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Fertighäuser in England: Reisende Neubautenhilfe

Die Briten lieben nicht unbedingt die Deutschen - aber ihre Fertighäuser. Die gelten als schick, modern und grundsolide.

Von Cornelia Fuchs

Die Deutschen kommen, und diesmal bringen sie Werkzeugkisten, Zimmermannskluft und doppelachsige Lastwagen mit. "Invasion Großbritanniens" überschrieb der Architektur-Journalist Kevin McCloud in der "Sunday Times" seinen Bericht über ein altes deutsches Phänomen: das Fertighaus.

"Vor 60 Jahren haben sie mit Raketen auf uns geschossen. Heute ist ihre neue Wunderwaffe das Huf-Fertighaus!", schreibt McCloud, und auch wenn er dabei die Weltkriegsmetaphorik nicht lassen kann, schwärmt er von der "deutschen Kultur, die auf den heiligen Prinzipien der Ingenieurskunst basiert". McCloud moderiert die Fernsehsendung "Grand Designs", eine Art Wunsch-konzert für die Baugebeutelten Briten. Denn seit Margaret Thatcher in den 80er Jahren dem britischen Ausbildungssystem den Todesstoß versetzte, wird jeder Umgang mit heimischen Handwerkern zum sicheren Albtraum. "Unsere Nation ist Opfer schlimmer Bastler", klagt ein Leser eines britischen Handwerker-Selbsthilfe-Forums im Internet. "Aber das müssen wir uns doch nicht gefallen lassen!" Das stimmt, wie Kevin McCloud in jener Folge von "Grand Designs" belegt, die den Bau eines deutschen Fertig-Fachwerkhauses der Firma Huf im englischen Kent beschreibt. Er begleitet die Deutschen bei der Ausübung altbekannter Sekundärtugenden: Pünktlichkeit, Präzision und Perfektion. Die Deutschen kommen früher und bauen schneller als geplant, räumen ihre Werkzeuge ordentlich ein und fegen sogar vor ihrer Abreise noch den Transportbus. Das fasziniert die Briten so sehr, dass die 107 Huf-Häuser in Großbritannien inzwischen zu einer Art Touristenattraktion geworden sind.

Denise und Richard Wrenn besitzen eines davon. "Am ersten Tag stand unsere Küchenwand schon, bevor wir überhaupt auf der Baustelle ankamen", sagt Denise. Sie steht immer noch leicht fassungslos in ihrem Wohnzimmer mit dem weiten Blick aus der Glasfront auf die Felder in Northamptonshire. Das Ehepaar hatte jahrelang versucht, sich ein lichtes und offenes Haus bauen zu lassen. Es klappte nicht.

"Wir sind den Briten um Jahre voraus"

Der britische Immobilienmarkt wird von großen Baufirmen dominiert, die wenig Service bieten. So flogen die Wrenns nach Deutschland, um in den Schauräumen von "Huf Haus" zwischen Hunderten Teppichen und jeder möglichen Parkettvariante zu wählen. Sie waren überwältigt angesichts der Qualität und Auswahl und halten den Preis von 1,1 Millionen Euro für ihr Traumhaus für völlig gerechtfertigt. "Es ist sehr schön, dass wir in England die Preise durchsetzen können, die wir uns wünschen", sagt Albert Drescher, Geschäftsführer und Eigentümer des Fertighaus-Herstellers "Platz Haus". "Wir sind eher noch zu günstig." Auch die Platz-Haus-Fabrik im oberschwäbischen Bad Saulgau wird inzwischen regelmäßig von britischen Kunden besucht. Die fasziniert die neueste Bautechnik made in Germany - von der Flachs-Wärmedämmung bis zum energiesparenden Passivhaus. "In der Wärmedämmung sind wir den Briten um Jahre voraus", sagt Brescher. Oder, wie Kevin McCloud es formuliert: "Die Deutschen setzen die Baustandards für das nächste Jahrzehnt." Doch trotz des ganzen Lobes wird das deutsche Fertighaus wohl ein Nischenphänomen in Großbritannien bleiben: Altes Planungsrecht macht neues Bauland vor allem in den Städten fast unerschwinglich, es gibt kaum private Bauherren, und die großen Firmen bauen am liebsten gleichförmige Reihenhäuser - mit den üblichen Baumängeln. Die Wrenns sind froh, dass sie diesem Planungseinerlei mit deutscher Hilfe entkommen konnten: "Endlich haben wir ein Haus, in dem es nirgendwo zieht!"

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