Absturz nach dem Absturz Bekenntnisse einer Bankerin


Eine 24-jährige arbeitslose Bankerin stellt das Tagebuch ihres Lotterlebens ins Internet und löst damit eine Debatte an der Wall Street aus. Die Branche fürchtet um ihren Ruf – der eh schon ruiniert ist.
Von Sebastian Bräuer

Schon der erste Tagebucheintrag ist ein Affront gegen all jene Menschen, die jeden Morgen zur Arbeit gehen müssen. "Ich wache auf und merke, dass es erst Mittag ist", schreibt die 24-Jährige New Yorkerin. Übers Internet bestellt sie etwas zu essen. "Es ist einfach zu regnerisch, um die Wohnung zu verlassen. Seit ich entlassen bin (okay, das ist schon sechs Monate her), ist das Leben ein Zyklus aus Trinken, Jungs, Herumhängen." An der Wall Street ist eine Debatte über das Lotterleben der jungen Frau ausgebrochen: Bei welchem Institut arbeitete die ehemalige Bankerin, bevor sie derart abstürzte?

"Wir danken Gott für die Arbeitslosenversicherung"

Seit sie anonym Auszüge aus ihrem Tagebuch im "New Yorker" veröffentlicht hat, wird wild spekuliert. "Ich bin mir sicher, dass diese Schlampe bei Barclays war", heißt es in einem von Hunderten Kommentaren, den das Tagebuch auf der Webseite des Magazins provoziert hat. Der Leser gibt sogar vor, die Ex-Bankerin zu kennen: "Sie ist in Wirklichkeit noch schlimmer als in dem Beitrag." Ein anderer Kommentator widerspricht vehement und nimmt Barclays in Schutz: "Sie hat für die Schweizer Steuersünder gearbeitet." Er meint offensichtlich die UBS. Es wirkt wie ein verzweifelter Versuch, wenigstens die Ursache des Absturzes anderen zuzuschieben: Wenigstens war sie nicht bei einer US-Bank.

Die Ex-Bankerin verschweigt den Namen ihres ehemaligen Arbeitgebers. Vielleicht hat aber auch das Magazin den Namen gestrichen, um sie vor sich selbst zu schützen. Denn Skrupel hat die junge Frau wenig. Und sie macht auch keine Anstalten, sich eine neue Aufgabe zu suchen. "Wir danken Gott für die Arbeitslosenversicherung, weil sie uns ermöglicht, ohne Einkommen in unseren teuren Luxusapartments zu leben", berichtet sie freimütig nach dem feuchtfröhlichen Treffen mit einer Freundin. Wobei das nur ein Teil der Wahrheit ist.

Ex-Bankerinnen strippen für den Unterhalt

Die junge Frau verabredet sich mehrfach in der Woche zu Dates, ohne wirklich an einer Romanze interessiert zu sein. Das liest sich dann so: "Dinner mit einem meiner alten Männer. Ich date momentan einige von ihnen, um meinen Manhattan-Speiseplan zu finanzieren. Habe mir zwar geschworen, eine Diät einzuhalten, aber während eines fabelhaften kostenlosen Dinners bei DelPosto gilt das nicht. Murmele nach dem Dinner eine Entschuldigung, mich nicht gut zu fühlen und früh ins Bett gehen zu wollen." Es folgt wie beinahe jeden Abend eine Partynacht, die mit dem obligatorischen Totalabsturz in der Wohnung eines Unbekannten endet. "Ich glaube, wir sind zusammen im Bett gelandet, aber die Nacht ist verschwommen."

Selbstbekenntnisse dieser Art haben dem Finanzsektor gerade noch gefehlt: Die Kernschmelze des vergangenen Jahres hatte in der US-Bevölkerung eine Welle des Zorns ausgelöst. Als die Wut auf die Mitglieder der Branche gerade am Abklingen war, lieferten einige Wall-Street-Banken neuen Zündstoff: Sie meldeten Milliardengewinne und versprachen Boni, als habe es nie eine Krise gegeben. Doch zumindest hatte New York bisher Mitleid mit den Arbeitslosen. Mehr als 50.000 Mitarbeiter hatte allein der einstige Branchenführer Citigroup vor die Tür gesetzt, bei anderen Häusern waren die Kahlschläge kaum weniger radikal. Es gab Berichte von Ex-Bankerinnen, die sich mit Kochkursen oder gar mit Striptease-Einlagen in Nachtklubs über Wasser halten.

Der feine Unterschied zwischen Nüchernheit und Blackout

Psychologen berichteten von einem Ansturm verzweifelter Finanzprofis ohne Beschäftigung, die sich ihres Lebenssinns beraubt fühlten. Und jetzt das: Eine Ex-Bankerin, die sich darüber lustig macht, dass sich andere immer noch abrackern. Der Fachblog "Dealbreaker" fleht die Banken der Stadt geradezu an, sie wieder einzustellen und ihren Absturz zu stoppen: "Die Freundin lebt vom Steuerzahler und könnte eine neue Beschäftigung brauchen."

Ein Bewerbungsschreiben ist das Tagebuch allerdings nicht gerade. Nach einem weiteren Filmriss schreibt die Frau: "Man sollte meinen, dass eine 24-Jährige den feinen Unterschied zwischen Nüchternheit und Blackout kennt, aber ich habe ihn noch nicht herausgefunden." Beim Thema Networking macht ihr allerdings niemand etwas vor. Bei der Party auf einer Jacht stellt sie das überzeugend unter Beweis. "Wir bekommen Champagner von einem Mann, von dem ich annehme, dass ihm das Boot gehört. Also folgt schamloses Flirten, um weitere Einladungen zu sichern. Ich speichere ihn in meinem Telefon unter Imonaboat, weil ich seinen Namen immer vergesse."

Das Leben als Dauerparty - viele dürften davon träumen, mit der Frau zu tauschen. In einem der wenigen nachdenklichen Tagebuchpassagen offenbart sie jedoch, alles andere als zufrieden zu sein. "Ich sehe ein hübsches Pärchen beim Händchenhalten und könnte kotzen. Ich war auch mal so romantisch, aber New York hat mich im Alter von 24 Jahren bitter und abgestumpft gemacht."

FTD

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