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Börse adé: Rückzüge vom Parkett werden häufiger

Die Erwartungen waren hoch: Nach null Börsengängen in 2003 sollten dieses Jahr gleich Dutzende Firmen den Sprung aufs Parkett wagen. Doch bisher riskierten nur ganze fünf diesen Schritt - ganz im Gegensatz zu den Abgängen.

Kaum Neuemissionen, dafür eine steigende Zahl an Firmen, die der Börse den Rücken kehren, im Fachjargon "Delisting" genannt. In diesem Jahr gab es nach Angaben der Deutschen Börse 40 solcher Fälle nach bereits 62 im Vorjahr. Die Gründe sind unterschiedlich: Ausländische Unternehmen halten eine Börsennotierung in Deutschland für überflüssig, alte oder neue Eigentümer einer Firma entscheiden sich für den Ausschluss von Minderheitsaktionären oder aber das Unternehmen geht schlicht pleite.

"Squeeze-Out" sorgte für wahre Flut

Für eine wahre Flut von Börsenrückzügen sorgt die Anfang 2002 verabschiedete "Squeeze-Out-Regelung". Besitzt ein Großaktionär mehr als 95 Prozent der Aktien, darf er die verbliebenen Kleinaktionäre gegen eine Barabfindung aus dem Unternehmen "herauspressen" - so die wörtliche Übersetzung des englischen Fachbegriffs. Anschließend ist auch die Börsennotierung hinfällig, denn die Aktien sind nicht mehr frei handelbar.

Eine Reihe traditionsreicher Aktiengesellschaften hat auf diese Weise das Börsenparkett verlassen. Zum Beispiel der Heizungsbauer Buderus und der Schuhhersteller Salamander, bei denen die Eigentümer Bosch beziehungsweise Energie Baden-Württemberg (EnBW) sich für ein Squeeze-Out entschieden. Nur in Ausnahmefällen bleibt trotz der vereinfachten Ausschlussmöglichkeit alles beim Alten: Der Autohersteller Audi etwa ist immer noch börsennotiert, obwohl der Mutterkonzern Volkswagen rund 99 Prozent der Aktien hält. Das Kürzel NSU der Audi-Aktie reicht weit in die Geschichte zurück: Es ist der Name eines Vorgängerunternehmens, bekannt für Motorräder und den legendären Ro 80.

Auch Insolvenz ist Grund für Rückzug

Ein anderer Anlass für den Rückzug von der Börse kann die Insolvenz eines Unternehmens sein. Eine ganze Schar der einstigen Helden des Neuen Marktes ist diesen Weg gegangen. Das Delisting erfolgt allerdings keineswegs automatisch - schließlich kann sich ein Unternehmen auch wieder berappeln. Wenig Sinn macht die weitere Notierung jedoch, wenn operative Geschäfte verkauft sind, das verbliebene Vermögen den Gläubigern zufällt und die Aktionäre in jedem Fall leer ausgehen.

Volker Grub, einer der prominentesten Insolvenzverwalter in Deutschland, plädiert deshalb dafür, dass solche Papiere nicht mehr gehandelt werden dürfen: "Das wäre eine Täuschung der Anleger, denn die Aktien sind definitiv wertlos. Wenn sie aber noch für eine beträchtliche Summe gehandelt werden, ist das glatter Betrug an den Käufern." Der Rechtsanwalt wirft der Deutschen Börse vor, auch nach einem Antrag auf Börseneinstellung den Handel noch mehrere Monate lang aufrecht zu erhalten und Notierungsgebühren zu kassieren, und lässt den Vorgang von einem Verwaltungsgericht prüfen. Die Börse wiederum beruft sich auf das Gesetz und lehnt ein vorzeitiges Delisting ab. "Das wäre ein Eingriff in das Eigentumsrecht von Aktionären", meint ein Sprecher.

Jeder will mitverdienen

Es gibt tatsächlich Anteilseigner, denen ein Börsenrückzug vordergründig gar nicht recht ist. In vielen Squeeze-Out-Verfahren müssen sich Firmen gegen Anfechtungsklagen von Kleinaktionären verteidigen. Die betroffenen Unternehmen sind jedoch nicht insolvent, sondern gelten im Gegenteil als besonders wertvoll. Den rebellischen Aktionären geht es dabei in der Regel weniger um Tradition oder Zukunft "ihrer" Firma, sondern einfach um eine höhere Abfindung.

Alexander Missal, dpa / DPA