HOME

Lidl: Der Konkurrent

Dieter Schwarz ist sehr diskret. Seine Unternehmensgruppe umfasst an die 300 Firmen, beschäftigt europaweit 75.000 Mitarbeiter.

Leute, die ihn kennen, sagen: »Den würden Sie an der Supermarktkasse glatt übersehen.« Das ist Dieter Schwarz ganz recht so. Der 63-Jährige, Vater dreier Töchter, wirkt lieber im Stillen, auch bei seinen Spenden in Millionenhöhe für soziale und kulturelle Projekte. Seine Heimatstadt Heilbronn verdankt ihm viel, und das vergelten ihm die Bürger mit Schweigen. Zum Beispiel Reportern gegenüber, die etwas über den Herrn der Lidl-Märkte und einen der reichsten Männer Deutschlands wissen wollen.

23 Milliarden Umsatz

Dieter Schwarz ist sehr diskret. Er erscheint nicht bei Empfängen, wo mit Fotografen zu rechnen ist. Seine Unternehmensgruppe umfasst an die 300 Firmen, beschäftigt europaweit 75 000 Mitarbeiter, macht einen Umsatz von 23 Milliarden Euro - aber Fragen dazu werden nicht beantwortet. »Aufgrund einer Entscheidung unserer Geschäftsleitung geben wir keinerlei Informationen an Unternehmensfremde weiter«, heißt es lapidar.

Rücksichtsloser Unternehmer

Zu fragen gäbe es viel. Denn Dieter Schwarz ist auch ein rücksichtsloser Unternehmer. »Was sich hier abspielt, ist Hardcore«, empörte sich die stellvertretende Leiterin einer Lidl-Filiale in Berlin-Schöneberg gegenüber der Gewerkschaft Verdi. »Wenn man krank ist, sagt unsere Betriebsleiterin: Bloß keine Krankschreibung, nehmen Sie freie Tage.« Das ist laut Verdi keine Ausnahme.

Die Unternehmensgruppe ist juristisch so organisiert, dass sie keine Geschäftszahlen veröffentlichen muss und die Gewerkschafter bei ihrem Versuch, Betriebsräte wählen zu lassen, meist scheitern. Methoden, mit denen Dieter Schwarz reich wurde.

2257 Lidl-Märkte

In 30 Jahren hat er aus dem mittelständischen Obstgroßhandel seines Vaters eine Unternehmensgruppe geschmiedet, zu der neben den 2257 Lidl-Discountmärkten auch die SB-Warenmärkte Kaufland und Kaufmarkt sowie die Verbrauchermärkte Handelshof und Concord gehören. Den Namen Lidl kaufte Schwarz einem pensionierten Berufsschullehrer namens Ludwig Lidl für 1000 Mark ab, weil sein Vater, dessen Geschäfte »Lidl & Schwarz« hießen, dem Filius die Namensrechte für seinen Billigladen nicht überlassen wollte. Heute gehört die Gruppe zu den fünf größten Lebensmittelhandelskonzernen in Deutschland, schätzen Branchenbeobachter wie Herbert Kuhn vom Handelsforschungsinstitut M+M

Eurodata. Zudem ist sie in weiteren 14 europäischen Staaten aktiv.

»Lidl ist billig«

Anstelle von Eigenmarken, mit denen Aldi alle Konkurrenten unterbot, nahm Schwarz eine überschaubare Zahl von Markenartikeln ins Sortiment - zu Kampfpreisen. »Lidl ist billig«, hämmern Anzeigen Woche für Woche den Deutschen ein, was - der Preisvergleich des stern zeigt es - keine Übertreibung ist.

Der Preiskampf wird nun auf neue Warengruppen und Zahlungssysteme ausgeweitet. Zurzeit testet das Unternehmen den Verkauf von Frischfleisch und den Einsatz von EC-Karten. Zwar raunen Branchenkenner, der Konzern könne sich mit seiner Expansion finanziell verausgaben, aber das bleibt reine Spekulation.

Gemeinnützige Stiftung

1999 hat Dieter Schwarz die Führungsstrukturen der Unternehmensgruppe neu geordnet. Die Gruppe wurde in eine gemeinnützige Stiftung umgewandelt, die 99,9 Prozent der Gruppenanteile hält - allerdings keinerlei Stimmrechte besitzt. Die liegen in einer Führungsholding - mit den restlichen 0,1 Prozent. An deren Spitze steht ein elfköpfiges Gremium mit Schwarz als außerordentlichem Mitglied.

Der Grund für die einzigartige Unternehmenskonstruktion: Sie schützt das Lebenswerk des Gründers, der sich aus dem Alltagsgeschäft weitgehend zurückgezogen hat, vor Übernahmen und sichert ihm jederzeit maximalen Einfluss. Den lässt er gern walten, wenn Kundenreklamationen auf seinem Schreibtisch landen, um die er sich stets persönlich kümmert.

Sven Rohde