicht ­selten selbst echte Rocker, Anpacker, vor allem: Frauen und Männer, die keinen ­großen Wind um ihre Person machen. Sie haben ihre Tourfamilie, aber untereinander organisiert sind sie selten. Das bestätigt der Musiker und Entertainer Olli Schulz, der selbst jahrelang als Roadie gearbeitet hat, bevor er im TV und auf der Bühne Karriere gemacht hat: "Diese Leute haben keine Lobby, und es gibt kein richtiges System, um sie zu unterstützen."

Olli Schulz
Olli Schulz weiß wie es ist, hinter der Bühne zu ackern: "Ich habe lange hinter der Bühne gearbeitet und weiß, wie sehr man auf Jobs angewiesen ist."
© imago images/Stephan Wallocha

Erst in der Krise beginnen unterschiedliche Interessensverbände nun zu kooperieren und sich als Gesamtheit mit gemeinsamen Zielen zu begreifen.

"Man hat die Bedürfnisse und die Heterogenität unserer Branche zu Beginn der Krise nicht einmal gesehen", sagt Susanne Fritzsch, Bühnenmeisterin und Sprecherin der ISDV, die Freiberufler in der Veranstaltungsbranche vertritt. "Denen war die Größenordnung nicht bekannt. Wir gehen von 2,7 Millionen Soloselbstständigen aus – davon 1,3 Millionen Beschäftigte nur in unserem Bereich."

Ein besonderer Schlag Mensch

Viele der Hilfen, die Bund und Länder zur Verfügung gestellt haben, kämen bei den Betroffenen kaum an. "Etwa gelten die Überbrückungshilfen nur für betriebliche Fixkosten", sagt Fritzsch. "Diese sind bei Soloselbstständigen, die in einem Konzertbetrieb touren, verschwindend klein. ­Notwendig wäre die Auszahlung eines Unternehmerlohns." Ein Problem sei, dass viele ihrer Klienten in die Grundsicherung geschickt würden, sofern Rücklagen von mehr als 60.000 Euro bestünden. "Bei vielen ist das aber die Altersvorsorge", sagt Fritzsch. Diese jetzt für die Umsatzeinbußen zu verbrauchen, würde einen Großteil in die Altersarmut führen.

Probleme, derer man sich durchaus ­bewusst sei, sagt Thomas Bareiß, der parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium (CDU). "Gerade der Kulturbetrieb, der dadurch gekennzeichnet ist, dass Menschen aufeinandertreffen, ist leider besonders stark betroffen." Er habe sich frühzeitig des Themas angenommen, betont Bareiß, habe einen digitalen Round Table einberufen und seine private Telefonnummer verteilt – und zwar, "als die Situation der Veranstaltungswirtschaft noch nicht so im Fokus der Berichterstattung" gestanden habe.

Peter Maffay mit seiner Backstage-Crew
Peter Maffay mit seiner riesigen Crew. "Ich bitte Sie herzlich, sehr zahlreich mitzumachen. Umso größer fällt die Hilfe aus."

© Wolfgang Köhler / Red Rooster Musikproduktion GmbH

Speziell bei den Neuerungen in der Überbrückungshilfe III habe das Bundeswirtschaftsministerium an die Veran­staltungs- und Kulturbranche gedacht. "Zusätzlich sollen zu den übrigen för­derfähigen Kosten Ausfall- und Vorbe­reitungskosten erstattet werden, ein Sonderfonds für regelmäßige Veranstaltungen sowie ein Ausfallfonds für ­behördlich abgesagte Veranstaltungen nach Juni 2021 eingerichtet werden", kündigt Bareiß an.

Initiativen, die für viele zu spät kommen könnten. "Es hat inzwischen eine Massenflucht in andere Berufe eingesetzt", sagt die Interessenvertreterin Fritzsch. "Das wird den ohnehin existierenden Fachkräftemangel in unserer Branche dramatisch verstärken."

Der Verlust eines Lebenssinns

Der Stagemanager Marcus Fumolo, der seit 40 Jahren die großen Stadion- und Hallenkonzerte von Superstars wie Udo Lindenberg und Scorpions-Bandleader Rudolf Schenker organisatorisch betreut, musste bereits seine Altersvorsorge anzapfen. Fumolos Geschichte ist darüber hinaus beispielhaft für eine andere Seite der Lockdown-Schicksale. Eine, die weniger mit Geld zu tun hat als mit etwas, das nach Luxusproblem klingen mag, im Einzelfall aber viel Gewicht hat: Sie hat zu tun mit dem Wegbruch einer Art zu leben, dem Verlust eines Lebenssinns.

"Der Alltag mit meiner Lebensgefährtin und ihren beiden Kindern war viele Jahre darauf eingespielt, dass ich zwischendurch auf Tour war", sagt Fumolo. "Plötzlich saßen wir vier ADS-Menschen zusammen im Lockdown, was nicht lange gut gegangen ist." Bereits nach wenigen Tagen zog er in sein Büro. "Ich versuche es positiv zu sehen, weil ich mir über vieles bewusst geworden bin. In Wirklichkeit ist es aber ein tiefes Loch, in das ich da gefallen bin."

Sein Selbstbild von einem auf den anderen Moment neu schreiben zu müssen, vor dieser Herausforderung standen auch ­Nathalie Dorra und Ole Feddersen. Für die Backgroundsängerin und den Backgroundsänger war nur eins von Beginn der Corona-Krise an keine Option: sich in den bürokratischen Dschungel der Soforthilfen zu begeben.

Crew von Helene Fischer
Auch Helene Fischer hat bei Konzerten weit über 100 Menschen, die ihr helfen. "Meine Crew ist auf Tour meine Familie, und ohne sie wäre es ziemlich still um mich herum."
© Semmel Concerts

2008 hatten sich die beiden auf einer gemeinsamen Tour mit Udo Lindenberg kennengelernt; 2019 heirateten sie. Der erste Lockdown erwischte das Paar während der Vorbereitungen zu einer Tour, die geplanten Einkünfte des Jahres waren damit zum Großteil futsch. Die Arbeitsagentur aufzusuchen kam dennoch nicht infrage. "Wir kennen viele, die alles Mögliche beantragt haben, aber immer durch irgendein Raster gerutscht sind und sich mit ein bisschen Soforthilfe beruhigen lassen mussten", sagt Dorra. Als Sängerin habe sie ohnehin so gut wie keine Betriebsausgaben, die sie sich ersetzen lassen könnte. "Man merkt", sagt Dorra, "dass die Behörden kaum Ahnung haben, wie unsere Lebensrealität aussieht."

Gleich nach dem Lockdown haben die beiden deshalb bei einer Leiharbeiter-Firma angeheuert. "Ich habe vor langer Zeit eine Ausbildung als Tischler gemacht, das kam mir jetzt zugute", sagt Feddersen, der für ein großes Möbelhaus in Schleswig-­Holstein Küchen und Einbauschränke montiert. Nathalie Dorra ist für dasselbe Unternehmen als Facility Managerin unterwegs, was so viel bedeutet wie: putzen, Hecken schneiden, Unkraut jäten.

Jeder Radiohörer kennt Nathalies Stimme aus den Werbespots für Fruchtgummis, in denen sie den Markennamen "Katjes-jes-jes-jes" singt. Als sie kürzlich geschafft von der Gartenarbeit vor dem Möbelhaus in ihr Auto stieg und sich selbst im Jingle des Radiosenders "N-D-R-Zweeeeeei!" singen hörte, sei sie sich wie in einem merkwürdigen Traum vorgekommen.

"Einmal fragte mich ein Kollege bei der Arbeit, was ich früher beruflich gemacht hätte, und ich war so doof, es ihm zu erzählen." Mit Lindenberg auf der Bühne, hahaha. Dem Kollegen ein Bühnenfoto von der letzten Tournee auf Instagram zu zeigen konnte die peinliche Situation nicht retten. "Der glaubte nicht mal, dass ich das bin", sagt Dorra. "Da wurde mir klar, wie weit ich mich von der aufgebrezelten Bühnenperson, die ich auf dem Foto bin, inzwischen entfernt habe."

Alles plötzlich auf null

Obwohl das Ehepaar Feddersen seit März insgesamt so viel verdient hat wie sonst in einem Monat, sind sie stolz, ohne staatliche Unterstützung ausgekommen zu sein. "Das hat mit Selbstwertgefühl zu tun", sagt Ole Feddersen, der vor Jahren bei "Voice of Germany" und dem "Bundes­vision Song Contest" von Stefan Raab angetreten war. "Und trotzdem ist es hart. Nicht weil uns die Arbeit zu gering wäre, aber alles, was du bislang in deinem Leben gelernt und geleistet hast, steht nun auf null, scheint nichts mehr wert zu sein."

Armin Rohde
"Ich bin gespannt, wie das Land der Dichter und Denker nach dieser Pandemie aussieht", sagt Armin Rohde.
© action press

Wie die Branche der Backstagehelfer aufgestellt sein wird, wenn die Krise vorüber ist, kann zurzeit niemand sagen. Die Freiberufler-Lobbyistin Susanne Fritzsche rechnet mit einem großräumigen Facharbeitermangel. Auch Schauspieler Armin Rohde, der viele Kollegen kennt, die von ihren Reserven leben und sich vielleicht dauerhaft umorientieren müssen, sagt: "Ich bin gespannt, wie das Land der Dichter und Denker nach dieser Pandemie aussieht." Sorgen, die sich auch Berlins Zweiter Bürgermeister und Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) macht. "Es war ein Riesenfehler, diese Leute in die Grundversorgung schicken zu wollen, die für Menschen gemacht ist, die nicht im Berufsleben stehen", sagt er. "Die Idee dahinter ist, diese Leute sofort in andere Jobs zu vermitteln. Bloß haben sie ja alle Jobs, sie dürfen sie gerade bloß nicht ausüben."

Man habe in der Hauptstadt den Soloselbstständigen mit einem "nicht unerheblichen dreistelligen Millionenbetrag" geholfen, Stipendien für Künstler ausgelobt. Dennoch sei auf längere Sicht die Gefahr einer kulturellen Verarmung groß. "Der Kulturbetrieb ist ein sozialer Organismus und keine Ansammlung von Ich-AGs", sagt Lederer. "Das wird in einer Stadt wie Berlin problematisch. Viele Akteure werden wegbrechen, ohne Tontechniker, Beleuchter und Bühnenbildner ist der Betrieb nicht funktionstüchtig, blutet aus."

Einer von ihnen ist der Berliner Schlagzeugbauer "Pommes" Pommerenke. Schauspieler und Musiker Axel Prahl hat ihn als seinen persönlichen Backstagehelden ­benannt. "Pommes baut Schlagzeuge, die zurzeit keiner bestellt", sagt er. "Er musste seine Mitarbeiter entlassen, hat vier Pflegekinder, um die er sich kümmert, und dann auch noch Krebs bekommen." Die Umsatzeinbußen würden sich in der Zwischenzeit auf über 90 Prozent belaufen, sagt Pommerenke selbst. "Das Überbrückungsgeld hat uns drei Monate über Wasser gehalten, dann musste ich meine Ersparnisse investieren."

Ein schöner Knochenjob

Auf Tour wird "Pommes" wohl nie wieder gehen. Auch wenn es stets etwas Besonderes für ihn gewesen sei, mit Prahl und dessen Band durchs Land zu ziehen. "Man hat aufeinander geachtet", schwärmt er. "Wenn wir vom Abbau gekommen sind und die Küche schon zuhatte, konnte man sich darauf verlassen, dass Axel einem eine Portion aufgehoben hatte."

Allzu romantisch brauche man sich den Job als Roadie dennoch nicht vorzustellen, sagt Pommerenke. "Es ist ein Knochenjob, aber ein sehr, sehr schöner Knochenjob."

Axel Prahl sagt, sein Kumpel Pommes werde sich eben auf Dinge konzentrieren, die wichtiger sind: auf sich selbst. "Er hat das vor, wovon das Lied handelt, das es bei der stern-Aktion als exklusive Liveaufführung von mir zu gewinnen gibt: einen Anstoß, mal runterzufahren." Darin heißt es: "Heute mach ich den ersten Schritt und nehme mir Zeit für mich, morgen sehen wir dann, was sich verändert hat und was unverrückbar bleibt."

Axel Prahl, Schauspieler
Axel Prahl hat zwei persönliche Backstage-Helden: "Meine Roadies Christian und ‚Pommes‘. Die hatten seit März kein Engagement."
© dpa

Nathalie Dorra versucht weiterhin, in der Krise auch etwas Positives zu sehen. "Ich lerne mich gerade selbst neu kennen", sagt sie. Was auch spannend sei, "solange diese Verwandlung nicht für immer ist". Eines Tages werden sie, ihre Kolleginnen und Kollegen auf diese Zeit hoffentlich "als eine Herausforderung zurückblicken, die wir gemeistert haben", sagt Dorra. "Und hoffentlich glücklich an jenen magischen Moment zurückdenken, an dem wir wieder an unseren Platz zurückkehren konnten." Auf und hinter der Bühne.

Erschienen in stern 51/2020

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