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Allensbach-Studie: Lieber reisen als sparen: Wie die Generation 30+ in die Altersarmut rutscht

Die 30- bis 59-Jährigen beurteilen ihre ökonomische Situation laut einer Studie als sehr gut. Trotzdem sind viele massiv verunsichert - und verschließen in Geldfragen lieber die Augen vor der Zukunft.

Im Moment leben statt für die Zukunft zu sparen entspricht dem heutigen Lebensgefühl

Im Moment leben statt für die Zukunft zu sparen entspricht dem heutigen Lebensgefühl

Getty Images

Lange Zeit galten die Deutschen so ziemlich als die größten Sparfüchse unter der Sonne. Hart arbeiten und viel sparen für einen geruhsamen Lebensabend - das war das Credo der Nachkriegsgenerationen. Von diesem Modell hält die arbeitende Bevölkerung von heute nicht viel. Das legt eine aktuelle Umfrage des Allensbach-Instituts unter 1048 repräsentativ ausgewählten 30- bis 59-Jährigen nahe, die im Auftrag des Versicherungsverbands GDV durchgeführt wurde.

Diese mittlere Generation zählen zwar "finanzielle Unabhängigkeit" und "finanziell abgesichert sein" zu den die wichtigsten Dingen im Leben neben Gesundheit, Partnerschaft und Freundschaften. 82 Prozent bzw. 74 Prozent der Befragten halten diese beiden Geldfragen für wichtig. Beim Konsum einschränken will man sich dafür aber nicht: "Sparsamkeit und sparsam leben" halten nur 14 Prozent für wichtig. Folgerichtig stimmen auch drei von vier Befragten der Aussage zu: "Ich halte es für sehr vernünftig Geld zurückzulegen, aber mit Maßen. Ich habe keine Lust, mich dafür allzu sehr einzuschränken."

Die Möglichkeit zu reisen und "sich im Alltag immer wieder etwas leisten können" sieht die Generation Mitte laut der Umfrage als die größten Vorteile gegenüber der Generation ihrer Eltern. Und davon machen die 30-, 40- und 50-Jährigen eben auch gerne Gebrauch.

Ökonomische Situation ist sehr gut

Die geringe Sparneigung hat aber auch etwas Schizophrenes. Denn die Angst "dass meine Rente unsicher ist bzw. dass ich meinen Lebensstandard im Alter nicht halten kann" zählt laut der Umfrage zu den drei größten Ängsten der Generation Mitte überhaupt. Nur die Angst vor gesundheitlichen Problemen oder davor, dass der Familie etwas zustößt, ist noch größer. Zudem ist der Punkt "Geld haben, Ersparnisse haben" die Top-Antwort auf die Frage, was zu einem persönlichen Sicherheitsgefühl beiträgt.

Die finanziellen Mittel um vorzusorgen, müssten bei vielen eigentlich da sein. Ihre materielle Situation beurteilen die 30- bis 59-Jährigen mehrheitlich positiv. 56 Prozent sind mit ihrer materiellen Situation insgesamt zufrieden, nur 12 Prozent sehen diese negativ. Angst vor Arbeitsplatzverlust ist kaum vorhanden - nur 12 Prozent sorgen sich um ihren Job.

Vor allem ist diese der Wohlstands-Trend ausgesprochen stark: So berichten 42 Prozent, dass sich ihre finanzielle Situation in den vergangenen fünf Jahren verbessert hat, nur 18 Prozent berichten von einer Verschlechterung. Und auch der Ausblick ist gut: Für die kommenden fünf Jahre rechnet jeder Fünfte mit einer Verbesserung der eigenen wirtschaftlichen Lage, nur 7 Prozent gehen von einer Verschlechterung aus. Die oft diskutierte Abstiegsangst ist in der mittleren Generation kaum vorhanden. Nur 11 Prozent der Befragten stuften sich als akut abstiegsgefährdet ein, bei der gleichen Umfrage vor zwei Jahren waren es noch 15 Prozent.

Politische und gesellschaftliche Verhältnisse verunsichern

Warum also denkt die arbeitende Bevölkerung von heute so wenig an die Absicherung von morgen? Zum einen ist der ökonomische Aufschwung nicht bei allen angekommen. Bei den Befragten mit schwachem sozioökonomischen Status fällt die Beurteilung der finanziellen Lage deutlich schlechter aus als im Schnitt. Alle trifft zudem die anhaltende Niedrigzinsphase, die viele klassische Sparformen unattraktiv macht, weil sich mit ihnen  kaum Renditen erwirtschaften lassen.

Vielleicht ist die Neigung, lieber an heute als an morgen zu denken, aber auch einer generellen Unsicherheit zuzuschreiben, die die Generation Mitte laut der Allensbach-Studie erfasst hat.  Denn allen ökonomischen Erfolgen zum Trotz ist das Vertrauen der 30- bis 59-Jährigen in die politische und gesellschaftliche Stabilität des Landes in den letzten Jahren stark eingebrochen. Nur jeder Fünfte hält den Zusammenhalt in der Gesellschaft für stark, 65 Prozent bezeichnen ihn als schwach. Und zwei Drittel haben den Eindruck, dass er weiter schwächer wird.

Noch dramatischer ist der Vertrauensverlust gegenüber den politischen Kräften im Land. Während 2015 immerhin jeder Zweite angab, aus den politischen Verhältnissen im Land ein Gefühl der Sicherheit zu ziehen, so sind es in der aktuellen Umfrage nur noch 27 Prozent. Ob die Menschen dafür die Regierung verantwortlich machen oder die AfD, wurde nicht abgefragt. Dass die Unsicherheit mit der zunehmenden Schärfe in der Migrationsdebatte zusammenhängt, liegt jedenfalls nahe. 

Horst von Buttlar: Der Capitalist: Angst vor Altersarmut? Drei Tipps gegen die Renten-Panik