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Alternative Noa-Bank am Ende: Theatralischer Abgang der Noa Bank

Diese Bank wollte anders sein. Eine Bank, die nicht spekuliert. Die transparent ist und moralisch. Die Aufsicht hat der Inszenierung ein Ende gesetzt

Von Rolf Lebert und Jonas Hetzer

Natürlich wollte er das letzte Wort haben: Er habe sich entschlossen, schreibt er, die Bankenaufsicht seine Bank schließen zu lassen. Ein letztes, verzweifeltes Ätsch: Minuten bevor die BaFin das Ende seiner Noa Bank verkünden wollte, tat François Jozic es selbst. Ein letztes Mal konnte er sich als Handelnder präsentieren, konnte er austeilen. Gegen das Böse. Die dunklen Mächte. "Jozic hat den Abgang mit lautem Knall gesucht", sagt einer, der ihn gut kennt.

"Das gesamte Finanzsystem ist selbstorganisiert, um unbeweglich zu sein", schrieb Jozic am Mittwochabend etwas kryptisch in seinem Blog. "Ich habe versucht, es zu ändern, aber ich bin gescheitert." Und weiter: "Ich dachte, es wäre David gegen Goliath. Letzten Endes ist es einfach nur Josef K." Eine Anspielung auf den Helden in Kafkas "Prozess" - ein Mann, der verhaftet wird, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein.

Zu schön, um wahr zu sein

Nun weiß keiner, ob Jozic eines Tages verhaftet wird. Sicher ist aber, dass er im Gegensatz zu Josef K. allen Grund hätte, sich schuldig zu fühlen. Er hat Bankengeschichte geschrieben: als jemand, der mit einer scheinbar guten Idee viel Unheil gestiftet hat. Von Anfang an war seine Idee zu schön, um wahr zu sein. Im November 2009 empfängt der Belgier, damals 36 Jahre alt, Journalisten zu Einzelgesprächen in der Bibliothek eines Luxushotels. Er trägt ein offenes Hemd, eine übergroße Brille, ein Gründertyp - Bankgründer. Kein Banker. Die Unterscheidung ist nicht unwichtig. Wäre er Banker, es wäre wohl einiges anders gelaufen. Jozic verkündet an diesem Tag, dass es von nun an eine Bank gebe, die Lehren aus der Finanzkrise gezogen hat, die Noa Bank - Noa, wie Noah mit der Arche. Eine Bank ohne Gier, mit Moral, eine Bank der Mitbestimmung. Die Botschaft: Wir sind nicht wie Lehman. Wir spekulieren nicht. Wir lassen die Kunden bestimmen, was mit ihren Einlagen geschehen soll. Kultur, Planet, Leben, Region heißen die Bereiche. Es soll eine Bank sein, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.

Die Botschaft trifft einen Nerv. Jozic wird mit dieser Idee über 200 Millionen Euro einsammeln. Es wären weniger gewesen, hätten alle Kunden gewusst, welche Vergangenheit Jozic hat, dass er nicht immer Turnschuhe und offenen Kragen getragen hat. Wenige Jahre zuvor sah er noch aus wie die Banker, die er nun bekämpfen will: Dreiteiler, Krawatte, dezente Brille. Damals war er noch in der Verantwortung bei zwei Firmen mit zweifelhaften Ruf: Targas und Quorum.

Die dunkle Vergangenheit eines Gut-Bankers

Die Düsseldorfer Firma Targas war Vermittler beim Kauf und Verkauf kleiner Firmen. Kunden klagten über Drückerkolonnen und hohe Vorauszahlungen. Jozic musste einräumen, dass die Firma sich Methoden bediente, "die nicht akzeptabel waren". Er trat als Aufsichtsratschef zurück.

Quorum hatte er zusammen mit seinem Kompagnon Frédéric Lodewyk gegründet, der auch die Mehrheit an der Noa Bank hält. Quorum ist eine sogenannte Factoring-Firma: Sie kauft Unternehmen Forderungen, also Risiko, ab. In der Branche lästern Konkurrenten, es habe keine Factoring-Firma gegeben, über die es mehr Beschwerden gab. Auch hier ist von Drückerkolonnen und überhöhten Gebühren die Rede. Davon, dass Quorum beim Kassieren fix, beim Bezahlen langsam war. Das, so der Vorwurf, habe Kunden in die Insolvenz getrieben. Jozic dementierte dies stets: Quorum habe sich korrekt verhalten. Allein die Zusammenarbeit mit einigen freiberuflichen Verkäufern sei ein Fehler gewesen. Sie hätten Versprechungen gemacht, die die Firma nicht halten konnte. Deswegen habe man die Zusammenarbeit beendet.

Dass Quorum keinen guten Ruf genießt und nicht dem Factoring-Verband angehört, wird eine wichtige Rolle in dem Stück spielen, das ein Dreivierteljahr später zum Ende der Noa Bank führt. Ein Stück, das aus Jozics Sicht ein Drama Shakespeare'schen Ausmaßes ist, über weite Strecken aber eher an eine Schmierenkomödie erinnert.

Schon an jenem Novembertag 2009 drängen sich Fragen auf, auf die Jozic ausweichende Antworten gibt. Es fängt an mit der merkwürdigen Historie der neuen Bank, die aus dem Bankhaus Zwirn hervorgeht, das wiederum ursprünglich von Liechtensteiner Bankern als LGT Bank gegründet worden war. Später landete die Bank bei der Investmentfirma Invesco, wo sie als inaktiver Firmenmantel auf ihre Wiedererweckung wartete. Auf Jozic. Dann ist da das entscheidende Thema Sicherheit: "Wie jede Bank muss auch die Noa Bank neben der gesetzlich geforderten Kapitalausstattung ihren Kunden Sicherheit in der Tagesarbeit garantieren", sagt Jozic. Die 5,6 Millionen Euro Eigenmittel der Noa aber sichern gerade mal 70 Millionen Euro ab. Und dann? "Das ist nur das Startkapital", sagt Jozic. Zu Jahresbeginn solle das Kapital auf 15 Millionen Euro steigen. Das wird nicht geschehen.

Offenkundig wusste niemand bei der Noa-Bank, wie das Bankengeschäft funktioniert. Lesen Sie mehr auf der nächsten Seite.

Wie Jozic in der Not seine Kunden verriet

Nächste Frage: das Geschäftsmodell. Wer Kredite nach Gusto der Kunden erteilt, muss sich beschränken. Wer aber nicht genug Kredite vergibt, kann die Zinsen auf die Einlagen nicht bezahlen. Was also mache er, wenn die Kreditvergabe mit der Einlagenentwicklung nicht Schritt hält? "Dann werden wir die überschüssige Liquidität risikofrei und neutral bei der Bundesbank anlegen." Dafür gibt es aber nur 0,75 Prozent Zinsen. Keine Bank kann überleben, wenn sie Kunden gleichzeitig für Tagesgelder 3,5 Prozent zahlt, wie es die Noa Bank zeitweilig getan hat.

Der Erfolg des Marketings wird sich als Fluch erweisen. Zu viele Leute legen ihr Geld an, es sind 140 Millionen Euro mehr Einlagen in der Bank, als sie Kredite vergeben hat. Was tun? Jozic verrät in seiner Not sein Geschäftsmodell und seine Kunden. Um eine Zahlungsunfähigkeit abzuwenden, muss er schon nach wenigen Monaten Geld im Markt platzieren. Er tut, was alle Banken tun. Vorbei ist es mit Ethik und Moral. Vorbei mit der Idee einer Hilfe für Projekte und Firmen, die für das Gute in der Wirtschaft stehen. So macht Jozic kein einziges Kreditgeschäft im Bereich Kultur - obwohl Investoren der Bank extra dafür über 10 Millionen Euro zur Verfügung gestellt haben.

Weil die Kreditkunden ausbleiben, vollzieht Jozic einen weiteren fatalen Schritt: Er gliedert Quorum in die Noa Bank ein. Die Branche merkt auf. Factoring-Firmen brauchen Banken, die sie mit Geld versorgen. Hat Jozic die Bank nur gegründet, weil er sich die Geldquelle sichern wollte? Jozic weist das entschieden zurück.

Kritiker haben ihn von Anfang an genervt. Er schreibt einen Blog, verlinkt ihn mit dem Internetauftritt der Bank und legt sich dort mit jedem an, der an seinem Konzept zweifelt. Das Geschäft von Noa Factoring passe zum Anspruch der Noa Bank, schreibt er, kleine und mittlere Firmen aus der Region zu unterstützen. 26 Millionen Euro sollen an Krediten an Quorum geflossen sein. "Jozic ist ein hochemotionaler Mensch", sagt ein Insider. "Die völlig normale und im Rahmen des Üblichen verlaufene BaFin-Prüfung hat er als persönliche Beleidigung aufgefasst. "

Anleger sind von ihren Ersparnissen abgeschnitten

Die Geldquelle versiegt Ende April: Die BaFin untersagt, weitere Kundengelder anzunehmen und Kredite zu vergeben - zu gering ist das Eigenkapital. Die Noa Bank versucht, das ihren Kunden anders zu verkaufen. Sie tut so, als habe sie freiwillig den Geldfluss gestoppt, versucht, dies als Beleg für die Beliebtheit der Bank zu verkaufen. Erst als es nicht mehr anders geht, muss Jozic kleinlaut zugeben, dass er nicht weiß, welche Anforderungen an das Bankgeschäft gestellt werden.

Als die BaFin ihn auffordert, Kapital zu beschaffen, schreibt er in seinem Blog: "Rechtlich ist dies korrekt, aber das wussten wir nicht." Experten wie der Frankfurter Professor für Bankwissenschaft, Martin Faust, wollen es nicht glauben. Offenbar habe das von Jozic ausgewählte Management "keinen Einblick, wie eigentlich eine Bank zu führen ist". Einer der Gründungsmanager, der frühere Vorstand der DG Bank Friedrich-Leopold Freiherr von Stechow, misstraut dem Treiben und scheidet Ende Juni aus der Geschäftsführung der Noa Bank aus. Das Lavieren von Jozic muss ein Graus für ihn gewesen sein. Warum er nicht der Sicherungseinrichtung des privaten Banken angehöre, wurde Jozic früh gefragt. "Weil man erst einen gewissen Erfolgsausweis braucht, bevor man dort aufgenommen wird." Vier Monate später hört sich das so an: "Der Sicherungsfonds ist praktisch insolvent, die suggerierte Sicherheit irreführend."

Bis zuletzt agiert die Noa Bank als GmbH & Co. KG - eine Rechtsform, die ausgesprochen wenig Transparenz verlangt. Zum Jahreswechsel 2010, so Jozic im November, solle die Bank in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden. Passiert ist nichts.

Je mehr die Bank in Not gerät, desto heftiger wittert Jozic eine Verschwörung, angezettelt vom Finanzestablishment. Dabei sind viele Fragen der Kritiker berechtigt. Er sammelt Unterschriften im Internet für "finanzielle Demokratie". Auf der Liste werden Namen wie Josef Ackermann oder George Soros nicht entfernt - obwohl diese Einträge witzig gemeinte Fälschungen sind.

Nun ist der Spuk zu Ende. Die Anleger sind von ihren Ersparnissen abgeschnitten. Wie viel sie davon wiedersehen, hängt von der Einlage ab. Alles, was über 50.000 Euro hinausgeht, ist wohl verloren. Dazu schweigt Jozic am Mittwoch in seinem Blog.

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