VG-Wort Pixel

75 Jahre altes Haus soll weg Frau Liedtkes Kampf gegen den Abrissbagger


Eigentlich würde Rentnerin Christa Liedtke ihr Haus gerne verkaufen. Doch die Baugenehmigung ist nicht zu finden, die Behörden drohen mit Abriss. Viele andere stehen vor dem gleichen Problem.

Christa Liedtkes Haus ist ein kleines Idyll. Ein Fachwerkhaus im Grünen, 115 Quadratmeter, im Bergischen Land nahe Köln gelegen. Hier steht es seit Jahrzehnten und die 75-jährige Rentnerin wäre auch gern geblieben. Doch weil ihr das Treppensteigen zunehmend schwerfiel, entschloss sich Liedtke 2011 zum Verkauf. Vom Erlös, so der Plan der Seniorin, könnte sie sich etwas Kleineres ohne Treppen leisten.

Doch als Liedtke beim Amt Unterlagen für den Verkauf anfragt, erlebt sie eine böse Überraschung: Es gebe gar keine Baugenehmigung, sagt ihr die Kreisverwaltung. Das Haus müsse Frau Liedtke abreißen - und zwar auf eigene Kosten. Die Rentnerin fällt aus allen Wolken, schließlich hat sie das Haus 2005 für 250.000 Euro gekauft, ganz korrekt mit Notar und Grundbucheintrag.

Dass das Haus dort gar nicht stehen darf, kam ihr damals nicht in den Sinn. Schließlich wurde es bereits vor Jahrzehnten, wahrscheinlich 1939, errichtet. In der unmittelbaren Nachbarschaft gibt es weitere Wohnhäuser aus dieser Zeit. Wie sollte Liedtke da ahnen, dass das Gebiet als Außenbereich klassifiziert ist, in dem allenfalls land- und forstwirtschaftliche Betriebe zulässig sind? "Wenn ich mein Haus abreißen lasse, steht also links ein Haus und rechts ein Haus und dazwischen ein Grundstück, wo das Unkraut bis zum Himmel sprießt", sagte Liedtke der "Welt", die die Dame besucht hat.

Viele ähnliche Fälle

Das örtliche Bauamt bot Liedtke eine lebenslange Duldung an, doch daran war der Rentnerin nicht gelegen. Vor dem Verwaltungsgericht Köln versuchte sie das Recht zu erstreiten, die Immobilie zu verkaufen, doch sie verlor. Nun läuft die Revision beim Oberverwaltungsgericht Münster. Das Verfahren wird mit Spannung beobachtet, denn es gibt viele ähnliche Fälle. Die zuständige Kreisbehörde hatte in den vergangenen acht Jahren bereits sechs solcher Fälle. Christa Liedtke hat recherchiert, dass es 70 weitere solcher Bauten im Bergischen Kreis gibt.

Auch beim Eigentümerverband Haus & Grund kennt man das Problem. "Sowas kommt immer wieder vor", sagt Expertin Inka-Marie Storm. Sie empfiehlt dringend, sich bei einem Hauskauf alle nötigen Unterlagen zu besorgen. Denn der Grundbucheintrag bezieht sich nur auf das Grundstück, aber nicht auf die darauf errichteten Gebäude. Gerade im ländlichen Raum entwickelten Bauprojekte immer wieder ein illegales Eigenleben: Erst hat man nur einen Unterstand, dann eine Garage und irgendwann ein richtiges Haus, ohne dass irgendwo eine Genehmigung eingeholt wurde. Baugenehmigungen, aber auch Bauzeichnungen und Informationen über verbaute Materialien, sollte man sich daher immer geben lassen, rät Storm.

Wie Christa Liedtkes Fall ausgeht, ist noch offen. Mittlerweile haben sich verschiedene Lokalpolitiker für sie eingesetzt, das Gerichtsverfahren läuft. Das Haus, das ihr soviel Ärger eingebracht hat, liebt Christa Liedtke deswegen auf jeden Fall nicht weniger. Gesundheitlich gehe es ihr wieder besser, sagt sie der "Welt", sie möchte nun doch in dem Haus bleiben.

Daniel Bakir

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker