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Argentinien: Verarmte Mittelschicht sucht ihr Glück in der Spielhölle

Wirtschaftskrise, Abwertung und Inflation zwingen seit zwei Jahren immer mehr Argentinier dazu, ihren Gürtel enger zu schnallen - und treiben besonders die verarmte Mittelschicht ins Glücksspiel.

"Wer nicht wagt, der nicht gewinnt". An diesem Motto orientieren sich anscheinend immer mehr Argentinier. Wirtschaftskrise, Abwertung und Inflation zwingen seit zwei Jahren fast alle der 38 Millionen Einwohner des zweitgrößten südamerikanischen Staates, den Gürtel enger zu schnallen. Immer mehr Menschen jedoch suchen ihr Heil im Glücksspiel. Waren Pferde-Rennbahnen, Bingo-Hallen und Casinos noch vor ein paar Jahren Treffpunkte der High Society, so locken sie heute zunehmend auch die verarmte Mittelschicht an.

 

Glücksspiel als Alltagsflucht

Agustin San Millan blickt teilnahmslos auf die rotierenden drei Scheiben des Spielautomaten und wirft beinahe gelangweilt weitere Münzen in die Maschine. Seine Familie habe er in den Urlaub geschickt, sagt der 45-Jährige zunächst lachend. "Meine Frau würde mich umbringen, wenn sie wüsste, dass ich so viel Geld verspiele", fügt er schon nachdenklicher hinzu. 600 Pesos (170 Euro) hat der Familienvater an diesem Tag verloren - und denkt dennoch nichts ans Aufhören. Augustins gesamtes Leben dreht sich inzwischen um das Glücksspiel. Das helfe ihm, die Probleme des Alltags zu vergessen. Der ehemals erfolgreiche Unternehmer besucht vier bis fünf Mal wöchentlich das Casino und ist mittlerweile hoch verschuldet. Auf die vorsichtige Frage, ob das Glücksspiel für ihn Hobby oder Leidenschaft sei, verfinstert sich sein Blick: "Es ist eine Sucht! Ich weiß, dass ich verlieren werde, aber die Versuchung ist einfach zu groß", sagt er mit Tränen in den Augen.

"Anonyme Spieler" haben starken Zulauf

Die «Vereinigung der anonymen Spieler» kennt diese Sucht nur zu gut. Nach Angaben der Vereinigung versuchen zurzeit etwa 600 Menschen, sich in Selbsthilfegruppen und durch Gesprächstherapie von ihrer Sucht zu befreien. Pro Tag gebe es bis zu 15 Anrufe von Menschen, die dem Glücksspiel verfallen sind oder deren Angehörige die Haushaltskasse in der Spielhölle verjubeln, sagt Diego Serrano von den Anonymen Spielern.

 

Lotteriezahlen werden gesungen

Für die 16-jährige Jessica Logriego ist das Geschäft mit dem Glück dagegen zu einem lukrativen Nebenjob geworden, um den sie viele Gleichaltrige beneiden. Sie arbeitet täglich gerade mal 20 Minuten für die nationale Lotterie und hilft bei der Bekanntgabe der Gewinnzahlen. In Argentinien gibt es keine Glücksfee á la Karin Tietze-Ludwig, die die Zahlen professionell verkündet, sondern vier Jugendliche geben die Gewinnzahlen mit einem monotonen Sprechgesang bekannt. Bedauerlich findet Jessica nur die Tatsache, dass lediglich ihre Stimme zu hören ist, sie selbst aber nicht auf dem Bildschirm erscheint. Die 300 Pesos, die sie monatlich für ihre gesangliche Darbietung erhält, würde sie niemals für Lotto ausgeben: "Dafür gehe ich lieber ins Kino oder kaufe mir neue Klamotten."

 

Mit Mathematik und Traumdeutung

Das sehen hunderttausende Argentinier jede Woche ganz anders und tragen ihren Peso - umgerechnet nur ein paar Cent - in eine der Lotto-Annahmestellen. Allein in Buenos Aires gibt es davon rund 2000. Während einige Spieler mathematische Hochrechnungen anstellen und die Ergebnisse der letzten Ziehung akribisch auswerten, versuchen andere ihrem Glück durch Traumdeutung auf die Sprünge zu helfen. Der 75-jährige Mario Elia, Inhaber einer Lotto-Annahmestelle, bietet seinen abergläubischen Kunden - und das sind nach seiner Erfahrung etwa 10 Prozent - sogar eine individuelle Beratung. Dazu bedient er sich eines abgegriffenen Heftchens mit Traumdeutungen des Heiligen San Cono. Das funktioniert ganz einfach: Wer zum Beispiel von Erde geträumt hat, dem verheißt das eine schöne Frau - und die Glückszahl 09464 wird auch gleich genannt. Ob die Vorhersagen immer zuträfen? Elia schüttelt skeptisch den Kopf: "Dann müssten meine Kunden doch jede Woche den Jackpot knacken". Trotzdem lässt er den Spielern ihre Illusionen, denn der Kunde ist König und das Geschäft mit dem Glück floriert.

Michaela Schulz / DPA
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