Cap-Markt Arbeit mit Handicap


Der Cap-Markt ist ein ganz normaler Supermarkt im Hamburger Norden, der sogar einen kleinen Gewinn erwirtschaftet. Doch eine Besonderheit gibt es: Nahezu alle Mitarbeiter sind geistig behindert oder psychisch krank.

"Behinderte gibt's hier nicht", sagt Dennis Röseler und grinst verschmitzt über seine dicken Brillengläser. "Also ich fühl' mich zumindest nicht so." Emsig zieht der blonde Mann Kaffee und Waschmittel über die Registratur. "Ich mach' ja genau das Gleiche wie andere Verkäufer auch." Eben noch hat der 25-Jährige am Eingang Kunden begrüßt, jetzt sitzt er an der Kasse. Auf seinem weißen Arbeitskittel prangt ein bunter Aufnäher: das "Cap"-Logo. "Das kommt vom englischen 'handicap'", sagt er, "also Behinderung."

Der moderne Supermarkt im Hamburg-Bramfeld ist nur auf den ersten Blick ein Lebensmittelgeschäft wie jedes andere. In der Bengelsdorfstraße arbeiten 25 Mitarbeiter, 19 von ihnen sind geistig behindert oder psychisch krank. Auf 460 Quadratmetern Verkaufsfläche erleben sie im Cap-Markt ein Stück normale Arbeitswelt, sortieren Artikel in die Regale, wiegen Fleisch und Wurst ab und verkaufen Backwaren. Unterstützt werden sie von Fachangestellten. In Hamburg gibt es bisher einen dieser besonderen Läden, deren Konzept von der Genossenschaft der Werkstätten für Behinderte eG in Baden-Würtemberg erstellt wurde. Bundesweit werden es bis zum Jahresende 31 sein.

Integration fördern, Versorgungslücken schließen

"Mir gefällt es hier", sagt Jürgen Lorenzen. Der 58-Jährige ist Stammkunde im Hamburger Cap-Markt. Der Lagerleiter genießt die Atmosphäre in dem Geschäft. Außerdem stimmten die Preise und das Angebot. Neben einer großzügigen Obst- und Gemüseauslage gibt es rund 15.000 Produkte. Bei Kundenanfragen wird das Sortiment zudem gern erweitert. "Und bequem herlaufen kann ich auch", sagt Lorenzen.

Zusammen mit der Integration von behinderten Menschen in die Gesellschaft steht das bei Cap-Märkten an erster Stelle: Versorgungslücken im ortsnahen Einkauf zu schließen. In Hamburg funktioniert das offenbar, nur auf zwei weitere Lebensmittelgeschäfte können die rund 3500 Anwohner im Umkreis ausweichen.

Langsamer, aber zuverlässiger

"Bisher konnten wir keinen Rückgang der Kundenzahlen feststellen", bestätigt Wilfried Kahle von den Winterhuder Werkstätten, dem Hamburger Betreiber des Ladens, "Wir haben es geschafft!" Dabei war anfangs unklar, ob sich das seit 1999 vor allem in ländlichen Gebieten erprobte Modell erfolgreich auf eine Großstadt übertragen lässt. Zudem hatten die Verkaufsräume der ehemaligen Spar-Filiale zwei Jahre leer gestanden, einen festen Kundenstamm gab es nicht. "Und ob sich Mitarbeiter finden würden, die den Laden langfristig am Laufen halten konnten, wusste auch keiner", sagt Kahle.

Heute, gut zwei Jahre nach der Eröffnung, berichtet der 47-Jährige stolz: "Von Beginn an haben wir selbst verantwortungsvolle Positionen wie die Kasse mit behinderten Menschen besetzen können. Unsere Mitarbeiter sind vielleicht etwas langsamer als andere, dafür aber zuverlässiger." Mittlerweile erziele der Markt sogar Gewinne, "obwohl uns ja die berühmte schwarze Null reichen würde", erklärt Kahle. Cap-Märkte arbeiten nicht profitorientiert, sie werden aus der "Ausgleichsabgabe" bezuschusst. Diese zahlen Firmen, die zu wenig Schwerbehinderte beschäftigen. Im nächsten Jahr kann so ein zweiter, größerer Markt in der Hansestadt entstehen. Deutschlandweit sind 13 weitere Filialen geplant.

Vorurteile durch Engagement ausräumen

Auf dem Erfolg ausruhen möchten sich Wilfried Kahle und sein Team jedoch nicht, stetig erweitern sie das Angebot des Hamburger Marktes. Neben eigenen Produkten wie Tee und Wein sowie dem kostenlosen Beratungs- und Lieferservice bieten sie im Winter vor dem Laden Glühwein und Eintopf an. "Vorurteile kann man nur durch mehr Arbeit und außergewöhnliches Engagement vom Tisch bekommen", erklärt Kahle.

Ehrliche Anerkennung, darauf baut auch Dennis Röseler: "Ich seh' das hier als Sprungbrett nach draußen." Im "ersten Arbeitsmarkt" locke ihn der Tariflohn, "irgendwann will ich mir nämlich eine eigene Wohnung leisten." Und dann fügt er noch hinzu: "Aber auch so: Von der Werkstatt in den Verkauf, da hat man schon was erreicht im Leben."

Lena Ganschow/DPA DPA

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