Bildung Handwerker an die Uni


Bis zum Jahr 2020 fehlen in Deutschland 2,4 Millionen Facharbeiter und Akademiker. Dadurch entgehen der Wirtschaft 1,2 Billionen Euro - eine Zahl mit elf Nullen. Eine neue Studie schlägt nun eine "Bildungsteilzeit" vor. Der Staat soll durch einen steuerfreien Zuschlag ein Studium für drei Jahre subventionieren.
Von Catrin Boldebuck

Erstmals analysieren Pädagogen und Ökonomen gemeinsam, was in der Bildung schief läuft. Ihr Fazit: Es ist fünf vor zwölf. Deutschland braucht einen pädagogischen Kurswechsel. Kein Kind darf mehr verloren gehen. In einer aktuellen Studie schlagen sie deshalb ein ganzes Bündel von Maßnahmen vor: vom Ausbau der Kitas über die Einführung verpflichtender Ganztagsschulen und individueller Förderung bis hin zu Verbesserungen im Studium. Doch bessere Bildung gibt es nicht umsonst. Bis 2020 müssten rund 500 Milliarden investiert werden, rechnen die Ökonomen vor.

Zur Finanzierung dieser Summe schlagen die Bosch-Stiftung, in deren Auftrag die Studie erstellt wurde, und McKinsey einen "Bildungs-Soli" vor, der auf die Einkommens- und Körperschaftssteuer erhoben werden soll. In der Studie heißt es: "Denn die Aufgabe, die vor uns liegt, ist keineswegs geringer als beim Aufbau-Ost: mit weniger Erwerbstätigen mehr Wachstum schaffen, um auch künftig unser Wohlstandsniveau zu halten und für einen ausgleichenden Sozialstaat zu sorgen."

Kurzfristige Maßnahme: eine gezielte Einwanderungspolitik

Aber die Fachkräftelücke lasse sich nicht allein durch die Steigerung der Abiturientenquote schließen, warnen die Experten. Als kurzfristige Maßnahmen schlagen sie eine gezielte Einwanderungspolitik vor. Außerdem sollen auch der Handwerksmeister, Techniker und der Facharbeiter studieren. Besonders groß ist die Fachkräftelücke bei den IT-, Natur- und Ingenieurwissenschaften. Hier gibt es viele hoch qualifizierte Ausbildungen in der Wirtschaft, zum Beispiel die zum Fachinformatiker oder Industrieelektriker, die eine Grundlage für ein Studium bieten könnten.

Die Hürden, zu studieren, sind groß

Doch Facharbeiter machen bisher einen weiten Bogen um den Campus. Nur ein Prozent der knapp zwei Millionen Studenten sind "beruflich Qualifizierte" ohne Abitur. Denn die Hürden, die Berufstätige überwinden müssen, um an eine Universität oder Fachhochschule zu gehen, sind enorm groß:

1. Ein Studium kostet: rund 67.000 Euro für drei Jahre. Dass sich ein Studium langfristig durch ein höheres Gehalt auszahlt und vor Arbeitslosigkeit besser schützt als eine Ausbildung, übersehen viele Berufstätige.

2. Beruf und Studium lassen sich schlecht vereinbaren.

3. Qualifikationen aus dem Job werden im Studium kaum angerechnet. Die Berufstätigen müssen trotz teilweise langjähriger Erfahrung wieder bei Null anfangen und sitzen zusammen mit sehr viel Jüngeren im Hörsaal.

4. Viele Facharbeiter haben Hemmungen zu studieren. Sie haben sich bewusst für etwas "Praktisches" entschieden, gegen die Theorie eines Universitätsstudiums. Außerdem ist die Zulassung von beruflich Qualifizierten an die Hochschulen kompliziert. Denn den Zugang regelt jedes Bundesland unterschiedlich. Viele Berufstätige wissen offenbar noch nicht einmal, dass es überhaupt möglich ist, ohne Abitur zu studieren.

Der Staat soll das Studium drei Jahre subventionieren

Das muss sich ändern, fordern McKinsey und die Bosch-Stiftung. Zur Finanzierung des Studiums schlagen die Unternehmensberater eine "Bildungsteilzeit" vor. Die soll der Staat durch einen steuerfreien Zuschlag von 20 Prozent des Bruttogehalts für drei Jahre subventionieren. Zusätzlich empfehlen die Ökonomen ein "Facharbeiter-Bafög" und einen speziellen "Bildungsfonds". Vor allem Unternehmen sollen in den Fonds einzahlen. Schließlich profitieren sie von der Maßnahme: Wenn acht Prozent der Facharbeiter, die heute jünger als 35 sind, drei Jahre studieren würden, dann wären bis zum Jahr 2020 zusätzlich 600.000 Akademiker gewonnen. Fachleute, die Deutschlands Wirtschaftsmotor so dringend braucht.


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