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Handy-Spam: Piepsen um jeden Preis

Sebastian K. ist genervt. Mitten in der Nacht klingelt das Handy und es ist wieder nur teure Werbung, die ihn aus dem Schlaf gerissen hat. Seine Klage gegen den Absender wurde abgelehnt. Er sei selber Schuld, so die Begründung. Aber muss man die dreiste Werbung als Verbraucher hinnehmen?

Von Pia Röder

Wenn das handy nur noch zum Werbe-vermittler wird, zehrt das an den Nerven und am Geldbeutel

Wenn das handy nur noch zum Werbe-vermittler wird, zehrt das an den Nerven und am Geldbeutel

Und schon wieder piepst das Handy. Nachts um viertel nach zwei. Mittlerweile zum dritten Mal steht Sebastian K.* auf, schaut auf das Display und liest wieder die gleiche Nachricht, gesendet von der Nummer 90500: "Zur Erinnerung: Es befinden sich noch 2 Bildmitteilungen auf ihrer Mobilbox! Zur Abfrage antworten Sie mit SMS oder MMS 1,99 Euro/SMS". Jetzt ist Schluss. Sebastian K. ist genervt und antwortet auf die Nachricht mit der Bitte, die nächtliche Ruhestörung zu unterlassen. Er habe wissentlich keine Bildmitteilungen auf der Mailbox und es müsse sich um ein Missverständnis handeln. Genutzt habe ihm diese Revolte nichts, wie er in einem Internet-Forum berichtete.

Jeden Tag erreichen unzählige dieser Werbe-SMS - so genannter Handy-Spam - die deutschen Mobilfunk-Nutzer. Die genaue Anzahl kann man schwer ausmachen. Der Bundesverband der Verbraucherschutzzentralen kann nur mutmaßen, in welchem Ausmaß Handybenutzer jeden Tag belästigt werden. "Viele Betroffene melden sich überhaupt nicht. Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Dabei ist mit Mobil-Spam nicht zu spaßen."

Werbe-Terror aus dem Briefkasten

Werbe-SMS sind gefährlicher als unerwünschte E-Mails, die in die Mailbox flattern: Antwortet man auf die Kurzmitteilungen, kostet es Geld. Den Ärger hat man mit E-Mails nicht.

Sebastian K. hatte durch seine Antworten auf die dreisten Nachrichten auch Kosten, die er sich weigerte zu zahlen. Schließlich wollte er nur den Handy-Terror loswerden. Er recherchierte also in Internetforen, zu wem die Nummer 90500 gehörte. Eine breite Plattform für Werbe-SMS-Geschädigte bietet zum Beispiel das Internet-Portal antispam.de. 1999 wurde der Verein gegründet, als das Geschäft mit der unerwünschten elektronischen Post noch in den Kinderschuhen steckte. Jetzt vereint es detaillierte Informationen für den genervten Verbraucher, der unerwünschte Werbung nicht mehr länger dulden will. Allein die Forumsbeiträge in der Kategorie "SMS-Spam" übersteigen die 4000. Die Gemeinschaft der Betroffenen gibt Tipps und nennt Namen der Anbieter, die mit der penetranten Werbung ihr Geld verdienen. "Wir leuchten mit Taschenlampen in die Rattenlöcher", sagt der Vorsitzende des Vereins Marko Nassenstein.

Rattenlöcher - damit meint er genau diese undurchsichtigen Briefkastenunternehmen, die nicht selten Adressen im Ausland angeben und sich bei tiefgreifender Recherche als unauffindbar herausstellen. Es gibt sie schlichtweg nicht.

So auch im Fall von Sebastian K.: Die fünfstellige Absendernummer kam in seinem Fall von dem Mobil-Serviceanbieter "MindMatics". Das Unternehmen stehle sich als rein "technischer Anbieter" aus der Verantwortung und unterstütze scheinbar das Unternehmen "Sitcom AG", von dem aus die SMS gesendet wurden, will K. herausgefunden haben. Und die "Sitcom AG" sitzt nicht in Deutschland, sondern hat Adressen rund um den Globus. Von Neuseeland über England bis zu den Vereinigten Staaten. Bei Anruf passiert das Erwartete: Es meldet sich niemand.

Der Fall, der momentan vor dem Bundesgerichtshof verhandelt wird, ist ganz ähnlich gestrickt. Der Kläger hat ebenfalls unerwünschte Werbe-SMS auf seinem privaten Handy empfangen. Mit dem Unterschied zu Sebastian K. konnte er den Urheber der Belästigung nicht ausmachen und klagt deshalb die Auskunft über Name und Adresse des Absenders ein. Diese Informationen benötigt er, um seinen Unterlassungsanspruch später vor Gericht durchzusetzen.

Handy-Spam kann ganz unterschiedlich aussehen

Woher Werbe-SMS kommen, lässt sich grob in drei Kategorien einteilen. Das macht es dem Verbraucher einfacher, Werbe-SMS rasch zu erkennen, um nicht wie Sebastian K. in eine Kostenfalle zu tappen. Ist die Absendernummer beispielsweise fünfstellig, lässt das auf eine so genannte Premium-SMS schließen. Ein Mobilservice, der unter anderem gebucht werden kann, um aktuelle Wetter- oder Stauinformationen zu erhalten. Oder der eben auch unerwünscht Werbung verschickt und an den Nerven zehrt. Deshalb sollte man den Vertragspartner, bei dem man ein Premium-SMS-Abonnement abschließt, stets genau prüfen. Des Weiteren ist zu raten, Adressen im Ausland zu meiden und im Zweifelsfall schnellstmöglich das Abo wieder zu kündigen.

Trickreicher sind SMS, die scheinbar von einer normalen Mobilnummer gesendet werden. Irreführende, persönliche Inhalte wie "Hi. Hier ist Chris. Wir haben gestern geflirtet. Melde dich doch mal!" verleiten Neugierige dazu, auf die Nachricht zu reagieren. "Auf keinen Fall auf solche SMS antworten", rät hier die Verbraucherschutzzentrale. In diesem Fall kann man einfach im Internet nachschauen, welche Vorwahl unter welchem Netzbetreiber geschaltet ist. Stellt sich der Anbieter beim Nachhaken quer, kann man auf sein Auskunftsrecht nach dem Unterlassungsklagegesetzt pochen. Noch einfacher: Die SMS umgehend löschen.

Der dritte Typ dreister Textnachrichten bittet dringend um Rückruf einer bestimmten Nummer. "Kann man machen", rät Marko Nassenstein von "Antispam". "Aber das würde ich nur machen, wenn der Anruf weniger als zwölf Cent pro Minute kostet." Bei einer angegebenen Festnetznummer empfiehlt es sich die kostenlose Rückwärtssuche zu nutzen. Handelt es sich allerdings um eine fünfstellige Sonderrufnummer, sollte man einen anderen Weg wählen: die direkte Beschwerde bei der Bundesnetzagentur.

Sie schafft Hilfe für Spam-Opfer, die sich anders nicht mehr zu helfen wissen. Die Bundesnetzagentur nimmt Beschwerden zu Spam in Zusammenhang mit Rufnummern entgegen, führt Ermittlungen durch und ergreift Maßnahmen nach Paragraph 67 Absatz eins des Telekommunikationsgesetzes (TKG). Die Agentur kann allerdings nur eingreifen, wenn der Spam-Nachricht auch eine Telefonnummer folgt. Ohne diese können keine Ermittlungen eingeleitet werden. Spamern, die regelmäßig auffallen, untersagt die Bundesnetzagentur die Geschäftstätigkeit. Entweder werden Bußgelder verhängt, oder die betroffene Nummer wird abgeschaltet.

Der Verbraucher kann eigentlich nichts ausrichten

Sebastian K. hat den Weg über die Agentur nicht gewählt. "Kontaktiert man die Bundesnetzagentur, kann diese nur eine Rüge für die jeweils 'bespamte' Rufnummer aussprechen. Das macht sie aber nicht für den gesamten Rufnummernblock", war seine Begründung. Es wird demnach nur diese eine spezielle Rufnummer gesperrt. Dieser technische Anbieter und sein Briefkasten haben aber eine Menge weitere Nummern, von denen aus er die Verbraucher belästigen kann. Sebastian K. ist den direkten Weg gegangen und hat gegen den Versender der Werbe-SMS Anzeige erstattet. Ohne Erfolg. Schließlich habe er die Kosten selbst verursacht, da er auf die Spam-SMS mehrfach geantwortet habe, begründet die Staatsanwaltschaft ihre Entscheidung. Und das obwohl die Antworten aus reinen Aufforderungen bestanden, die nächtlichen Belästigung zu unterlassen. Eine Abbestellung der unerwünschten Werbung sei demnach nur über den Postweg oder via Telefon möglich, so das Unternehmen "MindMatics".

"Es wird auch wieder darauf hinaus laufen, dass die Inhaberin des Rufnummerblocks eine Rolle des 'technischen Anbieters' spielt und so die Verantwortung für den Versand auf irgendeine Briefkastenfirma abwälzt", mutmaßt Sebastian K. für den laufenden Prozess.

Marko Nassenstein von "Antispam" sagt resigniert, dass der Verbraucher bei massiven Spam-Attacken gar nichts machen könne, außer den Netzbetreiber zu wechseln, oder sich eine andere Nummer geben zu lassen. Bis es wieder piepst. Nachts um viertel nach zwei.

* Name der Redaktion bekannt

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