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Interview

Fleischfabrik: "Tönnies muss dafür die Verantwortung übernehmen" – Grünen-Abgeordnete stellt Strafanzeige

Nach dem Corona-Ausbruch bei Tönnies entwickeln sich Schlachtbetriebe immer mehr zu Infektions-Brennpunkten. Die Bielefelder Grünen-Politikerin Britta Haßelmann hat jetzt Strafanzeige gegen den Fleischverarbeiter gestellt. Im Interview mit dem stern erklärt sie die Gründe.

Grünenpolitikerin Britta Haßelmann neben einem Firmenlogo der Firma Tönnies

Britta Haßelmann, Grünen-Politikerin aus Bielefeld und parlamentarische Geschäftsführerin ihrer Bundestagsfraktion, hat Strafanzeige gegen den Fleischkonzern Tönnies gestellt.

Der massive Corona-Ausbruch in Deutschlands größtem Schlachtbetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück facht die Debatte um Billigfleisch und die Arbeitsbedingungen in der Branche weiter an (lesen Sie hier mehr dazu). Fünf Strafanzeigen sind bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld eingegangen – darunter auch die von Britta Haßelmann. 

Die Erste Parlamentarische Geschäftsführerin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen kritisiert im Gespräch mit dem stern "die miserable Unterbringung vieler Beschäftigter und schlechte hygienische Bedingungen". Sie fordert: "Es braucht hier dringend umfassende Aufklärung."

Haßelmann nach Corona-Ausbruch bei Tönnies: "Es handelt sich um ein grundlegendes Problem"

Frau Haßelmann, Sie haben Strafanzeige gegen die Firma Tönnies gestellt, nachdem dort eine große Zahl von Mitarbeitern positiv auf das Coronavirus getestet worden ist. Welches Vergehen werfen Sie der Familie Tönnies und der Konzernleitung vor und was versprechen Sie sich von einer Anzeige?

Britta Haßelmann: Ich habe Strafanzeige gegen die Tönnies-Werke eingereicht wegen des Tatbestandes der Körperverletzung und aller weiteren in Betracht kommender Delikte. Es braucht hier dringend umfassende Aufklärung, wie es zu diesem Ausmaß an infizierten Beschäftigten kommen konnte. Jetzt ist es an der Staatsanwaltschaft.

Dass die Firma Tönnies im Kreis Gütersloh eine große Zahl von Leiharbeitern beschäftigt, ist seit vielen Jahren bekannt. Was wissen Sie über die Unterbringung dieser Menschen und ihre Arbeitsbedingungen?

Die Tönnies-Werke in Rheda-Wiedenbrück sind kein Einzelfall. Es handelt sich um ein grundlegendes Problem. Denn die miserable Unterbringung vieler Beschäftigter und schlechte hygienische Bedingungen sind seit längerem bekannt und stellen nun ein enormes Infektionsrisiko dar. Gewerkschaften vor Ort haben schon bei den ersten Testungen vor Wochen unzureichende Hygienepläne kritisiert, weil die Abstandsgebote nicht einzuhalten seien.

Welche Bedeutung messen Sie der Firma Tönnies und ihrer Rolle als großer Arbeitgeber für die Region bei?

Die Firma Tönnies zählt zu den größten Schlachtbetrieben Deutschlands. Daraus leitet sich auch eine besondere Verantwortung des Unternehmens für seine Beschäftigten und die Menschen in der Region ab. An den Folgen dieses massiven Corona-Ausbruchs leiden nun die vielen infizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Menschen vor Ort, die jetzt mit hohem Infektionsrisiko und massiven Einschränkungen leben müssen. Vor allem für Eltern und Kinder ist die erneute Schließung der Schulen und Kitas im Landkreis eine enorme Belastung. Die Firma Tönnies muss dafür Verantwortung übernehmen.

Warum wurde nicht schon vor der Coronakrise an einer Verbesserung der Angestellten in der Fleischindustrie gearbeitet? Sehen Sie hier ein Versäumnis der Politik?

Die Fleischproduktion ist auf diese Pandemie nicht vorbereitet. Beim Schutz von Beschäftigen der Fleischindustrie muss jetzt die Union endlich in die Gänge kommen. Die angekündigten gesetzlichen Regelungen müssen umgehend im Parlament behandelt werden. Wir brauchen dringend einen besseren Schutz der Beschäftigten, dazu zählen bessere Wohnbedingungen, effektive Hygienemaßnahmen und flächendeckende Kontrollen. Wichtig ist uns, dass Fleischkonzerne die Verantwortung nicht auf Subunternehmen abwälzen können. Es braucht eine Generalunternehmerhaftung.

Geleaktes Video aus Tönnies-Fleischfabrik

Welche Lehren ziehen Sie als Politikerin aus den gehäuften Fällen von Corona-Hotspots in Fleischverarbeitenden Firmen in NRW?

Nicht nur in Nordrhein-Westfalen haben die schlechten Arbeitsbedingungen zu Corona-Hotspots geführt. Wir brauchen dringend gesetzliche Regelungen für den besseren Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es darf nicht zu weiteren massenhaften Ausbrüchen in Großbetrieben kommen, bei denen die Beschäftigten den Preis für schlechte Arbeitsbedingungen zahlen. Betriebe, die von akuten Infektionswellen betroffen sind, müssen die Gesundheit der Beschäftigten und der Menschen im Landkreis an oberste Stelle setzen.