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Mainhattan: Blendende Aussicht bei guten Geschäften

Wie wohnt eigentlich das Geld? Wie ist es eingerichtet? Zum Beispiel im Frankfurter Bankenviertel. Dominieren Glas und Stahl - oder eher Stuck und Marmor? Ein Besuch bei den Ackermännern dieses Landes.

Von Stefan Schmitz und Ulrich Mattner

Es ist ein wenig wie bei den Gegenüberstellungen im "Tatort". Wer in den Vorstandstrakt der Deutsche-Bank-Zentrale in Frankfurt vordringen will, muss eine Glaswand passieren, deren Außenseite verspiegelt ist, während von drinnen das Personal freien Blick hat. Transparenz gibt es hier nur in eine Richtung - die Banker schauen den Besuchern ins Gesicht und auf die Schuhe, sie prüfen, wer hineindarf und wer nicht. Wer draußen ist, sieht nur glitzernde Fassade. Dahinter wohnt das Geld. Bei der Deutschen Bank wie bei der Dresdner oder der Commerzbank. Eingerichtet hat es sich in der Frankfurter City ganz nach dem Geschmack seiner Herren. Mal plüschig, mal modern, meist edel und immer vor neugierigen Blicken geschützt.

Den Fotografen Ulrich Mattner und Stephan Morgenstern ist es gelungen, hinter die Mauern des zweitgrößten europäischen Finanzplatzes zu schauen. Ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben des Kulturamtes der Stadt arbeiteten sie sich immer weiter vor in das Innenleben des Kapitalismus. Sie zeigten den Türstehern der Branche ihre schönen Bilder aus dem Allerheiligsten der Konkurrenz und baten um Einlass - bis sie schließlich fast überall gewesen waren. In den Gärten der Commerzbank, wo Oliven blühen. In den Fluren des Bankhauses Metzler, wo die Silberlöffelchen in den Teetassen klirren. Im Büro des Frankfurt-Chefs von McKinsey, dessen Glaubensbekenntnis über dem roten Designersofa hängt: "Dollar - we trust". Selbst beim Lieblingszahnarzt der Szene flimmern die Kurse in Echtzeit über den Monitor, während der Bohrer in der Backe steckt.

Es geht um Geld. Aber auch um Erfolg, um Kampf, um das Bessersein als die anderen. Die Frankfurter City ist kein Disneyland und kein Kuschelzoo; es ist verdammt ernst und dabei überaus fotogen.

Wie eine Kathedrale wirkt die Empfangshalle der Commerzbank. Unendlich hoch, mit Frauen hinter dem Tresen, denen niemand begegnen mag, dessen Souveränität schon angesichts essgestörter Parfümfachverkäuferinnen schwindet. In den Handelsräumen, wo bestverdienende Männer wie Legehennen gehalten werden, finden sich zwischen lauter Kurskurven und Zahlenkolonnen winzige Hinweise auf das normale Leben. Ein Bild des Babys, ein Talisman, ein Hund als Bildschirmschoner. Selbst die Söldner der Märkte brauchen ein wenig Wärme, um kampfbereit zu bleiben. Zwischendurch, wenn die Kurse in die richtige Richtung gehen, lassen sie es krachen. Wo viel Druck im Kessel ist, muss eben ab und zu ein Ventil aufgehen.

Auch das zeigen Mattner und Morgenstern: Im "Euro-Deli" tanzen halbnackte Frauen auf Tischen, hinter denen Jungs hervorlugen, die so tun, als ob Geld ausgeben ebenso spaßig sei wie Geld verdienen. Im Weinkeller des Radisson türmen sich die Flaschen dem Himmel entgegen; hoch über der Stadt planschen zwei Mädchen in einer Badewanne, die man auch als Pool vermarkten könnte. Und die Herren, die in der Vorstandsetage der Commerzbank ihr Wasser abschlagen, richten Blick und Strahl in Richtung der tiefer liegenden Büros der Konkurrenz.

Alfred Herrhausen, der 1989 ermordete Chef der Deutschen Bank, sagte: "Wir brauchen Glasnost für den Kapitalismus - auch und gerade für den Kapitalismus." Also Offenheit und Informationsfreiheit, offene Türen statt Sichtbarrieren. Wie es scheint, sind seine Nachfolger in den Frankfurter Banken dazu bereit. Wohl auch, weil sie viel Geld ausgeben, um Kunst und Kultur zu fördern und ihre Bauten damit zu schmücken. Die Deutsche Bank gilt als größter Kunstsammler unter den Konzernen. Sie unterhält eine "Artothek", in der sich die Kollegen etwas Schönes fürs Büro aussuchen können. Auf den Gängen der Dresdner begegnen die Auserwählten, die zu den Büros der Bosse vorgelassen werden, dem schmalen Metallmännchen des Großbildhauers Alberto Giacometti. Architektur und Kunst fließen ineinander. Mattner und Morgenstern bereisten eine Welt, in der Geld keine Rolle zu spielen scheint und doch das Gegenteil davon wahr ist.

Als erster wirklich großer Geldtempel am Main stand das Aluminiumhochhaus der Dresdner. Es zelebriere, sagen die Hausherren, das Ideal des "Hauses als Maschine". Das ist es: Die Gebäude auf den Bildern sind Maschinen der Geldindustrie. Die Menschen darin Maschinisten des Geschäfts. Mattner und Morgenstern geben ihnen ein Gesicht: der Küchenfrau ebenso wie den großen Strategen, die scheinbar entspannt die Welt jenseits der Glitzerfassaden verändern.

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