HOME

Unternehmer Andreas Ritzenhoff : Dieser Mann will Angela Merkel den CDU-Vorsitz streitig machen

Der gelernte Arzt Andreas Ritzenhoff führt in Marburg an der Lahn ein fast 200 Jahre altes Unternehmen mit 700 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 80 Millionen Euro. Jetzt möchte er CDU-Vorsitzender werden.

Andreas Ritzenhoff kämpft gegen Ikea und um den CDU-Vorsitz

In den vergangenen Monaten hat Andreas Ritzenhoff viele Gespräche mit Politikern in Hessen und auch in Berlin geführt. Dabei sei er "erschrocken, wie viele von denen nur die Achseln zucken. Sie wissen, wovon ich rede, und sagen, sie können nichts tun. Oder schauen bewusst nicht hin."

Andreas Ritzenhoff hätte nie gedacht, dass er es eines Tages wegen seiner Überzeugung mit einer Weltpolitikerin aufnehmen würde. Und als mittelständischer Unternehmer mit einem Weltkonzern. Dass er sich hineinbegeben würde in den innerparteilichen Kampf um den Vorsitz einer Regierungspartei – und in einen globalen Krieg, der an Kassen geführt und von Konzernen diktiert wird. Es geht um Ikea und China und eine Glühbirne. Um einen Mann, der sich nicht aus der Fassung bringen lässt.

Andreas Ritzenhoff, 61, hat lange gezögert, seine Geschichte öffentlich zu machen. Unternehmer erzählen lieber vom Erfolg, diese aber handelt auch von Verzweiflung. Seine Erfahrung auf dem Weltmarkt für Leuchtmittel gab den letzten Anstoß für seine Entscheidung, nun Anspruch auf den Vorsitz der CDU zu erheben. In direkter Konfrontation mit der Kanzlerin. Ritzenhoff ist bereit zu kämpfen: um politischen Einfluss und um sein Unternehmen.

Ein "Hidden Champion" des deutschen Mittelstandes

Der gelernte Arzt führt in Marburg an der Lahn ein fast 200 Jahre altes Unternehmen mit 700 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 80 Millionen Euro. Er verdient sein Geld mit medizinischem Zubehör und als Weltmarktführer für Aluminiumdesignverpackungen in der Kosmetikindustrie. Wer zum Beispiel ein Dior-Parfüm benutzt, hält in der Regel auch ein Ritzenhoff-Produkt in der Hand.

Der Mann gilt als einer der vom deutschen Mittelstand so gern gefeierten "Hidden Champions". Mehrfach wurde er für seine Innovationen ausgezeichnet. Er spricht fünf Sprachen, sein Medizinstudium führte ihn über Belgien bis nach Chile, wo er als junger Mann Priester bei ihrer Arbeit in Slum-Vierteln begleitete. Dort lernte er, wie er sagt, das "Leben ganz unten kennen".

Auf einer Wiese in Marburg steht die wohl modernste Fertigungsanlage der Welt für LED-Lampen

Auf einer Wiese in Marburg steht die wohl modernste Fertigungsanlage der Welt für LED-Lampen

Nachdem sein Vater ihn gebeten hatte, in den elterlichen Betrieb zu wechseln, wurde der Arzt Unternehmer, ein ziemlich erfolgreicher, der nach neuen Märkten und neuen Möglichkeiten suchte – und eines Tages eine neue LED-Lampe entwickelte. Diese Lampe ist um 60 Prozent leichter als vergleichbare Produkte aus China und vollständig recycelbar, nachhaltig also, und so freute sich Ritzenhoff, als sich bei ihm vor sechs Jahren Einkäufer von Ikea meldeten und fragten, ob er bereit sei, eine Produktionsanlage für einen millionenfachen Absatz zu bauen. Das mächtigste Möbelhaus der Welt und größter Verkäufer von LED-Lampen. Es schien wie ein Sechser im Lotto.

Damals waren die Schweden auf der Suche nach einem europäischen Hersteller künstlichen Lichts. Auch, um ökologischer zu produzieren. Auch, um klimaschädigenden Seetransport zu vermeiden. "Werde Teil eines nachhaltigen Lebens" ist ein Ikea-Slogan.

Ritzenhoffs Leute lieferten dazu die perfekte Geschichte: Ohne massiven Einsatz von Aluminium entstanden aus dünn geformten Blechen Hochleistungsleuchten. Sie wurden mehrfach mit Umweltpreisen ausgezeichnet. Auch mit dem "Blauen Engel" aus der Hand der Bundesumweltministerin.

Nicht leicht, ins Geschäft mit Ikea zu kommen

Um ins Geschäft mit Ikea zu kommen, müssen viele Hürden überwunden werden. Etwa tausend Zulieferer tragen zum Umsatz von jährlich über 30 Milliarden Euro bei. Ikea schickte Inspektoren, Ritzenhoffs Firma zu prüfen. Das Möbelhaus hat sich einen Verhaltenskodex auferlegt: Gewisse Standards bei Umweltfragen und Arbeitsbedingungen müssen eingehalten werden. Ikea begreift sich als "Family".

Familienunternehmer Ritzenhoff gefiel den Schweden. Er unterstützt kranke Mitarbeiter auch bei aufwendigen Operationen und zahlt privat, wenn Angestellte oder ihre Angehörigen in Schwierigkeiten geraten. Ikea empfahl ihm, den international erfahrenen niederländischen LED-Experten Martijn Dekker als Berater einzustellen. Auf schriftliche Verträge drängte Ritzenhoff zwar vergeblich, aber was und wie das Geschäft mit Ikea besprochen wurde, legte ein ernsthaftes Interesse der Schweden an einer langfristigen Zusammenarbeit nahe. Ritzenhoff hatte, auch nach seinen Erfahrungen mit anderen Global Playern, keine Zweifel, dass Ikea Wort hält.

Ritzenhoff wollte mit seiner Produktion nachhaltiger LED-Lampen mit Ikea ins Geschäft kommen. Doch Ikea hielt sich nicht an seine Ankündigungen. Nun stehen die Maschinen still.

Ritzenhoff wollte mit seiner Produktion nachhaltiger LED-Lampen mit Ikea ins Geschäft kommen. Doch Ikea hielt sich nicht an seine Ankündigungen. Nun stehen die Maschinen still.

So entstand 2014 auf einer Wiese bei Marburg eine voll automatisierte Fertigungsstraße. Das Bundesumweltministerium förderte den 15 Millionen Euro teuren Bau mit zweieinhalb Millionen aus seinem Umweltinnovationsprogramm. "Natürlich haben wir darauf gehofft", sagt Fabian Jäger-Gildemeister vom Umweltbundesamt, "dass dieses Projekt dauerhaft und erfolgreich läuft und vorbildhaft zeigt, wie man mit innovativer Technik modern produzieren kann und die Umwelt schont. Diese Erfindung sollte sich über die Branche hinaus verbreiten, um in Europa auch mehr Unternehmer zu ermuntern, dass man sich Produktionskapazitäten aus China wieder zurückholt."

Mitte 2014 sagte Ikea zu, Ritzenhoff jährlich mehr als fünf Millionen Lampen abzunehmen. In einem hausinternen Ranking über die Nachhaltigkeit der Produkte schnitt Ritzenhoff am besten ab. Ein Ikea-Mitarbeiter gratulierte und wünschte weiterhin "good luck". Auch Ritzenhoff war zufrieden. "Wir bewiesen", sagt er, "dass wir durch vollständige Automatisierung den vermeintlichen Wettbewerbsnachteil eines Hochlohnlandes ausgleichen konnten." Trotz Robotereinsatzes wurden 50 Arbeitsplätze in Hessen geschaffen.

Alle zwei Tage karrten nun 40-Tonner mehr als 60.000 dimmfähige Lampen vom Werksgelände. In einem Schreiben bestätigte Ikea beste Produktqualität und hervorragende Nachhaltigkeitswerte für Ritzenhoffs LED-Lampen.

Schweden drücken die Kosten

Doch dann – die Begeisterung war noch frisch –begann Ikea plötzlich, günstigere Einkaufspreise zu verlangen. Der Wettbewerb sei sehr hart, die Schweden drückten auf die Kosten, immer wieder. Als Ritzenhoff vorschlug, ein System der Kreislaufwirtschaft aufzubauen, verbrauchte Lampen zu demontieren und als Rohstoff zur Produktion neuer zu verwenden, wurden die Ikea-Leute ungehalten. "Ich ging denen damit auf den Geist", sagt Ritzenhoff. "Dabei habe ich sie nur darin unterstützen wollen, ihre Umweltziele umzusetzen."

Köttbullar & Co.: Von dieser Seite kennen Sie Ikea noch nicht

Im Frühjahr 2017 teilte Ikea mit: Ritzenhoffs Produkte seien "30 bis 35 Prozent" teurer als der "durchschnittliche Marktpreis". Sollte sich das nicht ändern, werde die Zusammenarbeit im zweiten Halbjahr beendet. Was Ikea nicht sagte: dass chinesische Firmen den LED-Markt beherrschen. Und damit die Preise diktieren.

Tatsächlich konnte Ritzenhoff zu den von Ikea gestellten Bedingungen nicht mehr liefern. "Ich zahlte für meine Rohmaterialien plötzlich mehr, als die Chinesen für fertige Produkte verlangten", sagt er. "Weil der chinesische Staat seine Lichtindustrie mit Milliarden-Subventionen unterstützt." Vergeblich Ritzenhoffs Versuche, Ikea an Versprechen zu erinnern. Jenes zum Beispiel, dass "Ikeas niedrige Preise niemals auf Kosten von Menschen oder der Umwelt" zustande kommen dürfen, wie so oft behauptet. "Ich hatte keine Chance, trotz unfassbar geringer Marge", sagt Ritzenhoff. "Ikea wusste das, die Zahlen lagen auf dem Tisch."

Er verlor den Auftrag.

Ritzenhoffs Geschichte erzählt nicht nur etwas über den Umgang eines Weltkonzerns mit seinen Geschäftspartnern. Sie erzählt auch, wie aggressiv sich China Marktzugänge sichert. "China kann uns überrollen", sagt Mikko Huotari vom "Mercator Institute for China Studies (Merics)" in Berlin. "Da wird massive Subventionspolitik betrieben. Das haben wir schon bei der Solarenergie gesehen. Das ist ein Muster, das sich jetzt vielfach auch in anderen Industrien wiederholen kann."

Ikea-Upcycling : So werden aus Standardmöbeln individuelle Hingucker

"China hat eine Strategie", sagt Andreas Ritzenhoff, "und Europa hat keine." Längst beherrschen die Chinesen so den vor zehn Jahren noch von deutschen Firmen dominierten Solarmarkt. Einstige Marktführer wie "Solarworld", "Q-Cells", "Solarfabrik" und "Conergy" sind heute entweder in der Insolvenz, von asiatischen Firmen aufgekauft oder bedeutungslos geworden.

Andreas Ritzenhoff fühlt sich verraten

Auch das Geschäft mit LED-Leuchten gilt als Zukunftsmarkt. Bald soll die sogenannte "Li-Fi"-Technologie das bisher übliche WLAN ersetzen. "Li-Fi" steht für "Light Fidelity", eine Form der optischen Datenübertragung per Lichtstrahl – mit einer hundertfach höheren Geschwindigkeit.

Andreas Ritzenhoff hätte gern dabei geholfen und, ja, auch profitiert. Stattdessen fühlt er sich "verraten" und wirft Ikea vor, "die Chinesen in ihrer aggressiven Industriepolitik" zu unterstützen.

Auf Reddit: Ikea-Mitarbeiter erzählen von Kunden aus der Hölle

Auf die stern-Anfrage reagierte Ikea mit der Bitte um "Verständnis, unsere geschäftliche Entscheidung in der Öffentlichkeit nicht zu kommentieren". Die "Ikea LED-Lampen" würden "zu den niedrigsten Preisen" verkauft, "um jeden zu ermutigen, ein nachhaltigeres Leben zu Hause zu führen". LED-Experte Martijn Dekker sagt: "Ikea hätte länger durchhalten können, damit Europa die Chance bekommt, ein nachhaltiges Massenprodukt langfristig hier zu produzieren."

Andreas Ritzenhoff will das Möbelhaus nun auf Schadenersatz in Millionenhöhe verklagen. "Ikea hat sich so verhalten", sagt seine Rechtsanwältin Nadine Herrmann, "dass insgesamt der Eindruck erweckt wurde, dass man sich gleichwohl auf die Versprechen verlassen konnte, obwohl es keine schriftliche Zusage gab."

In den vergangenen Monaten hat Ritzenhoff viele Gespräche mit Politikern in Hessen und auch in Berlin geführt. Dabei sei er "erschrocken, wie viele von denen nur die Achseln zucken. Sie wissen, wovon ich rede, und sagen, sie können nichts tun. Oder schauen bewusst nicht hin."

Kampf um den CDU-Vorsitz

Ritzenhoff ist entschlossen, "diese Apathie" nicht hinzunehmen. Der gläubige Katholik will sich um Gerechtigkeit bemühen. Um Werte, die nicht verhandelbar sind. Kein Achselzucken, sondern Haltung. "Wir müssen wieder zu kämpfen lernen", sagt er, "Chinas Kollektivismus kollidiert mit unserem Bild vom Individuum." Deshalb ist er Anfang des Jahres in die CDU eingetreten. Und deshalb tritt er Anfang Dezember an, Angela Merkel, die einst mächtigste Strategin der westlichen Welt, aus dem Parteivorsitz zu drängen.

Bei Ikea liegen nun in China gefertigte LED-Lampen im Regal, die, im Übrigen, denen von Ritzenhoff in Form und Design sehr ähneln.

Gewiefte Strategie: Aus diesem Grund verkauft Ikea seine Hot Dogs für einen Euro
Themen in diesem Artikel