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Auf der Hollywoodschaukel mit ... Wolfgang Macht: Ein Sommer in der Dotcom-Blase

Wolfgang Macht ist ein Veteran des Internetgeschäfts - und er durfte sich zumindest einmal so fühlen, als könnte er übers Wasser laufen. Damals, im Jahr 2000.

Herr Macht, Sie sehen nicht so aus, sind aber ein Veteran, dem mancher heute anerkennend auf die Schulter klopft.
[lacht] Stimmt. Junge Start-Up-Gründer kennen die Netzpiloten als, sagen wir: Traditionsmarke im Web. Und die Anerkennung kommt sicher auch daher, dass wir immer noch da sind.

Als alles begann - C64 oder Atari?


Atari. Aber, Achtung - ich hatte später auch einen Schneider-PC mit zwei großen Floppy-Laufwerken. Auf einer Disc war das Betriebssystem - irre oder? Was habe ich mich abgemüht, auf dem PC Seminararbeiten zu produzieren. Es war unfassbar umständlich. Wahrscheinlich wäre ich mit der Schreibmaschine und ein paar Durchschlägen schneller gewesen.

Private Computer waren in der Regel offline.


Kann sich heute keiner mehr vorstellen, aber ja: komplett offline. Damals, in den 90ern, fanden wir es wahnsinnig aufregend, uns gegenseitig Faxe zu schicken. Auf Thermopapier.

Dann kam das Web.


...und kein Mensch wusste, was es werden würde. Viele dachten, das entwickle sich nur zu einer neuen Art Telefonverbindung. Andere glaubten, dass sich die Nationalstaaten im Netz auflösen würden. Es war eine Zeit ungeheurer Naivität und sensationeller Utopien. Tekkies und Hippies waren die wichtigsten Antreiber.

Sie haben zunächst als Journalist über das Netz geschrieben.
Das hat in den Redaktionen kaum einer ernst genommen. Bis die großen Konzerne wie IBM ins Netz investiert haben. Da wussten alle: Es kommt, ob wir wollen oder nicht.

Machen wir einen kleinen Zeitsprung, mitten hinein in die Dotcom-Blase. Sie waren bereits Unternehmer und erlebten den Sommer Ihres Lebens.


Wir hatten uns mit den Netzpiloten eigentlich gemütlich in der Nische eingerichtet. Saßen in einer Privatwohnung im Hamburger Schanzenviertel. Im März 2000 stiegen Investoren ein - und wir waren bereit und willig, einen aberwitzigen Galopp vorzulegen. Innerhalb von drei Monaten haben wir das Personal von 20 auf 150 hochgefahren und vier Außenbüros gegründet, in Paris, Mailand, Barcelona und San Francisco.

Und das war erst der Anfang.


Nach den Büroeröffnungen kam ich völlig erschlagen aus San Francisco zurück - musste aber sofort nach Köln, weil wir dort unseren Werbespot drehen wollten. Und obwohl ich wusste, was geplant war, haute es mich um: ein riesiges Studio, in der Mitte ein Flugzeug, Tänzer, Beleuchter, Regie, vielleicht 50 Leute, die mich alle anstarrten, weil ich ja der Kunde war. Ich dachte schon damals: Das kann nicht ewig so weiter gehen. Aber es ging weiter. Tage später hatten einen extrem glamourösen Termin in einer Vorstandsetage an der Champs-Élysées und bei einem Notartermin in Barcelona lief die ganze Kanzlei zusammen und bestaunte uns. Weil: Diese beiden Jungs mit ihren Fahrradkurier-Taschen waren ja die Wunderunternehmer aus diesem neuen Internet. Auf uns lag eine enorme Aufmerksamkeit, es schien keine Grenzen zu geben. Jeder wollte mit uns zusammenarbeiten. Mercedes, MAN, das war die Old Economy, die wir glaubten schon hinter uns gelassen zu haben.

Wie lang hielt das Gefühl an?


Weniger als ein Jahr. Im Sommer 2001 guckte uns keiner mehr mit dem Arsch an. Und alle jammerten, wie viel Geld sie an der Börse verloren hatten. Wir mussten fast alle unsere Außenbüros wieder schließen, zig Leute entlassen. Zurück auf Los. Rückblickend bin ich froh, dass wir diesen Sommer 2000 überlebt haben. Das war mörderisch. Aber auch geil.

Das Gespräch führte Lutz Kinkel.

Interview: Lutz Kinkel