Er soll vertrauliche Dokumente an den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein weitergegeben und so sein Amt als Handelsbeauftragter des Vereinigten Königreichs missbraucht haben. Andrew Mountbatten-Windsor brachte der Verdacht auf diese Straftat am Donnerstagvormittag in Polizeigewahrsam (der stern berichtete). Wenige Stunden später kam der Bruder von König Charles III. wieder frei. Ausgestanden ist die Angelegenheit für den früheren Prinzen damit aber nicht – noch lange nicht.
Warum ist Andrew Mountbatten-Windsor wieder auf freiem Fuß?
Die Mitteilung der Polizei am Dienstagabend war knapp. „Der festgenommene Mann wurde inzwischen wieder freigelassen“, schrieben die Ermittler, neuneinhalb Stunden nachdem sie über die Festnahme des 66-Jährigen informiert hatten. Fotos zeigen den früheren Prinzen kurz nach Verlassen der Polizeiwache in der Grafschaft Norfolk. Insgesamt befand er sich den Angaben zufolge rund elfeinhalb Stunden in Polizeigewahrsam.
Wie in Deutschland darf auch die Polizei in Großbritannien Beschuldigte nicht ohne Grund festnehmen oder gar für längere Zeit inhaftieren. Ohne entsprechenden Haftbefehl werden Verdächtige dort in der Regel binnen 24 Stunden wieder entlassen, maximal nach 96 Stunden. Haftgründe sind den Gesetzen zufolge zum Beispiel die Verhinderung des Untertauchens oder die Gefahr, dass ansonsten Beweismittel vernichtet werden könnten. Beides nehmen die Ermittler im Falle Andrews offenbar nicht an. Insbesondere beim Verdacht von Wirtschaftskriminalität ist es laut BBC unüblich, Untersuchungshaft zu verhängen. Zur Erinnerung: Sexualdelikte werden dem Ex-Prinzen in den laufenden Ermittlungen nicht vorgeworfen, obwohl er enge Verbindungen zu dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein pflegte.
Der BBC zufolge musste Andrew auch keine Kaution hinterlegen. Was er den Beamten während seines Gewahrsams erzählt hat, wurde nicht bekannt.
Wie geht es für den Ex-Prinzen weiter?
Solange die Ermittlungen laufen, kann der Sohn der verstorbenen Queen Elizabeth II. jederzeit wieder von der Polizei befragt werden – auch eine erneute Festnahme ist möglich. Eine Sonderbehandlung wegen seiner Zugehörigkeit zur Königsfamilie wird es nicht geben. Dies unterstrich auch König Charles III. in einer Mitteilung: „Ich möchte es ganz klar sagen: Das Gesetz muss seinen Lauf nehmen“, erklärte der Bruder Andrews.
Der schwarze Donnerstag – ausgerechnet sein 66. Geburtstag – dürfte für Mountbatten-Windsor noch lange nicht das Ende der Angelegenheit sein, die Ermittlungen haben gerade erst begonnen und könnten für den gefallenen Royal böse enden: Für Amtsmissbrauch ist in Großbritannien theoretisch sogar eine lebenslange Haftstrafe denkbar (lesen Sie hier mehr dazu). Klar ist aber auch: Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung durch ein Gericht gilt Andrew als unschuldig. Er äußerte sich bislang nicht öffentlich zu den Ermittlungen.
Was macht die Polizei jetzt?
Die Beamten haben am Donnerstag damit begonnen, zwei von Mountbatten-Windsor genutzte Anwesen zu durchsuchen: das Sandringham-Anwesen in der Grafschaft Norfolk – Andrews aktueller Wohnsitz – sowie seine frühere Bleibe auf dem Gelände von Schloss Windsor in der Grafschaft Berkshire. Dort ging die Durchsuchung auch am Freitagmorgen noch weiter, wie die Polizei mitteilte. Die gesamte Arbeit der Beamten werde äußerst gründlich durchgeführt, versprach der stellvertretende Chef der örtlichen Polizei: „Es ist wichtig, dass wir die Integrität und Objektivität unserer Ermittlungen wahren, während wir mit unseren Partnern zusammenarbeiten, um diese mutmaßliche Straftat zu untersuchen.“ Wie üblich, sollen die Ermittler sowohl be- als auch entlastende Indizien zusammentragen.
Ob bei den Durchsuchungen der beiden Anwesen etwas sichergestellt werden konnte, teilte die Polizei nicht mit. Weitere Erklärungen wollte sie zu dem Fall, der rund um den Globus für Aufsehen sorgt, nicht abgeben. Beobachter der BBC gehen davon aus, dass die Nachbereitung der Durchsuchungen möglicherweise Tage dauern wird.
Quellen: Thames Valley Police, Police (Detention and Bail) Act 2011 Explanatory Notes, BBC, Nachrichtenagenturen DPA und AFP