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Sabine Lautenschläger "Im Arbeitsleben gibt es keine Gleichberechtigung – schon gar nicht auf der Führungsebene"

30 Jahre lang war Sabine Lautenschläger gegen eine Quote. Doch dann musste sie einsehen: Die Widerstände sind zu groß.

Sabine Lautenschläger ist Juristin und war 2014 bis 2019 Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank und stellvertretende Vorsitzende der EZB-Bankenaufsicht.

"Ich bin keine Quotenfrau, aber ich erkläre mich solidarisch mit den Frauen, die eine sind. Ich selbst habe in meiner Laufbahn keine Diskriminierung erlebt, aber ich habe es bei anderen Frauen oft genug mitbekommen, dass sie es in vielen Bereichen schwerer hatten und immer noch haben, um nach oben zu kommen. 

Es wurde zwar 1949 im Grundgesetzt festgeschrieben, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind; und auch die sogenannte Hausfrauenehe wurde 1977 als gesetzliches Leitbild aufgegeben. Trotzdem gibt es im Arbeitsleben keine Gleichberechtigung – und schon gar nicht auf Führungsebene.

Ohne Frage, der Zugang zu Bildung und Ausbildung hängt heute nicht mehr vom Geschlecht ab. Mittlerweile machen mehr Frauen als Männer Abitur, und das im Durchschnitt besser, auch bei den Studienabschlüssen liegen Frauen vorn. Schwierig wird es erst später – im Berufsleben. Sie verdienen oft weniger als ihre männlichen Kollegen, selbst wenn sie genauso gut ausgebildet sind und die gleichen Leistungen bringen. Frauen stoßen an die berühmte gläserne Decke, wenn sie Karriere machen wollen. Und es sind vor allem die Frauen, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen müssen – nicht die Männer. 

Ich war 30 Jahre lang gegen eine Quote. Ich habe gedacht, wir brauchen sie nicht. Wir Frauen schaffen es aus eigener Kraft. Ich habe nicht geahnt, dass die Widerstände und Vorurteile so groß sind. 

© Carolin Windel / stern

Ich bin 2014 Direktorin der Europäischen Zentralbank geworden und war wie bei der BaFin und bei der Deutschen Bundesbank die einzige Frau im Vorstand.  Im Jahr 2008 gab es nur wenige, die die Verantwortung für die Bankenaufsicht übernehmen wollten. Zu dieser Zeit zeichnete sich die Finanzkrise am Horizont schon ab, wenn auch keiner das Ausmaß dessen, was dann geschah, vorhergesehen hatte. Und im Vergleich zur freien Wirtschaft wurde der Job bei einer Bundesbehörde nicht so gut bezahlt; das Interesse der Männer war gering. Insofern bin ich keine Quotenfrau, denn es ging wohl eher darum, in dieser Zeit jemanden zu finden, der bereit war, das mit der Position einhergehende Risiko zu tragen."

Uns interessieren auch Ihre Erfahrungen und Ihre Meinung. Wie sieht es in Ihrem Job aus? Könnten Sie mehr Frauen oder Männer gebrauchen? Schreiben Sie uns unter quotenfrau@stern.de


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