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Hausboote: Ein Bett im Meer

Ach, wie schön wär's, auf einem Hausboot zu leben. Für ein paar Tage - oder für immer. Mit Sonnendeck. Mit Panoramafenster. Mit Korbstühlen an Deck. Und wenn umgezogen wird, kommt einfach der Schlepper. Eine Reise zu den schönsten Wohnschiffen an Elbe, Spree und Ostsee.

Es schwankt ein ganz klein wenig. Nicht so, dass der Milchkaffee überschwappt. Eher so, dass es sich im Magen etwas flau anfühlt. Aber das geht vorbei. Das Festland, obwohl nur einige Meter entfernt, erscheint weit weg - wie hinter einer unsichtbaren Grenze. Hier kann einem keiner etwas anhaben. Ein kleiner schwimmender Kokon. Der Lärm bleibt an Land. Nur das Wasser gluckst leise. Momente zum Festhalten.

Und dann wird geträumt. Wie es wohl wäre auf einem Hausboot, das mitten in der Großstadt unter Weiden ankert? In Berlin auf der Spree, in Köln am Rhein oder Hamburg auf der Elbe. Wie es wohl wäre, jederzeit abhauen zu können? Alles hinter sich zu lassen, den Alltag, den Job, den Ärger - ausbrechen zu neuen Ufern, neuen Städten, neuen Abenteuern.

Wie Horst Schimanski

alias Götz George in seinem letzten Tatort. Schmiss einfach seinen Hauptkommissar-Job hin, segelte mit dem Drachenflieger vom Hochhaus des Duisburger Kiezes und landete auf einem belgischen Frachter, den er seither mit Freundin Marie-Claire bewohnt. Was für ein Abgang!

Jan Peters, 46, und Christine Röthig, 43, haben sich ihren Traum im Hamburger Hafen verwirklicht. Ein Treppensteg führt zu der Hausbootanlage, an der nicht nur ihr eigenes Schiff, sondern noch elf weitere an einem schwimmenden Ponton festgemacht sind. Denn der Elbeseitenarm ist tideabhängig, die Boote bewegen sich mit Flut und Ebbe bis zu 3,50 Meter auf und ab. Den Bug des Schiffes haben Jan und Christine zum Wintergarten ausgebaut, und Chaiselongue und Ofen verraten, dass sie oft von hier aufs Wasser blicken. Vor den Fenstern gehen nicht nur Sonne und Mond auf, durch das Auf und Ab der Gezeiten zweimal am Tag auch der Hamburger Michel.

Es gluckst und gurgelt - ein Boot ist immer in Bewegung. Alles ist anders als an Land: kein Garten, kein Unkrautjäten, kein Rasenmähen. Haustiere sind Brandgänse und Hechte.

Vor 14 Jahren kaufte Jan einem Flussschiffer seinen alten Kahn ab. Nach vielen Stunden Eigenarbeit und viele Jahre später ist daraus ein Traumhaus auf dem Wasser geworden. Der ehemalige Journalist und die Schauspielerin haben ihre Jobs aufgegeben und restaurieren auf ihrem Pontonpark alte Hafenlieger zu schwimmenden Büros.

Zurück aufs Land, wieder mit festem Boden unter den Füßen leben? "Niemals", sagen Jan und Christine und sehen dabei zum Neidischwerden glücklich aus.

Am Treptower Ufer - mitten in Berlin -, sehnsüchtig schweift der Blick an einer Reihe weißer Boote entlang, die aneinander geschmiegt dort liegen. Sonnenblumen und Tomaten wachsen hier nur in Kübeln, trotzdem ist alles grün. Eine schwimmende Schrebergartensiedlung. Jede Parzelle mit eigenem Grill.

Zwei Männer streichen ihr Boot. Und auf "Heiterkeit" und "Frohsinn" wird sogar gearbeitet, Toshi Rösner hat hier seine Musikpromotionfirma. Im Keller - so heißt auch bei Hausbooten das Untergeschoss - hat er ein Aufnahmestudio eingerichtet. Ein normaler Arbeitsplatz. Nur eben mit Wasser unterm Kiel.

Auf dem Nachbarboot besucht Flussschiffer Uli Behm seine Freundin. Mit einem Vorurteil räumt er gleich auf: Feucht sei ein Hausboot nie, im Gegenteil. Durch den Wind, der immer auf dem Wasser weht, sei die Luft eher trocken. Die kleine Wohnung, die er noch an Land hatte, habe er jetzt auch aufgegeben.

Hat das Leben auf dem Wasser wirklich nur schöne Seiten? Einer wie Uli sagt der Landratte, was Sache ist: "Im Winter brauchst du schon ein paar Extra-Strümpfe, um keine kalten Füße zu bekommen." Und auch der Sommer hat seine Tücken: überall Spinnen, ein altes Hausbootproblem. Manche legen sich deshalb Geckos zu, die die Spinnen fangen. Gerade im Spätsommer, wenn die Abende kühl werden, krabbeln sie in Scharen heran. Der Morgen zeigt es: Die Scheiben sind regelrecht zugekackt. Der Hausboottraum bekommt leichte Risse.

Und wo wir schon dabei sind: "Irgendwo läuft immer Wasser rein", fügt Uli Behm hinzu. "Dann muss man erst mal alles rausreißen und schweißen." Ade romantische Vorstellung vom Hausbootleben. Trotzdem will er nie wieder anders wohnen.

Wer so viel Festlegung scheut, kann vorerst auf dem Wasser Probe wohnen und schlafen, zum Beispiel auf Rügen. Dort, im Lauterbacher Yachthafen, hat Betreiber Till Jaich, 32, zwölf Hausboote vertäut. Die schwimmenden Ferienhäuser sind fast immer ausgebucht - trotz Vogelgrippe auch in diesem Sommer. Dann kostet eine Übernachtung zwischen 115 und 140 Euro. Mit einem Handkarren schiebt man sein Gepäck über den Steg zu "Nixe" oder "Bachsaibling".

Sogar mitten in Berlin auf der Spree kann man Probeschaukeln - auf dem Hostelschiff von Edgar Schmidt von Groeling, 44 (die Übernachtung in der Koje kostet zwischen 14 und 58 Euro). Im Sommer dürfen Campingtouristen sogar ihre Zelte für zehn Euro auf dem Oberdeck aufschlagen.

Edgar, von Haus aus Architekt, hat kurz nach der Wende ein altes DDR-Kohlenschiff für 3000 Mark gekauft und selbst umgebaut. Sein privates Hausboot liegt am Berliner Tiergarten. Alles, was er über Schiffe weiß, hat er sich selbst beigebracht. Das Hotelschiff schleppte er von Wilhelmshaven auf die Spree. Für die Liegeerlaubnis hat er fünf Jahre lang gekämpft. Als er sie endlich in Händen hielt, wollte der Senat ihm den Wasseranschluss verweigern.

Viele, die nicht so hartnäckig sind wie Edgar, schmeißen entnervt hin, aufgerieben zwischen der Suche nach dem passenden Boot, einem Liegeplatz und der Finanzierung (ein Boot ist keine Immobilie, und Grund und Boden erwirbt man auch nicht). In Deutschland war es lange einfach nicht vorgesehen, auf dem Wasser zu leben.

Doch das ändert sich nun: Wer über genug Geld verfügt, kann im Berliner Osten an der Halbinsel Stralau ein "schlüsselfertiges" Hausboot kaufen (Kosten: ab etwa 400.000 Euro). Nach den Entwürfen des Architektenbüros Kurt + Baumhauer werden hier "Floating Homes" gebaut. Acht Liegeplätze mit Blick auf das ehemalige Rummelsburger Gefängnis, in dem am Ende noch Erich Honecker einsaß, warten darauf, in Besitz genommen zu werden. Neue Liegestellen für Hausboote entstehen auch in Bremerhaven, und in Hamburg soll es mit Wirkung des aktuellen Senatsbeschlusses an der Elbe und in den Seitenkanälen etwa 75 Liegeplätze geben. Der Senat legt allerdings Wert auf finanzkräftige Kunden. Die Architektenentwürfe lassen sich nicht für unter 350.000 Euro realisieren.

Mit diesen Käufern erwächst ein neuer Hausboot-Typ: Vielarbeiter, die am Wochenende entspannen, den Hemdkragen lockern, die nackten Füße im Wasser baumeln lassen wollen. Schimanskis sind das keine. Diese Kunden kaufen ein fertiges Boot, das an das städtische Wasser-, Kanal- und Stromnetz angeschlossen ist - eigene Zentralheizung in der Kellerwanne versteht sich. Aber auch diese Käufer haben einen Traum, wollen anders leben, wollen Ruhe finden.

Neue Kundschaft für Jan Peters: Da es nicht mehr so viele Lieger zu restaurieren gibt, steigt er ins Schiffsbaugeschäft ein: Für je knapp 300.000 Euro baut er fünf exklusive Hausboote, die im Flüsschen Bille im Stadtteil Hamm-Süd liegen werden.

Noch ist die Gegend hinter dem Deich karges Industriegebiet, aber bereits im nächsten Jahr können die ersten Bewohner hier ihren Milchkaffee an Deck genießen.

Elke Schulze / print