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Düzen & Tugba Tekkal "Wir sollten nicht so tun, als ob es immer nur die anderen Kulturen sind, die aus dem Orient, die Frauen unterdrücken" 

Düzen und Tugba Tekkal
Düzen und Tugba Tekkal
© Carolin Windel/stern
Zwei Schwestern, zwei Männerdomänen: Düzen und Tugba Tekkal wuchsen als Kinder jesidisch-kurdischer Flüchtlinge auf. Gegen den Willen ihrer Eltern wurde Düzen Kriegsberichterstatterin, Tugba Profi-Fußballerin. Ein Gespräch über Freiheit und Familienbande.

Düzen und Tugba Tekkal wuchsen als Kinder jesidisch-kurdischer Flüchtlinge in Hannover auf. Beide behaupteten sich in Männerdomänen.  Düzen wurde Kriegsberichterstatterin, Menschenrechtsaktivistin und Filmemacherin und u.a. mit dem Bayrischen Filmpreis ausgezeichnet. Tuğba schaffte es in die Fußballbundesliga und ist heute als Werbebotschafterin für die Bildungsinitiative GermanDream unterwegs. Dem stern erzählen von ihrem Kampf in die Freiheit. 

Tugba, wie war das als Jesidin Fußball zu spielen? 

Tugba: Meine Eltern meinten, für Mädchen schickt es sich nicht, mit Schrammen am Bein nach Hause zu kommen. Sie wollten eher das ich Kochen und Backen lerne, die ersten Jahre hab ich mich heimlich auf den Bolzplatz geschlichen. Da kam mir das Glück der Großfamilie zugute. Die dreckigen Klamotten konnte ich einfach in die Wäsche stopfen und meinen Brüdern unterjubeln.  Bei zehn Geschwister ist das nicht so schwer. 

War es wirklich so easy? 

Tugba: Naja, ich musste auch ein bisschen flunkern. Ich habe zum Beispiel gesagt, ich gehe nach der Schule lernen, war aber von 14:00 bis 18:00 Uhr Fußballspielen und kam dann total dreckig und verschwitzt nach Hause. Das waren dann so Momente, wo meine Mutter schon mal nachgefragt hat, wo lernt ihr eigentlich, im Schlamm, im Dreck? 

Und wann kam die Stunde der Wahrheit? 

Tugba: Mit 16, da war ich schon ein dreiviertel Jahr im Verein. Ich war selbstbewusster geworden, meine Noten in der Schule waren besser geworden. Ich hatte nicht mehr das Gefühl eine Außenseiterin zu sein, sondern Teil von etwas Großem. An diesem Gefühl wollte ich meine Eltern teilhaben lassen. Ich habe dann meine beiden älteren Brüder überredet mir zu helfen und wir haben es dann gemeinsam meinen Eltern beigebracht. Sie haben es akzeptiert, weil sie bemerkt haben, dass es mich positiv verändert. 

Bis du deinen ersten Profivertrag unterschrieben hast? 

Tugba: Ja, beim HSV und ich musste nach Hamburg umziehen – alleine, als unverheiratete Frau, mit 21 Jahren. Es war wirklich hart, die ersten Wochen ganz alleine in der Stadt, in der Wohnung – ohne die Familie – ich war oft traurig, hab viel geweint und war gleichzeitig auch sehr stolz. Es war ein ständiger Zwiespalt, der in mir tobte. 

Düzen, du bist die ältere Schwester von Tugba, wie war es bei dir? 

Düzen: Ich sage immer, als Tochter von kurdisch-jesidischer Flüchtlinge in Deutschland zur Welt zukommen, ist nichts für schwache Nerven. Es ist ein ständiger Kampf zwischen Kollektivismus und Individualismus, zwischen Patriarchat und Selbstbestimmung. Ich habe alles in Frage gestellt, warum dürfen Mädchen nicht ins Schullandheim, warum dürfen Mädchen nicht laut sein, warum müssen sie sich immer unterordnen, warum dürfen sie nicht bei Freundinnen übernachten?  Ich habe immer gesagt, ich will dasselbe wie meine Brüder, ich will dasselbe wie die deutschen Kinder. Ich wollte ein Leben führen, was nie so für mich vorgesehen war. Das war ein harter Kampf. 

Ein Kampf zwischen Familie und Freiheit? 

Düzen: Ich liebe meine Eltern dafür, dass sie die sind, die sie sind. Sie sind die Quelle unserer ganzen Kraft, sie sind unser Zuhause, unser kulturelles Erbe. Aber dieses Erbe hat auch etwas toxisches. Die eigenen Bedürfnisse spielen in einer kollektivistischen Kultur wie der unseren eine weniger große Rolle. Es geht ganz stark darum sich zu fügen, unterzuordnen, sich dem Gemeinwohl anzuschließen. Diese totale Individualisierung, wie sie in Deutschland schon bei kleinen Kindern üblich ist, wird eher als befremdlich wahrgenommen. 

Wie haben ihre Eltern reagiert? 

Düzen: Es gab schon harte Ansprachen. Ein Satz, der uns immer wieder begegnete, war: Was sollen die anderen sagen? Was sollen die anderen denken? Wie stehen wir da? Das ist schon ein großer Unterschied zum deutschen Kulturkreis, dort geht es ja sehr stark darum, was das Kind will. Bei uns war es eher so, was können die Kinder für die Erwachsenen tun. 

Ist das falsch? 

Düzen: Nein, ich glaube, es geht eher um die grundsätzliche Frage, ob man lebt oder gelebt wird. Und ich glaube schon, dass Frauen sich häufiger leben lassen. Stärke, Durchsetzungskraft wird Männern eher zugestanden als Frauen. Ich kann mich noch erinnern, als mein Vater mir ein Kompliment machen wollte, hat er gesagt, du bist wie ein Sohn für mich. Ich weiß, es war nett gemeint, aber eigentlich war es ein vergiftetes Kompliment. Gleichwohl sollten wir nicht so tun, als ob es immer nur die anderen Kulturen sind, die aus dem Orient, die Frau unterdrücken. Aber wir hier im Westen sind ach so emanzipiert. 

Das stimmt nicht? 

Düzen: Meine Erfahrung ist, egal wo, immer dann, wenn es wichtig wird, immer wenn es um etwas geht, dann kommt der Widerstand, dann kommen die Angstmacher. Immer wenn ich in Männerdomänen vorgedrungen bin, war das mit heftigster Konfrontation verbunden. 

Wie hast du es trotzdem geschafft? 

Düzen: Meine Eltern haben sehr großen Wert auf Bildung gelegt, obwohl sie zur sogenannten bildungsfernen Schicht gehören. Meine Mutter hat nie lesen und schreiben gelernt. Aber es war ihnen wichtig und ich habe früh begriffen, dass Bildung mein Ticket in die Freiheit ist. Ich wusste, wenn ich frei sein will, muss ich etwas leisten. Freiheit gibt es nicht umsonst, nicht in der Kultur, in die ich hineingeboren worden bin. Also bin ich losgerannt und habe eigentlich nie, nie wieder aufgehört zu rennen. 

Du und deine Schwester, ihr seid euren Eltern wortwörtlich davongerannt? 

Tugba: Nein, wir sind nur voraus gerannt und irgendwann sind sie mitgerannt. Sie haben sich zusammen mit uns emanzipiert. Das war sehr schön. Unser Vater wollte eigentlich auch immer viel vom Leben, vieles ist ihm gelungen, vieles ist ihm verwehrt geblieben, weil er nicht konnte wie er wollte. Durch uns hat er gesehen, man kann sich unabhängig machen von der Meinung der anderen. Also hat irgendwann entschieden, egal was die anderen sagen, ich stehe zu meinen Töchtern. 

Auch öffentlich? 

Düzen: Ja, ich erinnere mich, als mein preisgekrönter Film „Hawar – meine Reise in den Genozid“ im Europaparlament gezeigt wurde, da bin ich von einigen Männern verbal in die Ecke gedrängt worden. Warum zeigst du den Film? Das steht dir nicht zu. Mein Vater war dabei, als ich so bedroht wurde und hat geantwortet, mit mir konnten ihr das machen, mit meiner Tochter nicht, meine Tochter hat keine Angst. Meine Tochter ist Kurdin, meine Tochter ist Jesidin, ist Deutsche. Und wenn ihr glaubt, mit dieser Form der Unterdrückung hier weiterzukommen, dann habt ihr euch getäuscht. Da musste ich weinen.  


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