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Internationale Hilfe Die Taliban wollen regieren. Dafür brauchen sie Geld. Aber woher sollen sie es nehmen?

Afghanistan: Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer patrouillieren durch Kabul
Afghanistan: Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer patrouillieren durch Kabul
© Rahmat Gul/AP / DPA
Wer regieren will, braucht Geld – und das könnte für die Taliban schwierig werden. Nach der Einnahme Kabuls stehen die Islamisten vor einem Finanzierungsproblem. Denn das Land ist auf Hilfe angewiesen.

Seit der Einnahme Kabuls bereiten die Taliban ihre künftige Herrschaft in Afghanistan vor. Eine große Schwierigkeit dabei dürfte die Beschaffung von Geldern zum Regieren sein. Die Islamisten könnten dabei verschiedene Strategien verfolgen.

Humanitäre Unterstützung 

Afghanistan ist als eines der ärmsten Länder der Welt stark auf Hilfsgelder angewiesen. Nach Angaben der Weltbank belief sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes im Jahr 2020 auf 19,81 Milliarden Dollar (knapp 17 Milliarden Euro), davon machten Hilfsgelder fast 43 Prozent aus.

Mehrere Länder haben nach der Machtübernahme der Taliban jedoch angekündigt, dass sie die Hilfsgelder einfrieren werden. Auch Deutschland, eines der wichtigsten Geberländer, stoppte bereits seine Zahlungen. 

Der Internationale Währungsfonds (IWF) kündigte an, den Zugang zu IWF-Ressourcen für Afghanistan aufgrund der unsicheren politischen Lage auszusetzen. "Derzeit herrscht innerhalb der internationalen Gemeinschaft Unklarheit über die Anerkennung einer Regierung in Afghanistan, was dazu führt, dass das Land keinen Zugang zu SZR (Sonderziehungsrechten) oder anderen IWF-Ressourcen hat", erklärte eine IWF-Sprecherin am Mittwoch.

Die Menschen in Afghanistan brauchen Unterstützung. Wir leiten Ihre Spenden an Organisationen weiter, die sich um Flüchtende kümmern. Hier können Sie spenden.
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"Afghanistan ist auf grausame Weise von ausländischer Hilfe abhängig", sagt die Expertin Vanda Felbab-Brown von der US-Denkfabrik Brookings Institution. Die Höhe der bisherigen Hilfszahlungen betrage mindestens das Zehnfache dessen, was die Taliban-Führung in dem Land einnehme.

Laut einem im Mai 2020 veröffentlichten Bericht des Sanktionsausschusses des UN-Sicherheitsrats belaufen sich die derzeitigen Einnahmen der Taliban auf schätzungsweise 300 Millionen bis 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr.

Opium und Steuern

Die Taliban beziehen ihre Einkünfte vielfach aus kriminellen Aktivitäten. Ein wichtiger Wirtschaftszweig ist der Anbau von Schlafmohn, aus dem Opium und Heroin gewonnen wird. Auch die Erpressung lokaler Unternehmen und Lösegeldforderungen nach Entführungen spülen Gelder in die Kassen der Islamisten.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung warnt bereits vor einer starken Ausweitung des Angebots von Heroin und Crystal Meth in Europa. "Der Drogenanbau war und ist eine der zentralen Einnahmequellen der Taliban", sagte Daniela Ludwig (CSU) den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. 

Ein Taliban-Sprecher widersprach dieser Einschätzung. "Afghanistan wird nicht länger ein Land sein, in dem Opium angebaut wird", sagte er. Demnach soll die Produktion "auf Null reduziert" werden, was Experten jedoch bezweifeln. Afghanistan ist der weltgrößte Produzent von Schlafmohn, Hunderttausende Arbeitsplätze hängen daran.

Ein großer Teil der Einnahmen der Taliban "stammt auch aus der Steuererhebung", sagt der Experte der US-Denkfabrik Council on Foreign Relations, Charles Kupchan. Die Taliban seien wahre Meister darin, in den von ihnen kontrollierten Gebieten so gut wie alles zu besteuern.

Wirtschaftshilfen 

Anders als während ihrer Herrschaft von 1996 bis 2001 scheinen sich die Taliban derzeit um ein gutes Bild nach außen zu bemühen. Russland, China und die Türkei haben die ersten öffentlichen Erklärungen der Islamisten bereits begrüßt. 

Der Experte Kupchan glaubt jedoch nicht, dass die Taliban große Wirtschaftshilfen etwa aus China erwarten dürften. "Die Chinesen sind sehr handelsorientiert. Sie sind eher an Ländern mit einem guten Geschäftsumfeld interessiert, an Ländern, in denen sie ihre neuen Seidenstraßen aufbauen können", sagt er.

"Und das ist ein weiterer Grund, warum ich glaube, dass die Taliban versuchen werden, sich einen guten Ruf zu erarbeiten, damit sie sich an die internationale Gemeinschaft wenden können", fügt Kupchan hinzu. Nach Angaben eines US-Regierungsvertreters haben die Taliban keinen Zugriff auf Zentralbankguthaben der afghanischen Regierung in den USA. 

Laut IWF beliefen sich die Reserven der afghanischen Zentralbank Ende April auf 9,4 Milliarden Dollar. Ein Großteil des Geldes befinde sich außerhalb Afghanistans, hieß es. Der ins Ausland geflohene Chef der afghanischen Zentralbank, Adschmal Achmady, erklärte, die Taliban hätten lediglich Zugang zu 0,1 oder 0,2 Prozent der Reserven des Landes.

Achmady teilte zudem mit, dass die Lieferung von Dollar in das Land "unterbrochen" sei. Dollar in Form von Bargeld seien dort kaum noch erhältlich. Viele Afghanen sind nun auf Überweisungen von im Ausland lebenden Familienmitgliedern angewiesen. Der Finanzdienstleister Western Union hat jedoch die Aussetzung von Überweisungen in das Land angekündigt. Der Wert der afghanischen Währung ist seit der Machtübernahme der Islamisten stark gefallen.

Delphine Touitou / fs AFP

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