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Sabbatical: Die Auszeit nützt der Karriere

Für viele Arbeitnehmer bleibt eine längere Auszeit vom Job ein Traum. Angst vor einem Karriereknick hält sie davon ab. Im stern.de-Interview erklärt Sozialwissenschaftlerin Barbara Siemers, warum ein Sabbatical der Karriere eher nützt als schadet.

Eine zeitlich begrenzte Pause vom Job kann der Karriere durchaus förderlich sein

Eine zeitlich begrenzte Pause vom Job kann der Karriere durchaus förderlich sein

Frau Siemers, laut einer Forsa-Umfrage für den stern träumen 38 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer von einem Sabbatical und würden dafür sogar auf Gehalt verzichten. Überrascht Sie dieser Wert?

Überhaupt nicht. Es gibt in unserer Gesellschaft schon lange diese Sehnsucht nach einer Auszeit, das haben bereits frühere Umfragen belegt. Das hängt mit dem zunehmenden Zeitdruck in unserer Arbeitswelt zusammen. Arbeitnehmer müssen heute in kürzerer Zeit viel mehr leisten. Daher der Wunsch, diesem Stress länger zu entfliehen. Um diesem Druck stand zu halten, brauchen wir langfristige Erholungsphasen und nicht nur kurzfristige Erlebnisse wie einen Urlaub. Bemerkenswert finde ich allerdings, dass so viele Menschen bereit wären, finanzielle Nachteile in Kauf zu nehmen. Das zeugt von der Stärke dieses Bedürfnisses.

Wie kommt es dann, dass nur so wenige Arbeitnehmer ihren Wunsch tatsächlich umsetzen?

Es ist statistisch unmöglich nachzuweisen, wie viele Menschen tatsächlich ein Sabbatical nehmen, aber Schätzungen gehen von gerade mal drei Prozent aus. Das hängt natürlich immer davon ab, inwieweit ein Arbeitgeber Angebote schafft, die den Angestellten eine Auszeit ermöglichen, da spielt auch die wirtschaftliche Situation eines Unternehmens eine große Rolle. Andererseits gibt es auch unter den Arbeitnehmern einige Faktoren, die sie hindern. Die Angst vor beruflichen Nachteilen, die Sorgen, der Vorgesetzte könnte einen für unmotiviert halten und nicht zuletzt die Frage, wie Kollegen reagieren, die Familie, Freunde.

Ist eine Auszeit also immer noch mit Mut verbunden?

Absolut. In Deutschland hat sich das Sabbatical noch längst nicht so durchgesetzt wie in anderen Ländern. Das ist sicher auch eine Mentalitätsfrage. Noch wird eine Auszeit eher als Einzelphänomen wahrgenommen, als große Besonderheit. Hinzu kommt, dass man sich im Sabbatical auf etwas Unbekanntes einlassen muss, auch auf Leben jenseits der Strukturen, an die man sich Jahre lang gewöhnt hat. Das ist für viele bestimmt nicht einfach.

In Ihrer Doktorarbeit weisen sie explizit darauf hin, dass der Ausstieg auf Zeit nicht nur mit dem schönen Leben unter Palmen zu tun hat. Sie zerstören einen Mythos!

Regeneration spielt natürlich eine wichtige Rolle bei den Motiven, aber diese Aspekte von Selbstverwirklichung und Abenteuerlust sind in der Tat eher nachrangig. Oft ist das Sabbatical ein Reflex auf persönliche Notsituationen. Kinder müssen betreut werden, ältere oder kranke Verwandte gepflegt. Da reagieren Sabbaticalnehmer letztlich auf strukturelle Lücken. Viele nehmen auch eine Auszeit, um sich weiterzubilden - sei es, um eine Sprache zu lernen, die Meisterschule zu besuchen oder zu promovieren. Wer bleibt denn noch 20 Jahre lang in seinem Ausbildungsberuf? Die Berufswelt verlangt heute nach lebenslangem Lernen. Und wenn man dafür das Sabbatical nutzt, wird eine Auszeit regelrecht zur Powerzeit.

Ist in dem Zusammenhang nicht sehr erstaunlich, dass immer noch so wenige Betriebe ihren Angestellten die Möglichkeit zum Ausstieg geben? Sie profitieren doch davon.

Natürlich. Die Angestellten bekommen die Möglichkeit, Zeit für sich selbst zu gewinnen, die Firma erhält ausgeruhte, motivierte Mitarbeiter zurück, die sich mindestens menschlich, meist aber auch fachlich weiter entwickelt haben. Und viele Sabbaticalnehmer machen nach ihrer Rückkehr in den Job erst recht Karriere. Großunternehmen wie zum Beispiel BMW haben das auch schon sehr früh erkannt und fördern entsprechende Programme. Sie dürfen auch nicht vergessen, dass der Wettbewerb um Fachkräfte ebenfalls immer härter wird, und da sind Softfaktoren wie Betriebskindergärten oder flexible Arbeitszeiten ganz entscheidende Kriterien bei der Rekrutierung von Spitzenleuten. Man muss ihnen die Gelegenheit bieten, Beruf und Privatleben in Balance zu bringen. Deshalb ist das Sabbatical auch eine klassische Win-Win-Situation.

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