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Nach Haft in Türkei "Keinen Pieps gehört": Freigelassener Pilger kritisiert Gabriel für Desinteresse

Türkei: Freigelassener Pilger kritisiert Gabriel für Desinteresse
Der Pilger David Britsch zeigt in seiner Wohnung in Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) auf einem Globus seine Tour und den Ort seiner Festnahme in der Türkei
© Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa
Nach monatelanger Haft in der Türkei erhebt der freigelassene Pilger David Britsch schwere Vorwürfe gegen das deutsche Außenministerium. In einem Interview wirft er Außenminister Gabriel Desinteresse und zu wenig Einsatz vor.

Der aus türkischer Haft freigelassene deutsche Pilger David Britsch hat nach seiner Rückkehr dem Auswärtigen Amt mangelnden Einsatz vorgeworfen. Die deutsche Botschaft in Ankara habe sich bei ihren Versuchen, Kontakt zu ihm aufzunehmen, von den türkischen Behörden abspeisen lassen. Es habe nur drei direkte Begegnungen mit deutschen Diplomaten gegeben, sagte Britsch dem Kölner "Stadt-Anzeiger"

Anfang April wurde der 55-Jährige, der sich zu Fuß über den Balkan quer durch die Türkei über Jerusalem begeben hatte, in der Türkei verhaftet. Warum, ist bis heute unklar. Laut Britsch habe weder er selbst noch deutsche Behörden oder seine türkische Pflichtverteidigerin je einen Tatvorwurf präsentiert bekommen, schreibt der "Stadt-Anzeiger". Britsch gehe aber davon aus, das sein Reise-Blog der ausschlaggebende Punkt gewesen sei - dort habe er von Begegnungen mit kurdischen Separatisten und türkischer Polizei-Willkür berichtet. Am 21. Dezember wurde Britsch überraschend freigelassen.

Haft in der Türkei: "Willkür und Zersetzung" 

Zwar hätten ihm türkische Behörden Formulare oder Rechtsbehelfsbelehrungen vorgelegt - offenbar, um ein geordnetes Vorgehen zu simulieren, wie er vermutet - doch sein Ersuchen auf konsularische Betreuung habe man ignoriert. Darauf fußt auch seine Kritik an der deutschen Diplomatie: "Ich hätte mir stärkeren Druck erwartet, weil die Türkei ganz offensichtlich gegen internationale Vereinbarungen verstoßen hat.", sagt Britsch dem "Stadt-Anzeiger". Seit seiner Rückkehr habe er weder vom Auswärtigen Amt noch von Minister Sigmar Gabriel "auch nur einen Pieps gehört". Darüber hinaus habe es während seiner Inhaftierung nur drei direkte Begegnungen gegeben. "Spätestens als ich nach sechs Monaten aus der Abschiebehaft hätte entlassen werden müssen, wäre der Zeitpunkt für eine viel massivere Intervention gekommen gewesen."

Britsch beschreibt dem "Stadt-Anzeiger" seine Haftbedingungen als "belastend", aber "nicht katastrophal". Er habe sich seine Zelle mit fünf bis sieben Mithäftlingen teilen müssen, schreibt die Zeitung. Freigänge auf einem "winzigen betonierten Innenhof" seien selten und von kurzer Dauer gewesen, Telefonate mit der deutschen Botschaft oder seiner Familie waren "strikt reglementiert". Britsch spricht von einer Taktik der "Willkür und Zersetzung". 

Der 55-Jährige erkennt hinter dem Desinteresse des Auswärtigen Amts ein politisches Motiv: "Die Regierung weiß sehr genau, dass sie für mich nur einen Bruchteil dessen getan hat, was sie für andere politische Gefangene eingesetzt hat, und ich habe den Eindruck, dass Sigmar Gabriel das nicht an die große Glocke gehängt wissen will.", sagte er dem "Stadt-Anzeiger".  

fs/Mit Material der DPA

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