Montage Einer für alles


Ein kleiner Inbusschlüssel - Materialgüte: "Auch ich war eine Dose!" - macht aus dem simplen Käufer einen Möbel-Experten.

Koffer voller Werkzeuge, ein Maschinenpark, bei dem allein die Gerätenamen – "Flex", "Abrichter", "Bohrmeißel" - zivilisierten Menschen den Angstschweiß über den Rücken treiben. Das muss nicht sein. Ein einziges Werkzeug reicht! Wundertools werden im Home-Shopping-TV jeden Abend neu entdeckt, aber in der Welt von Ekeskog, Göteborg und Faktum reicht ein Ding wirklich aus. Der kleine Inbusschlüssel – Materialgüte: "Auch ich war eine Dose!" – macht aus dem simplen Käufer einen Möbel-Experten.

Lieben und nicht kaufen

Tatsächlich: Werden alle Passiv-Käufer, die faul liefern lassen, ihre Schrankwand je so kennen und lieben lernen wie Ikea-Fans? Personen, die sich übrigens selbst schon mal gern im Web zärtlich mit "Ihr Inbus-Schlüsselchen" anreden? Jedes Bauteil will gehoben und geschoben, entpackt und dann im Finale verschraubt werden. Womit? Mit dem "Einen Schlüssel"! Egal ob ein Hausflur ver-billyt wird, Faktum die Küche von drei Seiten einschließt oder Husar dem Arbeitsplatz eine ärmlich-ehrliche Note verleihen soll. Bei Ikea sind keinerlei Vorkenntnisse nötig. Damit ist endlich Schluss mit der Tyrannei der Hobby-Heimwerker! Vorzugsweise handelt es sich um mürrische Onkel oder Schwiegerväter, die sich am Wochenende herablassen, mit grandioser Gönnergeste das Waschbeckenknie anzuziehen. Mit dem Inbusschlüsselchen entweder links- oder rechtsherum drehen, das ist zwar kein Vergleich mit Baumarkt-Highlights wie Nivellierer und Steinfräse. Aber links und rechts, das sollte jeder hinbekommen.

Der Geist schraubt mit

So träumte schon mancher zwischen den Möbelregalen, aber Ikeas Reduktion ist wie Zen - nur höchste Konzentration führt zur Erleuchtung. Die Arbeit mit dem Inbusschlüssel muss wie eine japanische Tee-Zeremonie angegangen werden. Als erstes wollen alle Zutaten mit höchster Achtung behandelt werden. Paket-Zerfetzer und Schrauben-Tüten-Ausschütter müssen zur Not unter Einsatz roher Gewalt von der Wohnungszierde ferngehalten werden. Nur die mitgelieferten Montageanleitungen kann man beiseite lege, wirre Zeichnungen ersetzen keinen klaren Geist.

Der Schlüssel verzeiht nichts

Aber Vorsicht, eine laxe Haltung - "Schraube ist Schraube und passt doch" - verwandelt den stolzen Bausatz in Sperrmüll. Merke: Das unscheinbare Schlüsselchen ist gnadenlos. Im "Einen Schlüssel" liegt mehr Kraft, als Billy vertragen kann. Ratz-fatz sprengt die falsche Schraube sparsam ausgelegte Seitenwände. Tückisch auch: Verbinder zieht es wie geschmiert in die falsche Bohrung, dafür lassen sie sich nur mit Brachialgewalt und großflächigen Oberflächenschäden wieder herauszerren.

Demut vor dem höchsten Grad

Genial einfach bedeutet nicht idiotensicher. Wenn zum Beispiel eine komplette Einbauküche errichtet wird, ergießt sich ein wahres Füllhorn an identischen, fast identischen oder zumindest täuschend ähnlichen Teilen über den Boden. Eine vergleichbare Herausforderung bietet nur das 10.000-Teile Puzzle "Neuschwanstein." Vielen Möchtegern-Möbelbauern bleibt die geistige Dimension verborgen. Ignoranz und noch ein, zwei Bierchen, und der Weg führt ins Desaster. Die Ausrede aller – meist männlichen – Ikea-Versager: "Das Billig-Zeug passt doch nicht!" oder "Das haben die bestimmt vergessen!" stimmt - jedenfalls fast - nie. Die Lösung liegt immer in Tütchen und Kartons verborgen. Frauen liegt das Motto: Erst nachdenken, dann schrauben. Darum und wegen des "Markthalle" genannten Riesenwühltisches stellen sie die wahren Ikea-Jüngerinnen.

Die Ikea-Welt

Für das Konstruktionsprinzip "Ikea" fängt die Herausforderung aber erst an, wenn jedes Reihenhaus von Recklinghausen bis Hawaii komplett möbliert ist. Die Visionen: Ein Fertighaus von Ikea, einziges Werkzeug: der Inbusschlüssel. Danach das Ikea-Car, einziges Werkzeug, na klar, ein Inbusschlüssel. Und dann: Gesundheitsreform: das Ikea-Krankenhaus. Einziges Werkzeug, ...

Gernot Kramper


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