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Stiftung Stern

Hilfe für Flüchtlinge im Sudan

Die Menschen im Sudan sind seit Jahrzehnten von Bürgerkrieg und militärischer Regierungsgewalt bedroht. Hunderttausende machten sich bis heute auf die Flucht.

Das Elend der Flüchtlinge im Sudan dokumentiert die Fotografin Schannon Jensen auf besondere Weise. Ihre Bilder von den Schuhen der Flüchtlinge erzählen bewegende Geschichten.

Alle Bilder können Sie in stern 3/12 sehen. Den begleitenden Artikel von stern Redakteur Raphael Geiger lesen Sie auf den folgenden Seiten.

Fort aus einer Heimat, wo plötzlich Bomben fielen und Nachbarn starben

Alles ist besser als barfuß  laufen. Zerrissene Flip
flops; Sandalen, die
   jeden Moment ausein anderfallen; zwei ver-
  schiedene Schuhe: Was immer es auch ist, es trägt 
zumindest einige Kilometer. Vielleicht auch den ganzen weiten Weg. Fort aus einer Heimat, wo plötzlich Bomben fielen und Nachbarn starben. Wo zum Beispiel Amna Jor nichts übrig blieb, als loszu-gehen. Wohin? Egal. Bloß weg. Amna Jor ist Ende 30. Sie stammt aus einem kleinen Dorf im Sudan. Blue Nile State heißt die Region, weil der Blaue Nil hier fließt. Die Region geriet zwischen die Fronten, als sich der Südsudan vom Norden des Landes abspaltete. Soldaten der sudanesischen Armee plünderten Jors Dorf. Die Armee beschoss die Häuser, die Luftwaffe bombardierte sie. Nirgendwo gab es Schutz. Jor nahm ihre sieben Kinder, dann ihre Verwandten. Die Familie machte sich auf den Weg. Zuerst versteckten sie sich in den Bergen. Die Männer suchten nach Hirse und Mais, nach Wasser. Sechs Monate lang, dann zogen sie weiter. Irgendwann verloren sie Jors Schwiegermutter. Sie verschwand im Strom der Flüchtlinge, die sich alle ihren Weg bahnten, vorbei an Alten, die zu schwach geworden waren, vorbei an Kindern, die am Wegesrand verdursteten. Einen Monat lang marschierte Amna Jors Familie, bis sie im 
Südsudan das Flüchtlingslager „Kilo 18“ erreichte. Und auf eine Fotografin stieß, die sich für ihr Schicksal interessierte, die davon erzählen wollte.

Die Schuhe waren Teil ihrer Geschichte; ohne sie hätten sie es vielleicht nicht geschafft

Shannon Jensen, 28, ist eine amerikanische Fotoreporterin, die vor allem in Ostafrika arbeitet. Sie beschäftigt sich mit dem Konflikt zwischen dem arabischen Sudan und dem Süden des Landes, wo Christentum und 
Naturreligionen den Glauben der Menschen prägen. Sie hatte schon einige Wochen im Grenzgebiet zwischen Sudan und 
Südsudan verbracht, unzählige Flüchtlinge fotografiert. Sie war auch schon lange in „Kilo 18“, einem kärglichen Zeltlager. Jensen machte Bilder des Schreckens, aber die Welt kannte 
solche Bilder. Hungernde, durstige Menschen in Lumpen, das afrikanische Elend. Eines Nachts sichtete Shannon Jensen am Laptop ihre Fotos. „Da sah ich eine Familie, drei Personen, die alle ihre Schuhe in der Hand hielten“, sagt sie. Am nächsten Tag ging sie herum und fotografierte die Schuhe, die vor den Zelten standen. Sie bat Flücht
linge, die sie traf, ihre Schuhe auszuziehen. „Ich hatte das Gefühl: Nur die Schuhe zu zeigen, das würde eine Verbindung schaffen.“ Jeder Mensch trägt Schuhe. Es berührt, in welchem Zustand jene der Flüchtlinge sind. Im Kopf beginnt ein Gedankenkino: Wir sehen die abgelaufenen Sandalen und wissen alles über die Qual der Flucht. Die Menschen, die Jensen um ein Foto bat, waren nicht erstaunt über die Idee. Es war ihnen klar, was die Amerikanerin von ihnen wollte. Die Schuhe waren Teil ihrer Geschichte; ohne sie hätten sie es vielleicht nicht geschafft.

Niemand weiß, wieviele auf der Flucht gestorben sind

Makka Kalfar ist eine dieser Flüchtlinge, gerade mal sieben Jahre alt. Ihre Flipflops sind abgeschnitten, sie waren zu lang. Makka floh wie die anderen, weil Krieg ausbrach, nachdem der Südsudan im vergangenen Jahr unabhängig geworden war. Der Blue Nile State, wo die Flüchtlinge herkommen, gehört noch zum Norden, aber viele Menschen hier wünschen sich den Beitritt zum Süden. Die Regierung in Karthum schickte die Armee. Es begann ein Feldzug, der einschüchtern sollte und mindestens 170 000 Menschen ihr Zuhause nahm. So viele sind in Lagern im Südsudan angekommen. Niemand weiß, wie viele auf der Flucht gestorben sind. Ein Mann, der von sich sagt, 
er sei über 70 Jahre alt, fand 
sein Haus von den Soldaten ab-
gebrannt. Er machte sich in Schlappen auf den Weg, die ihren Namen nicht verdienen. Eine 
13-Jährige, Hamjima Absana, an den Füßen abgerissene rosa Flipflops, trug ihren kleinen Bruder auf dem Arm. Etwas bessere Sandalen besaß Bashir Rumudan, ein Ortsvorsteher. Kleine Klassenunterschiede, es gibt sie noch im Elend. Die -Soldaten hatten Haus um Haus seines Dorfs angezündet. Mit einem Enkelkind an der Hand machte er sich auf den Weg, abends und morgens je fünf Stunden, mittags war die Hitze unerträglich. Einmal, als sie in eine gefährliche Gegend -kamen, liefen sie um drei Uhr nachmittags los, erst um acht Uhr am nächsten Morgen machten sie Pause. Dann wieder weiter. Schnell weiter. 20 Tage ging Rumudan der Grenze entgegen. Bis auch er ankam im Flüchtlingslager „Kilo 18“. Dort, wo 
sich die Geschichten sammeln. Wo -jeder jemanden kennt, der es nicht geschafft hat, der neben dem Weg liegen geblieben und -gestorben ist. Irgendwo zwischen den Kampflinien, als es plötzlich nicht mehr weiterging. Selbst hier, scheinbar am Ziel, ist der Tod nicht weit. Menschen wähnen sich gerettet und sterben, weil die Versorgung schlecht ist. Essen, Trinken, Medikamente – von allem gibt es zu wenig. Ohne Shannon Jensen wäre ihr Schicksal verborgen geblieben, wie es mit Flüchtlings--lagern in Afrika eben ist. Wir -haben uns an sie gewöhnt. An Bilder von traurigen Augen, 
von ausgemergelten Gesichtern. Jetzt sehen wir Schuhe. Und -verstehen. Jensen sagt, sie habe sich selten einer Reportage so verbunden gefühlt. Nie zuvor hätten sie die Menschen, die sie fotografierte, so sehr berührt. Was für einen Willen Menschen haben, wenn es darum geht zu überleben. „Ich will nicht, dass die Leser bloß traurig sind“, sagt sie. „Ich persönlich bewundere die Flücht-
linge.“ Sie reist bald wieder in das -Lager. Eine Frau, die sie fotografierte, hat gerade ein Baby bekommen. Es heißt Shannon.

Raphael Geiger

Raphael Geiger