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Mehr-Generationen-WG: "Ein Netz über die ganze Stadt"

Wie funktioniert eine Mehr-Generationen-WG, wer sollte einziehen, und worauf muss ich achten?

Theresia Brechmann ist Gründungsmitglied der Mehr-Generationen-WG in der Bielefelder Huchzermeierstraße. 1981 übernahmen Mitglieder eines ambulanten Pflegedienstes ein besetztes Haus, um mit einer alten Dame, die nicht ins Heim wollte, einzuziehen.

Frau Brechmann, Ihre Wohngemeinschaft gilt als älteste Mehr-Generationen-WG Deutschlands. Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für die Haltbarkeit einer WG mit Senioren?

Dass es professionelle Betreuung von außen gibt. Gesunde Bewohner müssen sich nicht um die Schwachen kümmern, sondern sie können es. Aber der Pflegedienst darf nicht Träger des Projekts sein. Die Bewohner müssen Mieter oder Eigentümer des Hauses oder der Wohnung sein, und die Pfleger sind Gäste, die sich um ihre Kunden kümmern. Auch Vielfalt ist wichtig: am besten mehrere Generationen zusammen. Bei reinen Senioren-WGs sollten die Bewohner nicht ausschließlich schwer pflegebedürftig sein. Nur wenn auch Fittere dabei sind, können Missstände benannt werden. Deshalb halte ich nichts von sogenannten Demenz-WGs, in denen sich Pflegedienste ein paar Demente halten, von denen keiner mehr etwas sagen kann.

Viele Menschen, die in die Rente gehen, verstehen unter einer Senioren-WG eher, dass sie mit Freunden in ein gemeinsames Haus ziehen, in dem jede Partei ihre eigene Wohnung hat, und wenn es jemandem schlecht geht, kümmern sich die Freunde im Haus um ihn.

Dieses Modell mag nett sein für die Zeit des rüstigen Rentenalters, aber wer einen Ort und eine Gemeinschaft für den Rest seines Lebens sucht, muss weiter denken. Denn bei dieser WG-Form gibt es ein Risiko: Sobald einer oder zwei Bewohner zu richtigen Pflegefällen werden, bricht das Ganze oft ein, weil die Mitbewohner trotz guter Vorsätze überfordert sind, zumal sie ja gleich alt sind. Dann holt man erst ambulante Pfleger dazu, aber wenn Hausbesuche nicht mehr reichen, müssen die Kranken doch ausziehen, weil anders als in unseren WGs für eine permanente Pflege weder Raum noch Geld da sind.

In eine Senioren-WG passen höchstens ein Dutzend Leute. Wie können sie Modell für die Gesellschaft sein, wo es um Millionen Menschen geht?

Nehmen Sie Bielefeld: Mittlerweile gibt es allein in unserem Ortsteil Schildesche sechs WGs mit Pflege. Sie sind offen, bei allen besteht ein reger Kontakt zur Nachbarschaft. Wenn einer im Viertel alt wird, kann er von dort aus betreut werden. Und selbst wenn jemand aus seiner Wohnung ziehen muss, weiß er, wohin: Gleich um die Ecke ist eine Einrichtung, die kenne ich, die kennen mich, und ich bleibe in meiner vertrauten Umgebung. Es ist ein Netz, das man über eine ganze Stadt spannen kann.

Ist das Modell für Großstädte nicht utopisch?

Keineswegs. Hier in Bielefeld wurde zum Beispiel in einem Hochhaus eine Wohnung freigeräumt. In der befindet sich jetzt ein Pflegedienst. Die alten Bewohner des Hauses können von dort aus versorgt werden. Das funktioniert in jeder anderen Stadt auch.

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